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Kontrastive Fokusreduplikation

Bei der kontrastiven Fokusreduplikation handelt es sich um ein Reduplikationsphänomen, bei dem, einfach gesprochen, ein Wort verdoppelt wird. Eine der beiden Kopien, im Deutschen oder im Englischen die erste der beiden, wird fokussiert. Semantisch gesehen wird die Konstruktion meist benutzt, um eine prototypische Bedeutung zu erzeugen, wobei diese prototypische Bedeutung auch kontextabhänig sein kann. Ein Beispiel findet sich in (1).

  1. Ich will KAFFEE-Kaffee und nicht diese Instantbrühe!

Im Deutschen sind es vor allem Substantive, die redupliziert werden, Beispiele mit Adjektiven, Adverben und Verben lassen sich jedoch auch finden. Ein Beispiel für ein Adjektiv findet sich in (2).

  1. Ich fahre ein gelbes Auto, also ein GELBES-gelbes Auto, das siehst du sofort.

Auffällig ist, dass wir im Bereich der Adjektive meist keinen prototypischen Bedeutungsbeitrag beobachten können, sondern eher eine Intensivierung.

Die resultierende Struktur wird manchmal auch als „identical constituent compound“ bezeichnet (siehe z.B. Finkbeiner 2014). Wie der Name andeutet wird hier angenommen, dass es sich um einen Wortbildungsprozess, genauer um Komposition handelt. Eine alternative Analyse geht davon aus, dass die Struktur durch Kopfbewegung entsteht (Ghomeshi et al. 2004). Ein Blick ins Englische zeigt jedoch, dass auch größere Einheiten redupliziert werden können, was dieser Annahme widerspricht (ein Beispiel aus Ghomeshi et al. ist beispielsweise Do you LIKE-HIM-like-him?). In einem gerade erschienenen Paper (Bross & Fraser 2020) argumentieren wir allerdings auch gegen eine Analyse als Komposition.

Eine Komposita-Analyse sagt vorher, dass sich Strukturen wie in (1) wie Substantive verhalten sollten. Und teilweise stimmt das auch. Ein Koordinationstest etwa zeigt, dass es sich um eine DP handelt:

  1. Du machst [DP den Basmatireis] und ich [DP den REIS-Reis].

Auffällig ist allerdings, dass die kontrastive Fokusreduplikation keine weitere Modifikation, z.B. durch ein Adjektiv, zulässt:

  1. *Ich will schwarzen KAFFEE-Kaffee.

Erklären ließe sich dieser Befund durch die Annahme, dass sich die betonte Kopie von Kaffee in einer Position befindet, in der sich normalerweise Adjektive befinden. Man könnte also beispielweise annehmen, dass sich die komplette NP Kaffee in diese Position bewegt, wobei die ursprüngliche Kopie nicht gelöscht wird.

Literatur

Bross, Fabian, & Fraser, Katherine (2020). Contrastive focus reduplication and the modification puzzle. Glossa: A Journal of General Linguistics, 5(1), 47.

Ghomeshi, Jila, Ray Jackendoff, Nicole Rosen & Kevin Russell. 2004. Contrastive focus reduplication in English (the salad-salad paper). Natural Language & Linguistic Theory 22. 307–357.

Finkbeiner, Rita. 2014. Identical constituent compounds in German. Word Structure 7(2).

Where can I submit a squib (and what is a squib)?

Recently someone asked which linguistic journals publish squibs. I really liked this question as I really like squibs so I decided to start a collection. But first: What is a squib?

A squib is a short article describing a unexpected property of language, a phenomenon that defies analysis, or some problem that cannot be solved in current frameworks. Crucially, there is no need to present an analysis or solution to the problem. The term dates back (or was at least popularized), as so many terms in linguistics, by John R. “Haj” Ross.

In the following I list (in random order) peer-reviewed journals which do publish squibs or squib-like articles and their definition of a squib. Feel free to comment if you know another journal accepting squibs.

  • Linguistic Inquiry (famous for their squibs): The editors request that Squibs and Discussion manuscripts be limited to 12 pages (guidelines as above). Manuscripts accepted as Squibs will not be required to propose a solution to problems they address as long as their relevance to theoretical issues is made clear.
  • Semantics and Pragmatics (journal affiliated with the Linguistic Society of America; open access): Squibs have a target length of 2–8 journal pages (including references, appendices, and footnotes), and should be no more than 10 journal pages (less than 4,000 words of main text). As in the tradition established by Linguistic Inquiry, “manuscripts accepted as Squibs will not be required to propose a solution to problems they address as long as their relevance to theoretical issues is made clear” (http://www.mitpressjournals.org/page/sub/ling).
  • Glossa (open access): Squibs are short notes (5,000 words max.) that make a scintillating point by calling attention to a theoretically unexpected observation about language without the need for a developed analysis or solution.
  • Syntax (called Remarks): Remarks are short articles that facilitate a fast review process. Remarks can, for example, point out theoretically challenging observations without necessarily developing a solution, provide additional support for an established point, or react critically to a specific paper or a particular line of analysis. They are restricted to 30 double-spaced manuscript pages.
  • Snippets (an open access journal only devoted to squib-like articles): We will publish notes that contribute to the study of syntax and semantics in generative grammar. The notes are to be brief, self-contained and explicit.
  • Natural Language & Linguistic Theory (does not accept squibs in the narrow sense, but): short articles, with a maximum length of 15 single-spaced manuscript pages.
  • Journal of Linguistics: A NOTES AND DISCUSSION contribution is appropriate in particular for comments on articles published earlier in JL and for squibs.
  • Sign Language & Linguistics: The submission guidlines do not explicitly mention squibs, but they do publish them.
  • Canadian Journal of Linguistics: Squib manuscripts should be no more than 12 double-spaced A4 or US letter pages long. Squibs are short commentaries that bring attention to a new data set or explore a specific theoretical or methodological point.
  • Linguistic Typology: Squibs (very short and often humorous pieces on a very specific topic intended to encourage debate).
  • Computational Linguistics (open access): This category is reserved for very short articles that constitute more than programmatic versions of regular papers. Squibs should possess at least one of the following attributes: a) unexpectedness, as for example a demonstration that a commonly accepted idea or method is flawed; b) genuine novelty, as for example thus-far unnoticed language data that challenges current methods; and c) being targeted to a large segment of our readership. Papers about language resources may be acceptable provided the relevant resources are truly novel and of general interest.

Wie Lingua zu Glossa wird

Das Editoren-Team des Linguistik-Journals Lingua ist geschlossen zurückgetreten, weil man sich mit dem Verlag nicht auf eine Open-Access-Lösung einigen konnte. Das Journal war bisher im Verlag Elsevier erschienen und die wollten natürlich Geld verdienen. Nachfolgen wird der Zeitschrift ein Projekt namens Glossa, das als Open-Acces-Modell geplant ist. Das neue Journal wird also kostenlos im Netz auffindbar sein, trotzdem auch im Druck erscheinen. Außerdem sollen Autorinnen und Autoren keine Publikationsgebühren bezahlen. Klingt also wirklich traumhaft.

Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der Tatsache, dass Samstag ist, schreibe ich keinen großen Text mehr dazu und verweise nur auf folgende Artikel:

Netzpolitik.org über das Verhalten des Verlags

Artikel auf independent.co.uk

Artikel auf e-book-news.de

Artikel auf chronicle.com

Facebookseite der neuen Zeitschrift (hier gibt es auch aktuelle Infos)

 

Reduplikation im Deutschen?

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Im Linguisten-Forum habe ich gerade einen schönen Beitrag über die Wörter wortwörtlich und tagtäglich, ihren Wortbildungstyp und ihre Bedeutung gelesen. Kein Wunder, es handelt sich wirklich um zwei wunderbare und sehr interessante Wörter, die zu einem seltenen und heute im Deutschen nicht mehr produktiven Wortbildungstyp zu gehören scheinen, der aber in den Sprachen der Welt insgesamt gar nicht so selten ist: der Reduplikation. Wir kennen hiervon nur noch einige Überbleibsel, wie z.B. Kuddelmuddel (das fällt hier ein bisschen raus, es erinnert schon fast an einen anderen Wortbildungstyp, der Reduplikationen mit bildet, wie er in verschiedenen Sprachen, wie dem Jiddischen, amerikanisch-englischen Slangs, dem Mongolischen oder teilweise auch im Kiezdeutschen vorkommt; man spricht von Echowörtern) oder Singsang (ersteres von ndd. koddeln, nhd.  ‚waschen‘). Auffällig an diesem Wortbildungstyp ist

  1. Wir können die Wörter, zumindest, solange wir sie etymologisch zurückverfolgen können, in Bedeutungsbestandteile zerlegen. Popo oder Wauwau gehört also ebenso nicht zu dieser Klasse, wie auch Entlehnungen wie Hokuspokus oder Picknick (sie sind erst mal Entlehnungen)
  2. Es handelt sich nicht um eine vollständige Reduplikation, sondern eher um eine Reim- oder Ablautbildung

Sobald wir wissen, dass es sich um eine Reduplikation handelt, wissen wir eigentlich auch schon, was die Wörter bedeuten. Reduplikationen dienen eigentlich immer dem gleichen Zweck. Sie kommen entweder zur Pluralmarkierung oder zur Intensivierung zum Einsatz, sind also recht ikonisch. So heißt Yama auf japanisch ‚Berg‘, Yamayama ‚Gebirge‘ oder lamaz auf georgisch ‚hübsch‘, lamazlamaz ‚sehr hübsch‘. Solche Intensivierungen können auch aspektuelle Eigenschaften betreffen. Wenn ich tagtäglich zur Arbeit gehe, dann schein sich das auf eine ständige Wiederholung zu beziehen, von der es keine Ausnahmen gibt. Und wenn jemand wortwörtlich etwas sagt, hat er es ganz genau so gesagt und nicht anders.

Wir müssen übrigens gar nicht weit fahren, um eine Sprache zu finden, in der die Reduplikation noch produktiv verwendet wird. Im Prinzip müssen wir gar nicht fahren, denn es handelt sich um die Deutsche Gebärdensprache.

Experimente und Statistik in der Psychologie und Linguistik

Es sind aufregende Zeiten. Wirklich! Gerade musste das Reproducibility Project der University of Virginia feststellen, dass sie über 60 Prozent von 100 psychologischen Experimenten aus drei hochrangigen Journals nicht replizieren konnten (siehe auch den Artikel in Science dazu). Was bedeutet das für die experimentelle Forschung, die ja auch in der Linguistik keine unerhebliche Rolle mehr spielt?

Exkurs: Replizierbarkeit versus Reproduzierbarkeit

Als Replikation bezeichnet man die Wiederholung eines Experiments unter gleichen Voraussetzungen und denselben Stimuli und (hoffentliche) den gleichen Ergebnissen. Daher ist eine lückenlose Dokumentation bei Experimenten äußerst wichtig. Eine Reproduktion dagegen ist eine annähernde Wiederholung eines Experiments, die dasselbe Phänomen untersuchen will. Dafür werden vergleichbare Daten durch vergleichbare Verfahrensweisen gewonnen:  „Reproduzierbarkeit von Ergebnissen weist darauf hin, dass das Phänomen, das man untersucht, existiert“ (Felix Golcher & Anke Lüdeling).

 

Bei der lückenlosen Dokumentation von Experimenten hapert es leider sehr häufig, sodass es oft wirklich schwierig ist, ein Experiment wirklich zu replizieren. Oder erinnert sich jemand daran, mal in einem Paper wirkliche alle Stimuli abgedruckt gesehen zu haben? Natürlich gibt es hier mittlerweile auch Datenbanken, die versuchen das nachzuholen und in den Naturwissenschaften gibt es sogar Videojournals, die Videos von Experimenten bereithalten. Aber selbst, wenn wir eine vollständige Dokumentation hätten, wäre es oft wohl schwer möglich, ein Experiment exakt zu replizieren. Irgendetwas wird immer anders sein. Daher führt auch die Psychologieprofessorin Lisa Feldman Barrett in einem Artikel in der New York Times aus, dass es ganz logisch sei, dass sich Experimente (egal ob psychologisch oder naturwissenschaftlich) nicht immer replizieren lassen, weil zu viele Kontextfaktoren eine Rolle spielten. Vielmehr glaubt sie, dass das zum Wesen der Wissenschaft gehöre. Eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler, der oder dem es nicht gelingt, ein Experiment zu wiederholen, sollten sich daher fragen, warum dies nicht der Fall ist, anstatt nur festzustellen, dass dies so ist. Und sie hat natürlich nicht unrecht, wenn sie schreibt:

Science is not a body of facts that emerge, like an orderly string of light bulbs, to illuminate a linear path to universal truth. Rather, science (to paraphrase Henry Gee, an editor at Nature) is a method to quantify doubt about a hypothesis, and to find the contexts in which a phenomenon is likely. Failure to replicate is not a bug; it is a feature. It is what leads us along the path — the wonderfully twisty path — of scientific discovery.

Allerdings muss man sich dennoch die Frage gefallen lassen, ob die experimentelle Forschung in der Psychologie und verwandten Fächern in einer Krise steckt – auch wenn Feldman das abstreitet. Die Diskussion um p-hacking, also einer Vorgehensweise, bei der alles getan wird, um ein statistisch signifikantes Ergebnis zu erhalten, ist nicht neu. Auch nicht neu, wenn auch nicht so bekannt wie p-hacking  ist das sogenannte HARKing (Hypothesizing After the Results are Known), bei dem zu den nicht zur Hypothese passenden Resultate einfach eine neue Hypothese erfunden wird (eine Praxis, die es dringend einzudämmen gilt!). Rolf Zwaan hat diese Entwicklungen auf seinem Blog letztes Jahr in einer Geschichte über eine Stadt namen Psytown auf den Punkt gebracht:

Something needs to change in Psytown. The people need to know what’s right and what’s wrong. Maybe they need to get together to devise a system of rules. Or maybe a new sheriff needs to ride into town and lay down the law.

Neue Standards sollten also her, Wissenschaftler aufhören, Signifikanzen hinterherzulaufen. Wobei eigentlich das Problem ist, dass ein Experiment ohne signifikante Ergebnisse einfach kaum zu publizieren ist und Wissenschaftler/-innen nun mal immer an ihre Karriere und den nächsten Vertrag denken müssen. Also brauchen sie signifikante Ergebnisse, Standards hin oder her. Wir brauchen schlicht ein Umdenken, was genau Wissenschaft ausmacht und mehr Projekte, wie das Journal of Unsolved Questions, das (peer-reviewed) Nullergebnisse publiziert.

Gleichzeit geriet jedoch dennoch der klassische Nullhypothesentest (NHST) in Verruf. Und das geschah aus dem gleichen Grund, wie der, der zu Beginn dieses Artikels angeführt wurde: Nämlich aus der Feststellung heraus, dass die Ergebnisse vieler wissenschaftlicher Studien nicht replizierbar sind. Ursprünglich ging es jedoch nicht um die Psychologie, sondern um die Medizin. Dennoch kamen diese Ergebnisse schnell in der Psychologie an und führten zur Forderung: Do not trust any p value! Dieser Satz ist nur einer von 25 Vorschlägen von Geoff Cumming, der dazu auffordert, das p-hacking endlich sein zu lassen und stattdessen auf seine New Statistics zu vertrauen.

Exkurs: Die Auswirkungen der Kritik am NHST
Die beiden Journals Psychological Science und das Journal of Research in Personality haben beide schnell auf solche Kritik reagiert, die New Statistics verpflichtend eingeführt und den klassischen p-Wert in die Verbannung geschickt. Das ist insofern interessant, weil Psychological Science das einflussreichste Journal der Psychologie überhaupt ist. Kürzlich zog dann auch das Basic and Applied Social Psychology nach und ging dabei sogar noch einen Schritt weiter: klassisches NHST wird nicht mehr akzeptiert, genauso wenig Konfidenzintervalle, Bayesianische Statistik wird zwar akzeptiert, ist jedoch auch nicht unbedingt willkommen.

 

Dazu sei gleich angemerkt, dass die New Statistics natürlich keine neue Statistik ist, sondern nur die Aufforderung, schon lange bekannte Methoden, endlich zum Standard zu erheben. Neben der Verwendung von Konfidenzintervallen und der Verbannung von NHST geht es Cumming aber auch darum, möglichst viele Replikationen durchzuführen. Und das wäre wirklich grandios! Vor allem für die Linguistik! Immer wieder fällt mir auf, dass bei vielen Ergebnissen der Sprachwissenschaft, die durch Experimente gewonnen oder durch solche belegt wurden, immer und immer wieder nur eine einzige Quelle angegeben wird (am besten eine aus den 1960er oder 1970er Jahren mit drei Probanden – um es mal überspitzt zu sagen). Wir brauchen dringend eine Kultur der Replikation und Reproduktion (das klingt jetzt nicht so, wie es gemeint ist). Aber das wird natürlich nicht einfach werden, denn das Ansehen von Replikationsstudien ist extrem gering, für das Erklimmen der wissenschaftlichen Karriereleiter sind sie nicht gerade die beste Wahl. Um es einmal vorsichtig zu sagen. Und zitiert werden sie garantiert auch nicht so häufig. Und die Anzahl der Zitate ist nun mal eine harte Währung.

Was wir aber mindestens ebenso dringend brauchen, ist eine Verankerung von statistischen Seminaren extrem früh in unseren Studienplänen. Ich schließe mich da nicht aus, wenn ich sage, dass es vielen Linguistinnen und Linguisten an statistischem Wissen mangelt. Das Wissen, das vermittelt werden muss, besteht nicht nur aus dem klassischen NHST, sondern wir brauchen weitaus mehr. Wir brauchen auch mehr als New Statistics, denn auch die steht massiv in der Kritik (ich empfehle folgende Links: hier, hier und hier noch eine Verteidigung der klassischen Methode). Wir brauchen auch Bayesianische Statistik und ein allgemeines Umdenken, dass es uns ermöglicht auch Nullresultate zu veröffentlichen. Und ich muss zugeben, dass die meisten meiner letzten Experimente genau das produziert haben. Aber darüber schreibe ich bald mehr.

Update: Links

Ich habe beschlossen, hier noch ein paar interessante Links zum Thema zu sammeln:

Phonem des Jahres 2014

Jede Sprache baut auf einem Prinzip auf, das man als „zweifache Gliederung“ oder „doppelte Artikulation“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass wir beim Sprechen aus Einzellauten, die für sich genommen keine Bedeutung haben, größere Einheiten aufbauen, die eine Bedeutung haben. So haben weder ein m noch ein a in Isolation gesprochen eine Bedeutung. Kombinieren wir diese Laute jedoch zu [mama], ergibt sich ein Wort, das wir verstehen können.

In der Sprachwissenschaft und in der Phonetik fasst man solche Laute zu Gruppen zusammen, um von Einzeläußerungen abstrahieren zu können. Man spricht von Phonemen. So gibt es prinzipiell unendlich viele verschiedene Möglichkeiten, ein a zu artikulieren, deshalb fasst man alle diese as zur Gruppe /a/ zusammen. Wie viele solcher Phoneme es in einer Sprache gibt, ist sehr unterschiedlich. Manche Sprachen, wie das Rotokas, das auf Neuginea gesprochen wird, haben nur 11 solcher Phoneme. Das Deutsche etwa 40. Bis zu 141 verschiedener Phoneme kann es in einer Sprache geben, wie etwa im !Xũ, einer Sprache, die unter anderem in Namibia gesprochen wird. Immer muss es jedoch Vokale und Konsonanten geben, weswegen es bei der Wahl zum Phonem des Jahres jeweils diese beiden Kategorien gibt.

Die Phoneme des letzten Jahres waren in der Kategorie Vokal das /yː/, wie es im Deutschen oder im australischen Englisch vorkommt, und in der Kategorie Konsonant der geminierte glottale Verschlusslaut /ʔː/, der z.B. im Maltesischen Verwendung findet. Anhören kann man sich die Phoneme der Sprachen der Welt hier.

Der Vokal und der Konsonant des Jahres werden jedes Jahr durch Studierende, Mitarbeiter und Assoziierte des Instituts für Phonetik und Sprachverarbeitung der Universität München gewählt. Nominierungsberechtigt sind Studierende und Mitarbeiter sprachwissenschaftlicher und verwandter Fächer weltweit. Vorgeschlagen werden darf jeweils ein Konsonant und ein Vokal. Dazu muss jeweils mindestens eine Sprache genannt werden, in welcher der nominierte Vokal oder Konsonant Phonemstatus hat sowie eine Begründung geliefert werden, warum man das Phonem vorschlägt.

Vokal des Jahres 2014 ist das /ɵ/, das einem griechischen Theta sehr ähnlich sieht und z.B. im Kantonesischen vorkommt. Die Jury entschied sich vor allem deswegen für diesen Vokal, da in der Begründung angegeben wurde, dass man so seine Solidarität mit den Studierendenprotesten in Hongkong zum Ausdruck bringen könne.

Konsonant des Jahres 2014 ist das /N/, also der uvulare stimmhafte Nasal, der z.B. Teil des japanischen Sprachsystems ist. Die Jury überzeugte hier die humoristische Begründung, dass jeder diesen Laut kennt, da er international häufig zum Ausdruck des Genusses oder bei Grunzgeräuschen vorkommt.

Warum gibt es gutes Wetter, wenn man seinen Teller leer isst?

+++++++++UPDATE+++++++++

Ich habe jetzt doch noch eine vertrauenswürdige Quelle gefunden, die ebenfalls die Wieder-Wetter-Theorie vertritt und zwar das Buch Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich. Darin taucht auch der von mir erst bezweifelte Zusammenhang zwischen gut Wetter machen und dem leeren Teller wieder auf. Zu eben diesem Stichwort („gut Wetter machen“ ) ist da zu lesen: „geneigte Stimmung hervorrufen; daneben aber auch umg. und dem Volksglauben entsprechend: alles aufessen, was vorgesetzt wird. Dieser Volksglaube beruht auf einem sprachl. Mißverständnis. Im Ndd. wurde gesagt, wenn alles aufgegessen würde, gäbe es am nächsten Tag wieder etw. Gutes: ‚Goods wedder‘, was im Hd. als ‚gutes Wetter‘ gedeutet wurde“ (Röhrich 1994:1722). Die Wendung „gut Wetter machen“ scheint aus dem Französischen entlehnt worden zu sein. „Attendre des temps meilleurs“ heißt zwar eigentlich ‚auf bessere Zeiten warten‘, „temps“ kann aber eben auch mit „Wetter“ übersetzt werden. Leider führt Röhrich aber auch nicht weiter aus, wo er das alles her hat.

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Neulich fragte mich eine Freundin eine Du-bist-doch-Sprachwissenschaftler-Frage. Es ging um die Herkunft des Sprichtworts, das besagt, dass es gutes Wetter gibt, wenn man seinen Teller leer isst. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben und mit historischer Phraseologie habe ich mich noch nie befasst. Ausgangspunkt ihrer Frage war eine Herkunftstheorie, die sie gehört hatte und die sich über eine Google-Suche auch schnell finden lässt. So schreibt der Lauenburger Literaturwissenschaftler Michael Krumm im Hamburger Abendblatt zur Herkunfts des Sprichtworts:

Die Variante „’S gibt gut Wetter, ’s ist alles aufgegessen“ befand sich schon um 1870 im „Deutschen Sprichwörter- Lexikon“. Die Herkunft der Redewendung beruht aber sehr wahrscheinlich auf einem sprachlichen Missverständnis. Im niederdeutschen Platt lautet die Aufforderung, alles aufzuessen, damit der Koch auch für den nächsten Tag motiviert ist oder nichts Aufgewärmtes auf den Tisch kommt, nämlich: „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder.“

Tatsächlich soll es sich um eine Art „Übersetzungsfehler“ handeln, denn die niederdeutsche Verschriftung wedder kann sowohl für ‚wieder‘, was angeblich ursprünglich gemeint war, und für ‚Wetter stehen‘. Für beides finden sich Belege in dem angegeben Lexikon, bei dem es sich wohl um Karl Friedrich Wilhelm Wanders Deutschem Sprichtwörter-Lexikon handelt (siehe auch Schambach 1858:290). Allerdings habe ich auf die Auflage von 1870 zuächst nicht zugreifen können. Online gibt es nur den Band von 1867 und da habe ich dazu zunächst nichts finden können (ist aber ja auch ein anderer Band). Dafür findet man zu der Wieder-Wetter-Übersetzungsfehler-Theorie im Netz und auch in populärwissenschaftlichen Büchern jede Menge Belege. Allerdings tauchen hier immer wieder die gleichen Formulierungen und insbesondere immer wieder das Wort „Übersetzungsfehler“ auf, was darauf hindeutet, dass hier aus einer Quelle abgeschrieben wurde, die aber leider nie genannt wird. Im Netz wird auch immer wieder behauptet, dass das Sprichwort  „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder“ auch heute noch im niederdeutschen Raum in Verwendung ist. Leider habe ich dafür keinen seriösen Beleg gefunden. Eine wichtige Anmerkung betrifft sicherlich einen Eintrag aus dem Buch „Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten“ von Rudolf Eckart (1893:103), der gegen die Wieder-Wetter-Theorie spricht: „Michel, ett, dat’t gôt Wedde wat!“, also ‚Michel, iss, dass es gutes Wetter wird!‘ Ich denke, die Satzstellung und die Großschreibung belegen eindrücklich, dass es hier um das Wetter geht. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen.

Den weiteren Beleg für das Sprichtwort in einer Formulierung, die der heutigen Nahe kommt, fand ich in Oskar Weises Buch „Unsere Mundarten. Ihr Werden und ihr Wesen“ von 1910. Weise (1910:168) schreibt: „[…] nach der Ansicht des Volkes, tritt schlechtes Wetter ein, wenn man etwas auf dem Teller liegen lässt“ und bringt das in Zusammenhang mit der Redewendung „gut Wetter machen“. Diese mutmaßliche Verbindung scheint mir allerdings etwas seltsam, aber auch das müsste man erst genauer recherchieren.

Sicherlich reicht die Vorstellung eines Zusammenhangs zwischen Aufessen und gutem Wetter aber viel weiter zurück. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Sprichwörter und Bauernregeln wie „Wenn X, dann gibt es gutes/schlechtes Wetter“ im deutschen Sprachraum extrem weit verbreitet sind. Ein Beleg mit etwas anderer Formulierung stammt z.B. vom Schriftsteller Berthold Auerbach, der 1843 in seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ schreibt: „Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G’schirr“, woraufhin Protagonist Nazi (das ist ein Eigenname) seine Suppe so auslöffelt, dass laut seinen Angaben nicht mal mehr eine Wanze im Teller ertrinken könnte. Es ist gut vorstellbar, dass sich das Sprichwort von hier aus schnell verbreitete, denn Auerbach wurde viel rezipiert (obwohl man auch annehmen kann, dass das Sprichtwort schon damals weite Verbreitung fand).

Einen weiteren Beleg für eine ähnliche Vorstellung habe ich übrigens in oben bereits erwähntem Sprichwörter-Lexikon gefunden, aber in der Auflage von 1873. Allerdings handelt es sich nicht um einen niederdeutschen, sondern um einen ostmitteldeutschen, genauer einen schlesischen Beleg. Da steht: „Nêgel mass man aufessen, dass es hêmlich bleibt.“ Das klingt ein bisschen kryptisch, heißt aber so viel wie: Kleine Neigen (das sind vermutlich die Überreste, die auf dem Teller liegengeblieben sind) muss man aufessen, dass es heimelig bleibt (also schönes Wetter gibt). Man müsste wohl noch sehr viel tiefer graben, um dem Ursprung auf die Schliche zu kommen, allerdings erscheint mir die Wieder-Wetter-Theorie nicht mehr ganz so plausibel, wie ich sie am Anfang fand.

Literatur:

Eckart, R. (1893): Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten. Braunschweig: Appelhans & Pfenningstorff.

Röhrich, L. (1994): Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 5: Spieß – Zylinder. 2. Auflage. Freiburg, Basel & Wien: Herder.

Schambach, F. (1858): Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen. Oder: Göttingisch-Grubenhagen’sches Idiotikon. Hannover: Carl Rümpler.

Wander, K. F. W. (1867): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk. Leipzig: Brockhaus.

Wiese, O. (1910): Unsere Mundarten, ihr Werden und ihr Wesen. Leipzig & Berlin: Teubner.

Etwas Erheiterung für Zwischendurch

John Robert Ross (Quelle: Bild von Nutzer Mitchoyoshitaka unter Creative-Commons-Lizenz)

Etwas Erheiterung für Zwischendurch gefällig? Hier meine Lieblingsstellen aus der Danksagung der Dissertation von John Robert Ross:


„This thesis ends an overly long career as a professional student, a career which has been a joy to me, but a trial to the many teachers and administrators who have gritted their teeth and forgiven the lateness of papers and assignments (several are still late), the frequency with which I asked ill thought-out questions, and my chronic unpuncuality. They have put up woth all this in the hope that something might become of me someday. To these friends I can only offer this thesis, in the hope that it will in part repay their confidence in me.“

„For aid and support beyond the call of duty, I must single out the following for special gratitude:
The Deutscher Akademischer Austauschdienst, who gave me a chance to dabble around at three German universities, apparently learning nothing but in reality finally realizing that it was time to stop dabbling and study seriously[…].“

„Finally, I come to my family. Since in my view cats are as necessary as air or water, I thank our cats Krishna and Aristotle for deigning to stay with us and seasoning our existence.“

Einsilbige Wörter mit möglichst vielen Buchstaben

Ich liebe ja die Facebook-Gruppe Da kotzt das Texterherz. Die ist zwar nicht für Linguisten gedacht, man findet dort aber dennoch immer Inspiration. Außerdem liebe ich Spielchen à la „Wer kennt das einsilbige Wort mit den meisten Buchstaben, das im deutschen Duden steht?“ Genau das war die Frage, die eine Userin in dieser Gruppe stellte. Die Vorschläge, die u.a. gemacht wurden, waren <Plausch> (7 Buchstaben) oder <Schwulst> und <Schmarrn> (8 Buchstaben). Die Frage ließ, ganz ehrlich, mein Linguisten-Herz hüpfen. Solche Fragen lassen sich nämlich mit ein bisschen Hintergrundwissen aus Graphematik und Phonologie theoretisch angehen. Betrachten wir dazu zunächst den Aufbau der deutschen Silbe:

(C)(C)(C)V(C)(C)(C)(C)

Das ist natürlich nur der theoretische Aufbau. Es können nicht alle C-Positionen besetzt werden. Für den Silben-Onset gibt es nur drei Möglichkeiten, bei welchen alle drei Positionen besetzt sind: /ʃpl/, /ʃpr/ und /ʃtr/. Da unsere Schrift hier versucht allzu komplexe Anfangsränder zu vermeiden, schreiben wir in solchen Wörtern leider kein <sch> (einer berühmten Argumentation Peter Eisenbergs folgend). Das ist für unser Spiel natürlich nicht von Vorteil. Also suchen wir nach Belegungen mit zwei Konsonanten im Onset, von welchen einer möglichst mit dem Tripgraphen <sch> wiedergegeben wird. <Schmarrn> war also schon sehr gut.

<Schmarrn> war aber auch in einer anderen Hinsicht sehr gut gewählt! Um möglichst viele Buchstaben zu bekommen, macht es nämlich Sinn, entweder die V-Position mit einem Diphthong zu besetzten (um zwei Buchstaben zu erhalten) oder mit einem kurzen Vokal, der durch eine Konsonantenbuchstabenverdopplung angezeigt wird – eben wie bei <Schmarrn>.

Wenn wir nach Einsilbern suchen, ist es außerdem eine gute Idee, eine flektierte Form zu wählen. Wir kennen das von Überlegungen, die sich mit der Frage nach dem Wort mit den meisten Konsonantenbuchstaben beschäftigen. Bessern als <Herbst> ist nämlich (des) <Herbsts>. Ein Beispiel für ein solches einsilbiges Wort ist <schleimst> („Schleimst du dich wieder beim Chef ein?“). Jetzt haben wir schon 9 Buchstaben. Es geht aber noch mehr. Wir müssten ein Wort wie <schlauchst> oder <schmauchst> finden. Da fallen mir aber kaum Sätze zu ein. Gehen würde dagegen <schleichst>. 10!

Allerdings wurde ja nach Wörtern gefragt, die im Duden stehen. Flektierte Formen stehen natürlich nicht im Duden. Bleibt uns nur noch das Ausweichen auf Fremdwörter: <Borschtsch>. Und wenn wir dann doch flektierte Formen zulassen: (des) <Bortschtschs>!

Ein paar terminologische Hinweise zu Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit

Eine Skulptur des tschechischen Künstlers zum Thema Gebärdensprache (Quelle: ŠJů, Creative Commons)

Auf der Webseite von hearZONE, einem Magazin für Hörbehinderte, habe ich gerade diesen Beitrag über das Wort taubstumm gelesen und warum es von vielen Gehörlosen als Beleidigung aufgefasst wird. Das hat mich dazu veranlasst, auch mal ein bisschen war über die Terminologie in diesem Bereich zu schreiben, denn hier gibt es ein paar sehr interessante und schöne Begriffe, die man kennen sollte, wenn man sich mit Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit beschäftigen möchte.

Warum man nicht von „Taubstummheit“ spricht

Die Begriffe taubstumm und Taubstummheit werden heute immer noch häufig von hörenden Menschen verwendet, wenn sie über Gehörlosigkeit sprechen. Diese Wörter implizieren allerdings, dass die bezeichnete Person nicht nur taub ist, sondern auch stumm. Gehörlose sind aber natürlich dazu in der Lage Lautäußerungen zu produzieren. Deswegen werden diese Begriffe häufig als beleidigend empfunden. Auch das Wort taub wird nur noch selten verwendet, man spricht eher von gehörlos. Dies trifft allerdings nicht auf Taubblindheit zu, hier existiert im Deutschen kein anderer Begriff (gehörlos-blind klingt auch seltsam).

Der Unterschied zwischen Kultur und audiologischem Status

Eine sehr schöne terminologische Unterscheidung in Sachen Gehörlosigkeit stammt aus den USA, wo man zwischen Gehörlosigkeit als rein audiologischem Status und Mitgliedern der Gehörlosenkultur unterscheidet. Will man davon sprechen, dass jemand gehörlos ist, schreibt man <deaf> mit kleinem <d>. Will man allerdings anzeigen, dass jemand nicht einfach nur gehörlos ist, sondern sich als Person als Teil der Gehörlosenkultur sieht, schreibt man <Deaf>, also mit großem <D> (Woodward 1972).

Dass es überhaupt eine eigenständige Gehörlosenkultur gibt, ist vielen Hörenden gar nicht klar. Aber die Gehörlosen eines Landes verfügen nicht nur über eine eigene Sprache, nämlich eine Gebärdensprache, sondern sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Poesie, eigene Lieder und eigene Konventionen im Umgang miteinander. Zur Sprache übrigens noch eine Anmerkung: Derzeit sind 138 verschiedene Gebärdensprachen auf der Welt bekannt, die 5.000.000 Sprecherinnen und Sprecher haben. Es ist allerdings zu vermuten, dass es weitaus mehr Gebärdensprachen gibt, die nur noch nicht untersucht worden sind. Hier gibt es eine Liste aller bekannten Gebärdensprachen der Welt.

Noch mehr über Gebärdensprachen

Auch hinsichtlich der Gebärdensprachen gibt es ein paar terminologische Anmerkungen, die ich loswerden möchte. Im Englischen nennt man eine Gebärdensprache sign language. Oft will man dann über Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen schreiben und das klingt dann komisch: sign languages and spoken languages. Deswegen gehen immer mehr Autoren dazu über, nicht mehr von sign languages, sondern von signed languages zu sprechen, denn dann ist die Asymmetrie aufgehoben: signed and spoken languages.

Interessant sind auch die Namen der Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft. Zum Beispiel ist die Lehre von den Lauten einer Sprache die Phonologie. Das griechische Wort phōnḗ bedeutet ‚Laut‘ oder ‚Stimme‘. Wenn man allerdings die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Gebärdensprache untersuchen will, so ist es natürlich etwas blöd, einfach auch von Phonologie zu sprechen. Deswegen hat z.B. William Stokoe (1960), der Pionier der Gebärdensprachenlinguistik, vorgeschlagen von Cherologie (vom griechischen Wort für Hand) zu sprechen.

Allerdings spricht man heute trotzdem von Phonologie. Stokoes Vorschlag hat sich nicht durchgesetzt. Das hat aber einen guten Grund. Man hat den Begriff Cherologie nicht weiter benutzt, weil man betonen wollte, dass die Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen nicht so groß sind, wie man früher immer angenommen hatte. Um zu zeigen, dass Gebärdensprachen, wie Lautsprachen auch, vollständige Sprachen sind, mit denen man alles zum Ausdruck bringen kann, was man mit jeder anderen Sprache auch sagen kann, hat man beschlossen, auch von Phonologie zu sprechen.

Literatur

Stokoe, W. C. (1960): Sign Language Structure: An Outline of the visual communication systems of the American deaf. Buffalo: Department of Anthropology and Linguistics, University of Bualo.

Woodward, J. (1972): Implications for Sociolinguistic Research among the
Deaf. In: Sign Language Studies, 1. S. 1-7.