Category Archives: Germanisitische Linguistik

Einsilbige Wörter mit möglichst vielen Buchstaben

Ich liebe ja die Facebook-Gruppe Da kotzt das Texterherz. Die ist zwar nicht für Linguisten gedacht, man findet dort aber dennoch immer Inspiration. Außerdem liebe ich Spielchen à la „Wer kennt das einsilbige Wort mit den meisten Buchstaben, das im deutschen Duden steht?“ Genau das war die Frage, die eine Userin in dieser Gruppe stellte. Die Vorschläge, die u.a. gemacht wurden, waren <Plausch> (7 Buchstaben) oder <Schwulst> und <Schmarrn> (8 Buchstaben). Die Frage ließ, ganz ehrlich, mein Linguisten-Herz hüpfen. Solche Fragen lassen sich nämlich mit ein bisschen Hintergrundwissen aus Graphematik und Phonologie theoretisch angehen. Betrachten wir dazu zunächst den Aufbau der deutschen Silbe:

(C)(C)(C)V(C)(C)(C)(C)

Das ist natürlich nur der theoretische Aufbau. Es können nicht alle C-Positionen besetzt werden. Für den Silben-Onset gibt es nur drei Möglichkeiten, bei welchen alle drei Positionen besetzt sind: /ʃpl/, /ʃpr/ und /ʃtr/. Da unsere Schrift hier versucht allzu komplexe Anfangsränder zu vermeiden, schreiben wir in solchen Wörtern leider kein <sch> (einer berühmten Argumentation Peter Eisenbergs folgend). Das ist für unser Spiel natürlich nicht von Vorteil. Also suchen wir nach Belegungen mit zwei Konsonanten im Onset, von welchen einer möglichst mit dem Tripgraphen <sch> wiedergegeben wird. <Schmarrn> war also schon sehr gut.

<Schmarrn> war aber auch in einer anderen Hinsicht sehr gut gewählt! Um möglichst viele Buchstaben zu bekommen, macht es nämlich Sinn, entweder die V-Position mit einem Diphthong zu besetzten (um zwei Buchstaben zu erhalten) oder mit einem kurzen Vokal, der durch eine Konsonantenbuchstabenverdopplung angezeigt wird – eben wie bei <Schmarrn>.

Wenn wir nach Einsilbern suchen, ist es außerdem eine gute Idee, eine flektierte Form zu wählen. Wir kennen das von Überlegungen, die sich mit der Frage nach dem Wort mit den meisten Konsonantenbuchstaben beschäftigen. Bessern als <Herbst> ist nämlich (des) <Herbsts>. Ein Beispiel für ein solches einsilbiges Wort ist <schleimst> („Schleimst du dich wieder beim Chef ein?“). Jetzt haben wir schon 9 Buchstaben. Es geht aber noch mehr. Wir müssten ein Wort wie <schlauchst> oder <schmauchst> finden. Da fallen mir aber kaum Sätze zu ein. Gehen würde dagegen <schleichst>. 10!

Allerdings wurde ja nach Wörtern gefragt, die im Duden stehen. Flektierte Formen stehen natürlich nicht im Duden. Bleibt uns nur noch das Ausweichen auf Fremdwörter: <Borschtsch>. Und wenn wir dann doch flektierte Formen zulassen: (des) <Bortschtschs>!

Gibt es nackte Silben im Deutschen?

fragezeichen

Immer wieder liest man in linguistischen Lehrbüchern über den Unterschied zwischen nackten und bedeckten Silben. Nackt sind demnach solche Silben, die über keinen Kopf verfügen, also direkt mit einem vokalischen (sonoren) Element beginnen und bedeckt solche, die eben über einen (konsonantischen) Kopf verfügen.

Gerade habe ich hier eine interessante Frage gesehen, nämlich die Frage, ob es überhaupt nackte Silben im Deutschen gibt. Der Einwand, dass dies eigentlich nicht sein könne, da es im Deutschen keine silbeninitialen Vokale geben würde, ist sehr interessant! Denn tatsächlich lernt man in vielen linguistischen Grundkursen, dass hier immer ein glottaler Verschlusslaut vorangehen muss. So notieren wir Oma z.B. /ʔoːma/. Man kann sogar Minimalpaare bilden: Oma /ʔoːma/ versus Koma /koːma/ oder verreisen /fεraizən/ versus vereisen /fεrʔaizən/. Aber der Phonemstatus des glottalen Verschlusslautes soll uns hier erst einmal nicht interessieren.

Die Antwort auf die Frage, ob es nackte Silben im Deutschen gibt ist: Ja, die gibt es! Das hat zwei Gründe. Erstens artikulieren wir den glottalen Verschlusslaut nicht wirklich in allen Fällen. Wird ein Wort wie Oma in Isolation gesprochen, produzieren wir auch einen Knacklaut. Im Sprachfluss, ist dies jedoch nicht immer der Fall. Häufig wird der glottale Verschlusslaut einfach verschliffen. Außerdem gibt es aber noch den zweiten Grund. Auch der hat etwas mit gesprochener Sprache zu tun. Unsere Schrift suggeriert uns, dass jedes Wort aus einem vokalischen Silbengipfel besteht. Das ist natürlich nicht wirklich der Fall. Ein Wort wie genommen ist standardsprachlich dreisilbig doch die letzte Silbe wird häufig gar nicht /ən/ artikuliert, sondern nur /n/. Man spricht also nicht /gə.nɔm.ən/, sondern /gə.nɔm.n/.

Bevor ich die letzten Zeilen aufgeschrieben hatte, war mein Plan eigentlich gewesen, dafür zu argumentieren, dass nichtvokalische Silbenkerne im Deutschen natürlich auch nackte Silben ohne Kopf sind. Beim Schreiben fiel mir allerdings auf, dass Reduktionssilben wie /ən/ sowieso nackte Silben sind, denn vor Reduktionsvokalen kommt im Deutschen auch kein glottaler Verschlusslaut! Das lässt sich leicht testen (sogar ohne Praat). Der Knacklaut wird gut wahrnembar, wenn man die entsprechenden Worte flüstert. Wenn man z.B. verreisen /fεraizən/ versus vereisen /fεrʔaizən/ flüstert, kann man den glottalen Verschluss in der zweiten Silbe von vereisen gut wahrnehmen. Allerdings nur dort. Nicht in der Reduktionssilbe. Das bedeutet: Silben, die nur aus einem Reduktionsvokal, also aus Schwa oder Lehrerschwa, bestehen oder mit einem dieser Reduktionsvokale beginnen, sind immer auch nackte Silben: gestehe, gehen.

Die Negation im Mittelhochdeutschen

Mein Staatsexamen steht ja kurz bevor und ich soll heute im Kandidatenkolloquium noch was über den Wandel der deutschen Negation erzählen. Daher habe ich mir gedacht, ich könnte das ganze doch gleich auch für dieses Blog aufbereiten. Ich würde ja eigentlich viel lieber über aktuellere Themen berichten, aber dazu komme ich erst wieder im Sommer, wenn die Prüfungen vorbei sind. Hier also ein bisschen was über den Negationswandel.

Jespersen-Zyklus … oder auch nicht?

Immer wieder wird angenommen, die deutsche (Satz-)Negation habe den sogenannten Jespersen-Zyklus durchlaufen. Otto Jespersen hatte nämlich in seinem 1917 erschienenen Büchlein Negation in English and other languages (eine wirkliche lesenswerte Lektüre) beobachtet, dass in einigen Sprachen im Laufe der Zeit der Negationsträger geschwächt wird (Stufe I). Um diese Schwächung wieder auszugleichen (schließlich macht es ja einen enormen Unterschied, ob ein Satz negiert ist oder nicht) wurde die Negation durch die Hinzufügung eines weiteren Negationsausdrucks wieder gestärkt (Stufe II). Im Zuge der weiteren Entwicklung wird dann der ursprüngliche Negationsträger wieder getilgt (Stufe III).

Im Althochdeutschen wurde ein Satz negiert, indem dem finiten Verb der Negationsträger ni vorangestellt wurde. Siehe dazu das Beispiel in (1), zitiert nach Nübling (2006:103).

(1) ahd. dê dâr trinkit fon thesemo uuazzare thaz ih gibu ni thurstit zi êuuidu
      Wer von dem Wasser trinkt, das ich gebe, den dürstet nicht in Ewigkeit
      (Tatian 87,3)

Schon ab dem Spätalthochdeutschen kam es jedoch zu einer Schwächung des Negationsträgers ni, was sich in häufigen Klitisierungen wiederspiegelt (z.B. ahd. nindrinnes > nhd. nicht entrinnest). Fast zeitgleich kam es zu einer Negationsverstärkung durch Hinzufügung von niht, so dass es zu folgender Struktur kam:

(2) ni + finites Verb + niht

Es handelt sich dabei also um eine klammernde Mehrfachnegation, wie wir sie auch aus dem Französischen kennen (z.B. L’escargot ne va pas á la piscine), die allerdings nur einen einfache Negation zum Ausdruck bringt.

Ab dem 15. Jahrhundert beginnen die Klitika wieder zu verschwinden, bereits im 17. Jahrhundert finden sie sich nicht mehr. Es bleibt nur noch unser heutiges nicht übrig. Vom Mittelhochdeutschen, das neben niht auch noch die aus dem althochdeutschen ni entstandenen Negationsträger neen und kannte, wird allgemein angenommen, dass es hauptsächlich mit doppelter Negation als Grundstruktur arbeitete. Dem widerspricht allerdings eine empirische Untersuchung von Jäger (2008:215ff.), die in mhd. Texten nur in 4 bis 27 Prozent der Fälle eine doppelte Negation gefunden haben will (ich denke, hier wäre eine großangelegte Studie vonnöten). Fleischer (2011:231) bringt es auf den Punkt (Hervorhebung von mir):

Wahrscheinlich wird die doppelte Negation, die ja im Mittelhochdeutschen durchaus vorkommt, als besonders typisch wahrgenommen, weil sie eine im Neuhochdeutschen nicht mehr mögliche Struktur darstellt und deshalb im Vergleich zum Neuhochdeutschen besonders ‚auffällig‘ ist. In diesem Zusammenhang zeigt sich der verzerrende Effekt der kritischen Ausgaben mittelhochdeutscher Texte deutlich: Die Herausgeber ‚klassischer‘ mittelhochdeutscher Texte fügten häufig die Negationspartikel en in ihren Ausgaben hinzu […].

Scheinbar wurde die doppelte Negation im Deutschen also nicht häufig oder jedenfalls nicht lange gebraucht. Oder in anderen Worten:Die zweite Stufe des Jespersen-Zyklus scheint im Deutschen kaum aufgetreten zu sein.

Der Negativ exzipierende Satz

Im Mittelhochdeutschen gibt es Sätze, die eine Einschränkung eines übergeordneten Satzes ausdrücken, dabei jedoch eine für uns ungewöhnliche Form annehmen. Diese untergeordneten Sätze enthalten eine einfache Negation mit ne, sehen aus wie Hauptsätze und sind konjunktivisch. Klingt kompliziert? Hier drei Kennzeichen, die uns einen negativ exzipierenden Satz erkennen lassen (exzipierend heißt einfach ‚eine Ausnahme bildend‘) (nach Hennings 2003:200):

  1. Der Satz enthält eine einfache Negation mit ne
  2. Der Satz weist die Wortstellung eines Hauptsatzes auf
  3. Das Verb steht im Konjunktiv

Negativ exzipierende Sätze werden übersetzt mit es sei denn, dass oder mit wenn nicht, wie im nachfolgenden Beispiel dargestellt (aus Hennings 2003:201):

(3) mhd. mich enmac getrœsten niemen, si entuoz
      ‚
Mir vermag niemand Hoffnung zu geben, es sei denn, dass sie es tut‘

Allerdings kann die Negation mit ne auch fehlen, wenn sie schon im übergeordneten Satz ausgedrückt wurde:

(4) mhd. ich ensinge niht, ez wolde tagen
      ‚
Ich singe nicht, es sei denn, dass es Tag werden will‘

Literatur

Fleischer, J. (in Zusammenarbeit mit Oliver Schallert) (2011): Historische Syntax des Deutschen. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr.

Hennings, T. (2003): Einführung in das Mittelhochdeutsche. 2., durchgesehene und verbesserte Auflage. Berlin & New York: Walter de Gruyter.

Jäger, A. (2008): History of German Negation. Amsterdam: John Benjamins. (= Linguistics Today, 118).

Jespersen , O. (1917): Negation in English and other languages. Kopenhagen: Andr. Fred. Høst & Son.

Nübling , D. (in Zusammenarbeit mit Dammel, A., Duke, J. & Szczepaniak, R.) (2006): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. Tübingen: Gunter Narr.

Okay – okayer – am okaysten?

Gerade habe ich beim Kotzenden Einhorn diesen wunderbaren Satz über den Preis einer Muppet-Puppe gelesen: „Ich finde 100$ ist nen okayer Preis dafür.“ Wie ist der Preis? Okay. Also ein okayer Preis. Vielleicht kann man das ja auch steigern? Okayokayeram okaysten? Ja, das mit den deutschen Adjektiven ist wirklich so eine Sache. Und besonders schwierig wird es, wenn es sich um Fremdwörter handelt. Und hier liegt vielleicht auch der Punkt dieses Beitrags. Von Fremdwörtern spricht man nämlich dann, wenn ein Wort aus einer anderen Sprache zwar benutzt wird, es aber noch nicht an das Deutsche angepasst wird. Angepasst meint hier die Ebene der Lautung, Schreibung und natürlich der Flexion. Ist diese Anpassung geschehen, spricht man von Lehnwörtern. So wird gerne empfohlen (und da schließe ich mich gerne an), Wörter wie Party oder Handy (ein Wort, das es ja nur im Deutschen gibt) in ihrem Plural auch wie deutsche Wörter zu behandeln, also Partys und Handys zu schreiben. Schließlich handelt es sich mittlerweile um ganz geläufige Wörter des Deutschen. Lehnwörter eben.

Jetzt aber zu den Adjektiven. Dabei handelt es sich um eine Wortart, die zwischen Determinativ (also dem Artikel) und einem Nomen stehen kann, wie schöne in Satz (1). Dabei flektieren die Adjektive, wie im Beispiel ersichtlich. Allerdings können Adjektive auch mit Kopulaverben (sein, werden, bleiben) zusammen auftreten, wie in (2) gezeigt. In Beispielsatz (3) ist gezeigt, dass Adjektive zu guter Letzt auch mit Vollverben zusammen auftauchen, man bezeichnet diesen Fall als adverbialen Gebrauch von Adjektiven. In den Fällen (2) und (3) flektieren die Adjektive nicht. Allerdings mit der Einschränkung, dass sie kompariert werden können (Der Mann ist schöner als …)! Okay, sie flektieren also doch ein bisschen 😉

(1) Der schöne Mann.
(2) Der Mann ist schön.
(3) Natalie tanzt schön.

Treten Adjektive nun zusammen mit Nomen auf, bezeichnet man das als attributiven Gebrauch, da die Adjektive in diesen Fällen das Nomen modifizieren. Kommen Adjektive zusammen mit Kopulaverben vor, spricht man von einem prädikativen Gebrauch. Interessanterweise gibt es nun im Deutschen Adjektive, die nur eine dieser beiden Möglichkeiten zu lassen:

Nur prädikativ: Der Typ ist doch plemplem! vs. *Der plemplemige Typ
Nur attributiv: Der hiesige Fußballverein vs. *Der Fußballverein ist hiesig

Das Adjektiv okay scheint also zur ersten Gruppe zu gehören, die nur prädikativ gebraucht werden kann, wie in den Sätzen (4) und (5) angedeutet:

(4) Der Film war okay.
(5) *Der okaye Film.

Gegen die Zuordnung von okay zu den Adjektiven spricht übrigens, dass man okay eigentlich nicht komparieren kann. *Der Film heute war okayer als der gestern. Das klingt – zumindest in meinen Ohren – wenigstens etwas schräg. Allerdings sollte die Komparierbarkeit doch eine der Voraussetzungen dafür sein, ein Wort zur Gruppe der Adjektive zu zählen. Jedoch scheint sich sowohl die Beschränkung auf den nur prädikativen Gebrauch, als auch die nicht mögliche Komparation langsam abzuschwächen. Googelt man „okayer“, so finden sich zahlreiche Beiträge wie „okayer Preis“, „okayer Film“ oder „okayer Zustand“. Auch „okayer als“ liefert immerhin etwas über 800 Ergebnisse. So richtig eingebürgert scheint sich diese Gebrauchsweise also noch nicht zu haben. Aber es könnte doch ein Hinweis darauf sein, dass sich okay immer mehr vom Fremdwort zum Lehnwort entwickelt. Der Duden verzeichnet das Wort immerhin schon 1954. Übrigens ist das Wort okay nach Allan Metcalf, der schließlich nach Eigenaussage auf seiner Webseite „the world’s leading expert on the history and meaning of OK (or okay)“ ist, America’s Greatest Word (so der Titel eines seiner Bücher).

Für die Linguistik begeistern

„Linguistik ist mein neues Mathe!“, war so ein Spruch, den man bei Studierenden der Germanistik an meine Heimatuniversität (LMU München) zu Studienbeginn häufig gehört hat. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Unterteilung „Germanistische Linguistik“, „Mediävistik“ (Sprache und Kultur des Mittelalters) und „Neuere deutsche Literatur“ sich die Sprachwissenschaft nicht unbedingt der größten Beliebtheit erfreut – besonders nicht unter den Lehramtsstudierenden.

Aber woran liegt das? Ich glaube, eines der grundlegendsten Probleme in der Vermittlung dieser Wissenschaft ist die komplizierte Terminologie. Ohne sie kann man keine Linguistik betreiben, also muss man sie zuerst lehren. Diese wirkt aber oft abschreckend und wird allzu häufig gar mit der Linguistik an sich verwechelt. Sprachwissenschaftler zu sein bedeuteted aber nicht Wortklauberei zu betreiben! Aber: Ohne diese Feingliedrigkeit und ohne die zahlreichen Unterscheidungen kann der Sprachwissenschaftler/die Sprachwissenschaftlerin einfach nicht richtig über ihren Gegenstandsbereich sprechen [1].

Ich denke, es sollte eines der Hauptanliegen der Lehre in den frühen Semestern sein, den Studierenden diesen Umstand zu vermitteln! Die Untersuchung von Sprache gehört zu den spannendsten und vielseitigsten Unternehmungen überhaupt … allerdings erst, nachdem man sich einen etwas kompilzierteren Apparat an Begrifflichkeiten angeeignet hat.

 

[1] Unterscheidungen wie etwa NeologismusOkkasionalismus adhoc-Bildung

Modalverben und der Google-Übersetzer

Ich bin ja großer Fan des Google-Übersetzungsdienstes. Interessanterweise scheint er Probleme bei der Übersetzung von Deutsch nach Englisch mit den deutschen Modalverben zu haben. Präskriptive Grammatiken schreiben für das Deutsche gerne vor, dass Modalverben mit einem Infinitiv bzw. einer Infinitivphrase gebraucht werden. Aber auch wissenschaftliche Einführungen handhaben das häufig auf diese Weise. So schreiben beispielsweise Graefen & Liedke (2008:148) über Modalverben (MV) bzw. modalähnliche Verben:

Abgesehen von den MV mit reinem Infinitiv haben die anderen Verben gemeinsam, dass sie einen Infinitiv bzw. eine Infinitivphrase mit zu zur Bildung des komplexen Prädikats erfordern.

Im alltäglichen Gebrauch gibt es aber häufig elliptische Verwendungsweisen der Modalverben, wie z.B.:

(1) a. Ich muss zum Supermarkt.
       b. Google kann kein Deutsch.

Während dem Muttersprachler in (1a) klar ist, dass man zum Supermarkt geht, versteht er auch, dass in (1b) natürlich die Beherrschung der Sprache gemeint ist: Google kann kein Deutsch sprechen. Während der Google-Übersetzungsdienst Ich muss zum Einkaufen (zumindest grammatisch) richtig mit ‚I need to shop‘ übersetzt, wird es mit Ich muss zum Supermarkt schon knifflig. Googles Antwort lautet hier ‚I need to supermaket‘. Interessant ist, dass auch die Groß- und Kleinschreibung hier von Bedeutung zu sein scheint. Aus google kann kein deutsch wird ‚google is no German‘, bei Beachtung der Groß- und Kleinschreibung jedoch aus Google kann kein DeutschGoogle can not speak German‘.

Literatur:

Graefen, G. & Liedke, M. (2008): Germanistische Sprachwissenschaft. Deutsch als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache. Tübingen & Basel: A. Francke.

google is no German

„labern“ im Kiezdeutschen

In ihrem populärwissenschaftlichen Buch Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht schreibt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese (2012:14) über die von ihr als Dialekt bezeichnete Sprachvariante Kiezdeutsch:

Kiezdeutsch spricht man nicht, weil die eigenen Großeltern irgendwann einmal aus der Türkei eingewandert sind, sondern Kiezdeutsch spricht man mit seinen Freunden, wenn man in einem multiethischen Viertel groß wird, ganz unabhängig davon, ob die Familie aus der Türkei, aus Deutschland oder aus einem anderen Land stammt.

Dass ich diesen Artikel damit beginne, wer Kiezdeutsch spricht und nicht mit einer Definition hat seinen Grund darin, dass Wiese leider keine griffige Definition des Begriffs liefert. Dies spiegelt sich auch auf dem zum Kiezdeutschen angebotenen Infoportal kiezdeutsch.de wider: Der erste Unterpunkt dort lautet „Wer spricht Kiezdeutsch?“ und verfolgt so ebenfalls eine Herangehensweise über die Sprecher.

Screenshot von kiezdeutsch.de

Dies soll hier allerdings nicht als Nachteil gewertet werden (schließlich erläutert Wiese im Rest ihres Buches und an anderen Stellen noch ausführlich die kiezdeutschen Besonderheiten). Was ist denn nun aber Kiezdeutsch? Es handelt sich laut Wiese (2006:6) um eine jugendsprachliche Varietät des Deutschen, die sich von anderen Jugendsprachen darin unterscheidet,

dass sie zum einen einen Hintergrund im ungesteuerten Zweitspracherwerb hat und in Beziehung zu ethnolektalen Varietäten steht (insbesondere zu „Türkendeutsch“, dem Ethnolekt, der sich aus dem Deutsch türkischer Migranten entwickelt hat), zum anderen über solche Ethnolekte jedoch hinausgeht und grammatische Merkmale einer Kontaktsprache aufweist, die sich in multi-ethnischen und multi-lingualen Kontexten entwickelt hat.

Spannend finde ich Wieses Betonung des Multi-Ethnischen, da ich selbst eine in der Innenstadt einer kleineren Großstadt gelegene, von multi-ethnischer Durchmischung gekennzeichnete Schule besucht habe, in der exakt wie von Wiese beschrieben, gesprochen wurde.
Wiese (2006, 2012) konzentriert sich in ihren Ausführungen besonders auf morpho-syntaktische Phänomene, weniger allerdings auf semantische. Hinsichtlich der (lexikalischen) Semantik ist mir dabei vor ein paar Tagen eine (kleine) Besonderheit des Kiezdeutschen aufgefallen: das Verb labern erhält im Kiezdeutschen eine weitere Bedeutung als im Standarddeutschen. Auf duden.de finden sich zwei Bedeutungen von labern:

  1. (abwertend) sich wortreich über oft belanglose Dinge auslassen, viele überflüssige Worte machen
  2. sich zwanglos unterhalten, plaudern

Im Kiezdeutschen erhält labern noch die zusätzliche Bedeutung ‚die Unwahrheit sagen‘. So kann man mit den Sätzen in (1) und (2) problemlos jemanden des Lügens bezichtigen.

(1) Laber nicht!

(2) Der labert doch!

Dies rührt vermutlich aus einer Verkürzung vonWendungen wie Laber keinen Mist her und liegt von der im Duden verzeichneten Bedeutung von labern natürlich auch nicht weit weg.
Eine kurze Suche auf google.de zeigt ebenfalls diese Verwendung. Ein User kommentiert beispielsweise einen Artikel über Kiezdeutsch auf der konservativen Seite jungefreiheit.de, der die Sprecher des Kiezdeutschen nicht gerade gut dastehen lässt mit „Was labert er? […] Alter, er ist voll der häßliche Opfer.“ Dieser Satz lässt sich kaum mit den vom Duden beschriebenen Vorschlägen paraphrasieren, denn weder will der User darauf hinaus, dass der Autor des Artikels übertrieben viele Worte verliert oder dass er plaudert. Vielmehr will er zum Ausdruck bringen, dass er nicht seiner Meinung ist und seine Ausführungen unwahr befindet.

Literatur:

Wiese, H. (2006): „Ich mach dich Messer“: Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache. Linguistische Berichte 207: 245-273.
Wiese, H. (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C.H. Beck.

Isoglossen und Heteroglossen

Mich hat das ja schon immer verwirrt: der Begriff der Isoglosse. In der Linguistik bezeichnet man als  Isoglosse eine Linie in einem Sprachatlas, die zwei Ausprägungen eines sprachlichen Merkmals trennt. Eine der bekanntesten Isoglossen ist z.B. die sogenannte Benrather Linie, benannt nach der Kleinstadt Benrath bei Düsseldorf, die die Aussprache von maken und machen trennt.

Das Wort Isoglosse wurde nach dem Vorbild anderer sogenannter Isolinien gebildet. Isolinien sind Linien, die Punkte auf einer Karte verbinden, die den gleichen Wert aufweisen. So verbinden z.B. Isotherme Linien mit gleicher Temperatur. Aber eine Isoglosse dagegen verbindet keine Linien gleicher Aussprache, sondern trennt verschiedene Aussprachevarianten. Leider wird der Begriff wohl erhalten bleiben, da er sich schon längst eingebürgert hat und Vorschläge zu seiner Ersetzung durch Begriffe wie Heteroglosse (z.B. Sihler 200:260) scheinen verlorene Liebesmüh.

Literatur:

Sihler, A. L. (2000): Language History. An Introduction. Amsterdam & Philadelphia: John Benjamins.

Doppelte Verneinung und negativer Concord

Dieser Artikel beschäftigt sich mit negativem Concord. Im Unterschied zur doppelten Verneinung, bei welcher zwei negative Elemente wieder eine Affirmation bilden. In Satz (1) bilden die beiden Negationsträger einen affirmative Aussage die umschrieben werden kann mit  Du bist hübsch.

(1) Du bist nicht unhässlich.

Allerdings sind diese beiden Sätze nicht gleichbedeutend. Doppelte Verneinung kann z.B. dazu verwendet werden Sprechereinstellungen auszudrücken oder graduelle Unterschiede anzugeben.
Bei einem negativen Concord jedoch handelt es sich um ein Phänomen, bei dem mindestens zwei Negationsträger in einem Satz auftauchen, die Bedeutung des Satzes jedoch nicht affirmativ wird. Die Sätze (2a) und (2b) zeigen, dass dies im amerikanischen Slang (es handelt sich um einen Liedtitel der US-amerikanischen Band Bloodhound Gang) und in verschiedenen deutschen Dialekten (hier Schwäbisch) möglich ist. We don’t need no water bedeutet demnach nicht, dass jemand Wasser braucht, sondern, dass jemand kein Wasser benötigt.

(2)  a. We don’t need no water.
        b. I brauch koi Wasser ned.

Auch in mittelhochdeutschen Texten taucht der negative Concord auf (und wird in der Literatur häufig als pleonastische Verneinung bezeichnet). Diese folgt allerdings gewissen Regeln. Meist besteht sie wie in (3) aus zwei Negationsteilen mit einem Klitikon (Negationspartikel) und einem Negationswort (das Beispiel stammt aus Hartmann von Aue: Iwein. V. 364 ).

(3) ouch enwart da niht vergezzen
        wirn heten alles des die kraft
        daz man dâ heizet wirtschaft

Auch in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) taucht der negative Concord häufig auf (Pfau & Quer 2007:134). Dabei wird in einem Satz ein manuelles Negationswort und eine nichmanuelle Komponente verwendet.

Mittelhochdeutsche Kurzgrammatik (pdf).

Pfau, R. & Quer, J. (2007): On the syntax of negation and modals in Catalan Sign Language and German Sign Language. In: Perniss, P. M., Pfau, R. & Steinbach, M. (Hrsg.): Visible Variation. Comparative Studies on Sign Language Structure. S. 129-161.