Warum gibt es gutes Wetter, wenn man seinen Teller leer isst?

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Ich habe jetzt doch noch eine vertrauenswürdige Quelle gefunden, die ebenfalls die Wieder-Wetter-Theorie vertritt und zwar das Buch Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich. Darin taucht auch der von mir erst bezweifelte Zusammenhang zwischen gut Wetter machen und dem leeren Teller wieder auf. Zu eben diesem Stichwort („gut Wetter machen“ ) ist da zu lesen: „geneigte Stimmung hervorrufen; daneben aber auch umg. und dem Volksglauben entsprechend: alles aufessen, was vorgesetzt wird. Dieser Volksglaube beruht auf einem sprachl. Mißverständnis. Im Ndd. wurde gesagt, wenn alles aufgegessen würde, gäbe es am nächsten Tag wieder etw. Gutes: ‚Goods wedder‘, was im Hd. als ‚gutes Wetter‘ gedeutet wurde“ (Röhrich 1994:1722). Die Wendung „gut Wetter machen“ scheint aus dem Französischen entlehnt worden zu sein. „Attendre des temps meilleurs“ heißt zwar eigentlich ‚auf bessere Zeiten warten‘, „temps“ kann aber eben auch mit „Wetter“ übersetzt werden. Leider führt Röhrich aber auch nicht weiter aus, wo er das alles her hat.

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Neulich fragte mich eine Freundin eine Du-bist-doch-Sprachwissenschaftler-Frage. Es ging um die Herkunft des Sprichtworts, das besagt, dass es gutes Wetter gibt, wenn man seinen Teller leer isst. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben und mit historischer Phraseologie habe ich mich noch nie befasst. Ausgangspunkt ihrer Frage war eine Herkunftstheorie, die sie gehört hatte und die sich über eine Google-Suche auch schnell finden lässt. So schreibt der Lauenburger Literaturwissenschaftler Michael Krumm im Hamburger Abendblatt zur Herkunfts des Sprichtworts:

Die Variante „’S gibt gut Wetter, ’s ist alles aufgegessen“ befand sich schon um 1870 im „Deutschen Sprichwörter- Lexikon“. Die Herkunft der Redewendung beruht aber sehr wahrscheinlich auf einem sprachlichen Missverständnis. Im niederdeutschen Platt lautet die Aufforderung, alles aufzuessen, damit der Koch auch für den nächsten Tag motiviert ist oder nichts Aufgewärmtes auf den Tisch kommt, nämlich: „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder.“

Tatsächlich soll es sich um eine Art „Übersetzungsfehler“ handeln, denn die niederdeutsche Verschriftung wedder kann sowohl für ‚wieder‘, was angeblich ursprünglich gemeint war, und für ‚Wetter stehen‘. Für beides finden sich Belege in dem angegeben Lexikon, bei dem es sich wohl um Karl Friedrich Wilhelm Wanders Deutschem Sprichtwörter-Lexikon handelt (siehe auch Schambach 1858:290). Allerdings habe ich auf die Auflage von 1870 zuächst nicht zugreifen können. Online gibt es nur den Band von 1867 und da habe ich dazu zunächst nichts finden können (ist aber ja auch ein anderer Band). Dafür findet man zu der Wieder-Wetter-Übersetzungsfehler-Theorie im Netz und auch in populärwissenschaftlichen Büchern jede Menge Belege. Allerdings tauchen hier immer wieder die gleichen Formulierungen und insbesondere immer wieder das Wort „Übersetzungsfehler“ auf, was darauf hindeutet, dass hier aus einer Quelle abgeschrieben wurde, die aber leider nie genannt wird. Im Netz wird auch immer wieder behauptet, dass das Sprichwort  „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder“ auch heute noch im niederdeutschen Raum in Verwendung ist. Leider habe ich dafür keinen seriösen Beleg gefunden. Eine wichtige Anmerkung betrifft sicherlich einen Eintrag aus dem Buch „Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten“ von Rudolf Eckart (1893:103), der gegen die Wieder-Wetter-Theorie spricht: „Michel, ett, dat’t gôt Wedde wat!“, also ‚Michel, iss, dass es gutes Wetter wird!‘ Ich denke, die Satzstellung und die Großschreibung belegen eindrücklich, dass es hier um das Wetter geht. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen.

Den weiteren Beleg für das Sprichtwort in einer Formulierung, die der heutigen Nahe kommt, fand ich in Oskar Weises Buch „Unsere Mundarten. Ihr Werden und ihr Wesen“ von 1910. Weise (1910:168) schreibt: „[…] nach der Ansicht des Volkes, tritt schlechtes Wetter ein, wenn man etwas auf dem Teller liegen lässt“ und bringt das in Zusammenhang mit der Redewendung „gut Wetter machen“. Diese mutmaßliche Verbindung scheint mir allerdings etwas seltsam, aber auch das müsste man erst genauer recherchieren.

Sicherlich reicht die Vorstellung eines Zusammenhangs zwischen Aufessen und gutem Wetter aber viel weiter zurück. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Sprichwörter und Bauernregeln wie „Wenn X, dann gibt es gutes/schlechtes Wetter“ im deutschen Sprachraum extrem weit verbreitet sind. Ein Beleg mit etwas anderer Formulierung stammt z.B. vom Schriftsteller Berthold Auerbach, der 1843 in seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ schreibt: „Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G’schirr“, woraufhin Protagonist Nazi (das ist ein Eigenname) seine Suppe so auslöffelt, dass laut seinen Angaben nicht mal mehr eine Wanze im Teller ertrinken könnte. Es ist gut vorstellbar, dass sich das Sprichwort von hier aus schnell verbreitete, denn Auerbach wurde viel rezipiert (obwohl man auch annehmen kann, dass das Sprichtwort schon damals weite Verbreitung fand).

Einen weiteren Beleg für eine ähnliche Vorstellung habe ich übrigens in oben bereits erwähntem Sprichwörter-Lexikon gefunden, aber in der Auflage von 1873. Allerdings handelt es sich nicht um einen niederdeutschen, sondern um einen ostmitteldeutschen, genauer einen schlesischen Beleg. Da steht: „Nêgel mass man aufessen, dass es hêmlich bleibt.“ Das klingt ein bisschen kryptisch, heißt aber so viel wie: Kleine Neigen (das sind vermutlich die Überreste, die auf dem Teller liegengeblieben sind) muss man aufessen, dass es heimelig bleibt (also schönes Wetter gibt). Man müsste wohl noch sehr viel tiefer graben, um dem Ursprung auf die Schliche zu kommen, allerdings erscheint mir die Wieder-Wetter-Theorie nicht mehr ganz so plausibel, wie ich sie am Anfang fand.

Literatur:

Eckart, R. (1893): Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten. Braunschweig: Appelhans & Pfenningstorff.

Röhrich, L. (1994): Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 5: Spieß – Zylinder. 2. Auflage. Freiburg, Basel & Wien: Herder.

Schambach, F. (1858): Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen. Oder: Göttingisch-Grubenhagen’sches Idiotikon. Hannover: Carl Rümpler.

Wander, K. F. W. (1867): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk. Leipzig: Brockhaus.

Wiese, O. (1910): Unsere Mundarten, ihr Werden und ihr Wesen. Leipzig & Berlin: Teubner.

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