Eine Respose Time Box bauen

response time box

Ich hatte hier im Blog schon mal über eine Response Time Box geschrieben. Dabei handelt es sich um eine kleine Box mit Knöpfen, die bei Reaktionszeitexperimenten benutzt wird. Man braucht eine solche Box, da herkömmliche Computer-Tastaturen und -Mäuse ihre Signale nicht direkt senden, sondern diese zunächst in einem Zwischenspeicher landen, was zu unvorhersebaren, variablen Verzögerungen führt (zwischen 10 und 30 Millisekunden). Erhebt man seine Daten so, kann man sie auch gleich wegwerfen.

Die naheliegendste Lösung ist, sich eine solche Box zu kaufen. Diese kosten allerdings zwischen 300 und 2000 US-Dollar und sind in ihrem Design festgelegt und nur schwer an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Ich bin wirklich kein Bastler und habe von Elektronik nicht viel Ahnung. Dennoch habe ich letzte Woche beschlossen, mir einfach selbst eine solche Box zu bauen. Vor allem, weil ich glaube, dass man alles lernen kann und irgendwie hat mich die Herausforderung gereizt. Eine kurze Internetrecherche führte mich zu einem Paper von Voss, Leonhart & Stahl (2007), die eine Schritt-für-Schritt-Anleitung bereithalten. Nach einem kurzen Blick wurde mir aber klar, dass ich irgendwie nicht ganz verstehe, wie das Ganze funktioniert. Allerdings habe ich dann noch eine weitere Anleitung gefunden, die auf dem Paper von Voss, Leonhart & Stahl aufbaut. Diese Anleitung von Felix Frey & Gijsbert Stoet mit dem Titel How to build your own Ultra Response Pad and use it with Psytoolkit erschien mir irgendwie eingängiger, obwohl ich Psychtoolkit nicht verwende, sondern mit PsychoPy arbeite. Man benötigt nur ein paar einfache Zutaten:

  • Ein paar Druckknöpfe, am besten solche, die sich leicht und schnell drücken lassen, bei denen man aber auch spürt, dass man sie gedrückt hat (Kostenpunkt pro Stück: 2,82)
  • Ein Druckerkabel (Parallel Port; Kostenpunkt: ca. 15 Euro)
  • Ein verschraubbares Industriegehäuse, gibt es in schön und in hässlich, ich habe ein hässliches genommen, weil es billiger war (Kostenpunk: 6 Euro)
  • So viele Widerstände (mindestens 100 Ohm, ich habe 1,2 K genommen) wie Druckknöpfe (Kostenpunkt: ein paar Cent)
  • Ein bisschen Isolierkabel (Kostenpunkt: ebenfalls ein par Cent)
  • Etwas Isolierband (Kostenpunkt: ein bis zwei Euro)
  • Einen Lötkolben, Lötzinn, Schraubenzieher, ein Multimeter, Zange, einen Bohrer für die Löcher (es gibt extra Aufsätze, um große Löcher zu bohren, wo später die Knöpfe reinkommen)

Eigentlich hatte ich vor, eine tolle Dokumentation zu machen, mit vielen Bildern, um zu zeigen, was man machen muss. Leider hab ich erst am Ende, als die Box schon fertig war, bemerkt, dass keine Speicherkarte in der Kamera war. Sehr, sehr ärgerlich, also müssen wir uns hier mit den beiden Handy-Fotos begnügen. Oben sieht man die fertige Box, hier noch ein Bild, kurz bevor es los ging:

response time box2

Ich bin, wie gesagt, kein Bastler, hab also auch keine Werkstatt. Zum Glück durfte ich die im Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der LMU München benutzen. Außerdem muss ich Klaus Jänsch und Markus Jochim vom Institut ein großes Dankeschön aussprechen, die mich beim Basteln unterstützt und beraten haben. Insgesamt muss ich sagen, dass man der Anleitung von Felix Frey & Gijsbert Stoet sehr gut folgen kann und eigentlich nichts schief gehen kann. Ein Test am Computer hat gezeigt, dass die Signale tatsächlich ankommen. Allerdings dauert es noch, bis ich sie richtig testen kann, weil ich noch den Laptop mit dem Parallel-Port-Anschluss testen muss. Solche Laptops sind übrigens nicht leicht zu finden, nur ältere Modelle haben ihn noch. Und dann muss ich noch rausfinden, wie PsychoPy das aufzeichnet

 

Warum gibt es gutes Wetter, wenn man seinen Teller leer isst?

+++++++++UPDATE+++++++++

Ich habe jetzt doch noch eine vertrauenswürdige Quelle gefunden, die ebenfalls die Wieder-Wetter-Theorie vertritt und zwar das Buch Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich. Darin taucht auch der von mir erst bezweifelte Zusammenhang zwischen gut Wetter machen und dem leeren Teller wieder auf. Zu eben diesem Stichwort („gut Wetter machen“ ) ist da zu lesen: „geneigte Stimmung hervorrufen; daneben aber auch umg. und dem Volksglauben entsprechend: alles aufessen, was vorgesetzt wird. Dieser Volksglaube beruht auf einem sprachl. Mißverständnis. Im Ndd. wurde gesagt, wenn alles aufgegessen würde, gäbe es am nächsten Tag wieder etw. Gutes: ‚Goods wedder‘, was im Hd. als ‚gutes Wetter‘ gedeutet wurde“ (Röhrich 1994:1722). Die Wendung „gut Wetter machen“ scheint aus dem Französischen entlehnt worden zu sein. „Attendre des temps meilleurs“ heißt zwar eigentlich ‚auf bessere Zeiten warten‘, „temps“ kann aber eben auch mit „Wetter“ übersetzt werden. Leider führt Röhrich aber auch nicht weiter aus, wo er das alles her hat.

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Neulich fragte mich eine Freundin eine Du-bist-doch-Sprachwissenschaftler-Frage. Es ging um die Herkunft des Sprichtworts, das besagt, dass es gutes Wetter gibt, wenn man seinen Teller leer isst. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben und mit historischer Phraseologie habe ich mich noch nie befasst. Ausgangspunkt ihrer Frage war eine Herkunftstheorie, die sie gehört hatte und die sich über eine Google-Suche auch schnell finden lässt. So schreibt der Lauenburger Literaturwissenschaftler Michael Krumm im Hamburger Abendblatt zur Herkunfts des Sprichtworts:

Die Variante „’S gibt gut Wetter, ’s ist alles aufgegessen“ befand sich schon um 1870 im „Deutschen Sprichwörter- Lexikon“. Die Herkunft der Redewendung beruht aber sehr wahrscheinlich auf einem sprachlichen Missverständnis. Im niederdeutschen Platt lautet die Aufforderung, alles aufzuessen, damit der Koch auch für den nächsten Tag motiviert ist oder nichts Aufgewärmtes auf den Tisch kommt, nämlich: „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder.“

Tatsächlich soll es sich um eine Art „Übersetzungsfehler“ handeln, denn die niederdeutsche Verschriftung wedder kann sowohl für ‚wieder‘, was angeblich ursprünglich gemeint war, und für ‚Wetter stehen‘. Für beides finden sich Belege in dem angegeben Lexikon, bei dem es sich wohl um Karl Friedrich Wilhelm Wanders Deutschem Sprichtwörter-Lexikon handelt (siehe auch Schambach 1858:290). Allerdings habe ich auf die Auflage von 1870 zuächst nicht zugreifen können. Online gibt es nur den Band von 1867 und da habe ich dazu zunächst nichts finden können (ist aber ja auch ein anderer Band). Dafür findet man zu der Wieder-Wetter-Übersetzungsfehler-Theorie im Netz und auch in populärwissenschaftlichen Büchern jede Menge Belege. Allerdings tauchen hier immer wieder die gleichen Formulierungen und insbesondere immer wieder das Wort „Übersetzungsfehler“ auf, was darauf hindeutet, dass hier aus einer Quelle abgeschrieben wurde, die aber leider nie genannt wird. Im Netz wird auch immer wieder behauptet, dass das Sprichwort  „Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder“ auch heute noch im niederdeutschen Raum in Verwendung ist. Leider habe ich dafür keinen seriösen Beleg gefunden. Eine wichtige Anmerkung betrifft sicherlich einen Eintrag aus dem Buch „Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten“ von Rudolf Eckart (1893:103), der gegen die Wieder-Wetter-Theorie spricht: „Michel, ett, dat’t gôt Wedde wat!“, also ‚Michel, iss, dass es gutes Wetter wird!‘ Ich denke, die Satzstellung und die Großschreibung belegen eindrücklich, dass es hier um das Wetter geht. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen.

Den weiteren Beleg für das Sprichtwort in einer Formulierung, die der heutigen Nahe kommt, fand ich in Oskar Weises Buch „Unsere Mundarten. Ihr Werden und ihr Wesen“ von 1910. Weise (1910:168) schreibt: „[…] nach der Ansicht des Volkes, tritt schlechtes Wetter ein, wenn man etwas auf dem Teller liegen lässt“ und bringt das in Zusammenhang mit der Redewendung „gut Wetter machen“. Diese mutmaßliche Verbindung scheint mir allerdings etwas seltsam, aber auch das müsste man erst genauer recherchieren.

Sicherlich reicht die Vorstellung eines Zusammenhangs zwischen Aufessen und gutem Wetter aber viel weiter zurück. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Sprichwörter und Bauernregeln wie „Wenn X, dann gibt es gutes/schlechtes Wetter“ im deutschen Sprachraum extrem weit verbreitet sind. Ein Beleg mit etwas anderer Formulierung stammt z.B. vom Schriftsteller Berthold Auerbach, der 1843 in seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ schreibt: „Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G’schirr“, woraufhin Protagonist Nazi (das ist ein Eigenname) seine Suppe so auslöffelt, dass laut seinen Angaben nicht mal mehr eine Wanze im Teller ertrinken könnte. Es ist gut vorstellbar, dass sich das Sprichwort von hier aus schnell verbreitete, denn Auerbach wurde viel rezipiert (obwohl man auch annehmen kann, dass das Sprichtwort schon damals weite Verbreitung fand).

Einen weiteren Beleg für eine ähnliche Vorstellung habe ich übrigens in oben bereits erwähntem Sprichwörter-Lexikon gefunden, aber in der Auflage von 1873. Allerdings handelt es sich nicht um einen niederdeutschen, sondern um einen ostmitteldeutschen, genauer einen schlesischen Beleg. Da steht: „Nêgel mass man aufessen, dass es hêmlich bleibt.“ Das klingt ein bisschen kryptisch, heißt aber so viel wie: Kleine Neigen (das sind vermutlich die Überreste, die auf dem Teller liegengeblieben sind) muss man aufessen, dass es heimelig bleibt (also schönes Wetter gibt). Man müsste wohl noch sehr viel tiefer graben, um dem Ursprung auf die Schliche zu kommen, allerdings erscheint mir die Wieder-Wetter-Theorie nicht mehr ganz so plausibel, wie ich sie am Anfang fand.

Literatur:

Eckart, R. (1893): Niederdeutsche Sprichwörter und volkstümliche Redensarten. Braunschweig: Appelhans & Pfenningstorff.

Röhrich, L. (1994): Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 5: Spieß – Zylinder. 2. Auflage. Freiburg, Basel & Wien: Herder.

Schambach, F. (1858): Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen. Oder: Göttingisch-Grubenhagen’sches Idiotikon. Hannover: Carl Rümpler.

Wander, K. F. W. (1867): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk. Leipzig: Brockhaus.

Wiese, O. (1910): Unsere Mundarten, ihr Werden und ihr Wesen. Leipzig & Berlin: Teubner.

Etwas Erheiterung für Zwischendurch

John Robert Ross (Quelle: Bild von Nutzer Mitchoyoshitaka unter Creative-Commons-Lizenz)

Etwas Erheiterung für Zwischendurch gefällig? Hier meine Lieblingsstellen aus der Danksagung der Dissertation von John Robert Ross:


„This thesis ends an overly long career as a professional student, a career which has been a joy to me, but a trial to the many teachers and administrators who have gritted their teeth and forgiven the lateness of papers and assignments (several are still late), the frequency with which I asked ill thought-out questions, and my chronic unpuncuality. They have put up woth all this in the hope that something might become of me someday. To these friends I can only offer this thesis, in the hope that it will in part repay their confidence in me.“

„For aid and support beyond the call of duty, I must single out the following for special gratitude:
The Deutscher Akademischer Austauschdienst, who gave me a chance to dabble around at three German universities, apparently learning nothing but in reality finally realizing that it was time to stop dabbling and study seriously[…].“

„Finally, I come to my family. Since in my view cats are as necessary as air or water, I thank our cats Krishna and Aristotle for deigning to stay with us and seasoning our existence.“

Einsilbige Wörter mit möglichst vielen Buchstaben

Ich liebe ja die Facebook-Gruppe Da kotzt das Texterherz. Die ist zwar nicht für Linguisten gedacht, man findet dort aber dennoch immer Inspiration. Außerdem liebe ich Spielchen à la „Wer kennt das einsilbige Wort mit den meisten Buchstaben, das im deutschen Duden steht?“ Genau das war die Frage, die eine Userin in dieser Gruppe stellte. Die Vorschläge, die u.a. gemacht wurden, waren <Plausch> (7 Buchstaben) oder <Schwulst> und <Schmarrn> (8 Buchstaben). Die Frage ließ, ganz ehrlich, mein Linguisten-Herz hüpfen. Solche Fragen lassen sich nämlich mit ein bisschen Hintergrundwissen aus Graphematik und Phonologie theoretisch angehen. Betrachten wir dazu zunächst den Aufbau der deutschen Silbe:

(C)(C)(C)V(C)(C)(C)(C)

Das ist natürlich nur der theoretische Aufbau. Es können nicht alle C-Positionen besetzt werden. Für den Silben-Onset gibt es nur drei Möglichkeiten, bei welchen alle drei Positionen besetzt sind: /ʃpl/, /ʃpr/ und /ʃtr/. Da unsere Schrift hier versucht allzu komplexe Anfangsränder zu vermeiden, schreiben wir in solchen Wörtern leider kein <sch> (einer berühmten Argumentation Peter Eisenbergs folgend). Das ist für unser Spiel natürlich nicht von Vorteil. Also suchen wir nach Belegungen mit zwei Konsonanten im Onset, von welchen einer möglichst mit dem Tripgraphen <sch> wiedergegeben wird. <Schmarrn> war also schon sehr gut.

<Schmarrn> war aber auch in einer anderen Hinsicht sehr gut gewählt! Um möglichst viele Buchstaben zu bekommen, macht es nämlich Sinn, entweder die V-Position mit einem Diphthong zu besetzten (um zwei Buchstaben zu erhalten) oder mit einem kurzen Vokal, der durch eine Konsonantenbuchstabenverdopplung angezeigt wird – eben wie bei <Schmarrn>.

Wenn wir nach Einsilbern suchen, ist es außerdem eine gute Idee, eine flektierte Form zu wählen. Wir kennen das von Überlegungen, die sich mit der Frage nach dem Wort mit den meisten Konsonantenbuchstaben beschäftigen. Bessern als <Herbst> ist nämlich (des) <Herbsts>. Ein Beispiel für ein solches einsilbiges Wort ist <schleimst> („Schleimst du dich wieder beim Chef ein?“). Jetzt haben wir schon 9 Buchstaben. Es geht aber noch mehr. Wir müssten ein Wort wie <schlauchst> oder <schmauchst> finden. Da fallen mir aber kaum Sätze zu ein. Gehen würde dagegen <schleichst>. 10!

Allerdings wurde ja nach Wörtern gefragt, die im Duden stehen. Flektierte Formen stehen natürlich nicht im Duden. Bleibt uns nur noch das Ausweichen auf Fremdwörter: <Borschtsch>. Und wenn wir dann doch flektierte Formen zulassen: (des) <Bortschtschs>!

Ein paar terminologische Hinweise zu Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit

Eine Skulptur des tschechischen Künstlers zum Thema Gebärdensprache (Quelle: ŠJů, Creative Commons)

Auf der Webseite von hearZONE, einem Magazin für Hörbehinderte, habe ich gerade diesen Beitrag über das Wort taubstumm gelesen und warum es von vielen Gehörlosen als Beleidigung aufgefasst wird. Das hat mich dazu veranlasst, auch mal ein bisschen war über die Terminologie in diesem Bereich zu schreiben, denn hier gibt es ein paar sehr interessante und schöne Begriffe, die man kennen sollte, wenn man sich mit Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit beschäftigen möchte.

Warum man nicht von „Taubstummheit“ spricht

Die Begriffe taubstumm und Taubstummheit werden heute immer noch häufig von hörenden Menschen verwendet, wenn sie über Gehörlosigkeit sprechen. Diese Wörter implizieren allerdings, dass die bezeichnete Person nicht nur taub ist, sondern auch stumm. Gehörlose sind aber natürlich dazu in der Lage Lautäußerungen zu produzieren. Deswegen werden diese Begriffe häufig als beleidigend empfunden. Auch das Wort taub wird nur noch selten verwendet, man spricht eher von gehörlos. Dies trifft allerdings nicht auf Taubblindheit zu, hier existiert im Deutschen kein anderer Begriff (gehörlos-blind klingt auch seltsam).

Der Unterschied zwischen Kultur und audiologischem Status

Eine sehr schöne terminologische Unterscheidung in Sachen Gehörlosigkeit stammt aus den USA, wo man zwischen Gehörlosigkeit als rein audiologischem Status und Mitgliedern der Gehörlosenkultur unterscheidet. Will man davon sprechen, dass jemand gehörlos ist, schreibt man <deaf> mit kleinem <d>. Will man allerdings anzeigen, dass jemand nicht einfach nur gehörlos ist, sondern sich als Person als Teil der Gehörlosenkultur sieht, schreibt man <Deaf>, also mit großem <D> (Woodward 1972).

Dass es überhaupt eine eigenständige Gehörlosenkultur gibt, ist vielen Hörenden gar nicht klar. Aber die Gehörlosen eines Landes verfügen nicht nur über eine eigene Sprache, nämlich eine Gebärdensprache, sondern sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Poesie, eigene Lieder und eigene Konventionen im Umgang miteinander. Zur Sprache übrigens noch eine Anmerkung: Derzeit sind 138 verschiedene Gebärdensprachen auf der Welt bekannt, die 5.000.000 Sprecherinnen und Sprecher haben. Es ist allerdings zu vermuten, dass es weitaus mehr Gebärdensprachen gibt, die nur noch nicht untersucht worden sind. Hier gibt es eine Liste aller bekannten Gebärdensprachen der Welt.

Noch mehr über Gebärdensprachen

Auch hinsichtlich der Gebärdensprachen gibt es ein paar terminologische Anmerkungen, die ich loswerden möchte. Im Englischen nennt man eine Gebärdensprache sign language. Oft will man dann über Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen schreiben und das klingt dann komisch: sign languages and spoken languages. Deswegen gehen immer mehr Autoren dazu über, nicht mehr von sign languages, sondern von signed languages zu sprechen, denn dann ist die Asymmetrie aufgehoben: signed and spoken languages.

Interessant sind auch die Namen der Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft. Zum Beispiel ist die Lehre von den Lauten einer Sprache die Phonologie. Das griechische Wort phōnḗ bedeutet ‚Laut‘ oder ‚Stimme‘. Wenn man allerdings die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Gebärdensprache untersuchen will, so ist es natürlich etwas blöd, einfach auch von Phonologie zu sprechen. Deswegen hat z.B. William Stokoe (1960), der Pionier der Gebärdensprachenlinguistik, vorgeschlagen von Cherologie (vom griechischen Wort für Hand) zu sprechen.

Allerdings spricht man heute trotzdem von Phonologie. Stokoes Vorschlag hat sich nicht durchgesetzt. Das hat aber einen guten Grund. Man hat den Begriff Cherologie nicht weiter benutzt, weil man betonen wollte, dass die Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen nicht so groß sind, wie man früher immer angenommen hatte. Um zu zeigen, dass Gebärdensprachen, wie Lautsprachen auch, vollständige Sprachen sind, mit denen man alles zum Ausdruck bringen kann, was man mit jeder anderen Sprache auch sagen kann, hat man beschlossen, auch von Phonologie zu sprechen.

Literatur

Stokoe, W. C. (1960): Sign Language Structure: An Outline of the visual communication systems of the American deaf. Buffalo: Department of Anthropology and Linguistics, University of Bualo.

Woodward, J. (1972): Implications for Sociolinguistic Research among the
Deaf. In: Sign Language Studies, 1. S. 1-7.

 

Gibt es nackte Silben im Deutschen?

fragezeichen

Immer wieder liest man in linguistischen Lehrbüchern über den Unterschied zwischen nackten und bedeckten Silben. Nackt sind demnach solche Silben, die über keinen Kopf verfügen, also direkt mit einem vokalischen (sonoren) Element beginnen und bedeckt solche, die eben über einen (konsonantischen) Kopf verfügen.

Gerade habe ich hier eine interessante Frage gesehen, nämlich die Frage, ob es überhaupt nackte Silben im Deutschen gibt. Der Einwand, dass dies eigentlich nicht sein könne, da es im Deutschen keine silbeninitialen Vokale geben würde, ist sehr interessant! Denn tatsächlich lernt man in vielen linguistischen Grundkursen, dass hier immer ein glottaler Verschlusslaut vorangehen muss. So notieren wir Oma z.B. /ʔoːma/. Man kann sogar Minimalpaare bilden: Oma /ʔoːma/ versus Koma /koːma/ oder verreisen /fεraizən/ versus vereisen /fεrʔaizən/. Aber der Phonemstatus des glottalen Verschlusslautes soll uns hier erst einmal nicht interessieren.

Die Antwort auf die Frage, ob es nackte Silben im Deutschen gibt ist: Ja, die gibt es! Das hat zwei Gründe. Erstens artikulieren wir den glottalen Verschlusslaut nicht wirklich in allen Fällen. Wird ein Wort wie Oma in Isolation gesprochen, produzieren wir auch einen Knacklaut. Im Sprachfluss, ist dies jedoch nicht immer der Fall. Häufig wird der glottale Verschlusslaut einfach verschliffen. Außerdem gibt es aber noch den zweiten Grund. Auch der hat etwas mit gesprochener Sprache zu tun. Unsere Schrift suggeriert uns, dass jedes Wort aus einem vokalischen Silbengipfel besteht. Das ist natürlich nicht wirklich der Fall. Ein Wort wie genommen ist standardsprachlich dreisilbig doch die letzte Silbe wird häufig gar nicht /ən/ artikuliert, sondern nur /n/. Man spricht also nicht /gə.nɔm.ən/, sondern /gə.nɔm.n/.

Bevor ich die letzten Zeilen aufgeschrieben hatte, war mein Plan eigentlich gewesen, dafür zu argumentieren, dass nichtvokalische Silbenkerne im Deutschen natürlich auch nackte Silben ohne Kopf sind. Beim Schreiben fiel mir allerdings auf, dass Reduktionssilben wie /ən/ sowieso nackte Silben sind, denn vor Reduktionsvokalen kommt im Deutschen auch kein glottaler Verschlusslaut! Das lässt sich leicht testen (sogar ohne Praat). Der Knacklaut wird gut wahrnembar, wenn man die entsprechenden Worte flüstert. Wenn man z.B. verreisen /fεraizən/ versus vereisen /fεrʔaizən/ flüstert, kann man den glottalen Verschluss in der zweiten Silbe von vereisen gut wahrnehmen. Allerdings nur dort. Nicht in der Reduktionssilbe. Das bedeutet: Silben, die nur aus einem Reduktionsvokal, also aus Schwa oder Lehrerschwa, bestehen oder mit einem dieser Reduktionsvokale beginnen, sind immer auch nackte Silben: gestehe, gehen.

Was macht man eigentlich mit Phonetik?

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Im Laufe der letzten Jahre, vor allem natürlich während meines Studiums der Phonetik in München, ist sie mir immer wieder gestellt worden, die Frage, was man eigentlich als Phonetiker mal arbeitet. Und ich meine damit nicht nervige Fragen von Verwandten und Bekannten, was Phonetik eigentlich ist. Letztere Frage ist nämlich relativ leicht zu beantworten, erstere nicht. Und die Frage nach den Berufsaussichten für Phonetiker kam eigentlich auch gar nicht so sehr von fachfremden Studierenden oder Berufstätigen, sondern in den allermeisten Fällen von Studieninteressierten. Da diese Frage nun immer und immer wieder auftaucht, habe ich beschlossen, hier einmal eine Antwort zusammenzutragen.

Was ist Phonetik und wo studiert man das?

Die Phonetik, so sage ich immer, wenn ich von einem Laien gefragt werde, ist die Wissenschaft vom Sprechen. Das ist nun nicht ganz falsch, aber auch sicherlich nicht ganz richtig und zudem eine sehr grober Vereinfachung. Eine Vereinfachung ist es vor allem deswegen, weil sich die Phonetik nicht nur mit dem Vorgang des Sprechens, sondern z.B. auch mit der Perzeption, also der Wahrnehmung gesprochener Sprache befasst. Womit sich die Phonetik genau beschäftigt, lässt sich schnell und illustrativ am sogenannten ‚signalphonetischen Band‘ erklären:

Signalphonetisches Band

Das signalphonetische Band (vereinfacht nach Pompino-Marschall 2009)

Dargestellt sind die Stationen, die ein Sprachsignal beim Sprechen durchläuft. Auf der linken Seite beginnt das signalphonetische Band mit dem Zentralnervensystem (ZNS) eines Sprechers, der zunächst plant, etwas zu sagen. Zuerst wird der Sprechprozess geplant, dann werden Signale an die Muskeln gegeben, die Artikulation zu starten. Wir nehmen aber nicht oder nur teilweise wahr, welche Bewegungen ein Gesprächspartner genau ausführt, sondern Sprachschall, der ein akustisches Phänomen darstellt. Die Schallwellen treffen auf unsere Hörorgane, werden dort dekodiert und in mechanische Reize umgewadelt. Bei der Wahrnehmung von Sprache bei einem Hörer spielen nun wieder neuronale Prozesse im Gehirn bzw. im Zentralnervensystem eine Rolle. Die Phonetik beschäftigt sich nun mit allen diesen Stationen, d.h. sie ist eine Wissenschaft, die neurologische, biologische (inkl. anatomische), akustisch-physikalische und psychoakustische Komponenten besitzt. Außerdem gibt es einen immer schneller wachsenden Bereich, der sich mit der Erzeugung und der Verarbeitung gesprochener Sprache mittels Computertechnologien beschäftigt (daher ist es auch sinnvoll, sich während des Studiums Programmier- und Statistikkenntnisse anzueignen).

Ein reines Phonetikstudium ist ist Deutschland an mehreren Universitäten möglich, jedoch nicht so häufig anzutreffen, wie z.B. Linguistik (und das, obwohl die Phonetik insitutionell älter ist als die Sprachwissenschaft). Angeboten wird das Fach z.B. an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der Universität Trier, an der Universität Köln (zusammen mit Sprachwissenschaft) oder in Bonn.

Was macht man mit Phonetik?

Die Frage, welchen Beruf ein Phonetiker einmal ergreift ist nicht ganz leicht zu beantworten. Insgesamt lassen sich drei große Bereiche identifizieren, in welchen eine Phonetikerin/ein Phonetiker später einmal arbeiten kann: 1. fachfremde Bereiche 2. fachnahe Bereiche und 3. fachbezogene Bereiche. Da man nach jedem Studium in fachfremden Bereichen arbeiten kann, werde ich diese in den nachfolgenden Ausführungen auslassen (z.B. Verlag, Radio, usw.). Zu den fachnahen und den fachbezogenen Bereichen gilt ganz grundsätzlich folgende Anmerkung: Es macht Sinn, sich schon früh im Studium zu überlegen, auf welchen Bereich man sich spezialisieren möchte, da es sich bei der Phonetik um eine extrem ausdifferenzierte Wissenschaft  handelt und man sich nicht in allen Teilgebieten gleich gut auskennen kann (bei welcher Wissenschaft kann man das schon).

Die fachbezogenen Tätigkeiten

Je nachdem, auf welchen Teilbereich der Phonetik sie sich spezialisiert haben (technisch, akustisch, experimentell, psychologisch, usw.), stehen den Absolventinnen und Absolventen verschiedene Möglichkeiten offen, wobei es zu bedenken gilt, dass Stellenausschreibungen, die direkt nach Phonetikerinnen und Phonetikern suchen, zwar durchaus zu finden, aber dennoch recht selten sind. Prinzipiell gibt es folgende berufsrelevante Bereiche:

  • Sprachsynthese
  • Spracherkennung
  • Dialogsysteme
  • klinischer Bereich (Phonetiker sind aber keine Logopäden)
  • Sprechtraining (und insgesamt der Bildungs- und Fremdsprachenbereich)
  • Forschung
  • forensische Phonetik (einige wenige Stellen beim Bundes- sowie bei den Landeskriminalämtern)

In keinem dieser Bereich kann man einfach so arbeiten. Man findet natürlich nur einen Job, wenn man sich selbstständig bereits während des Studiums auf einen Teilbereich spezialisiert hat.

Die fachnahen Bereiche

Da es sich bei der Phonetik um eine so vielseitige Wissenschaft handelt, gibt es eine Menge an Arbeitsbereichen, die fachnah sind. Wer im Studium eine Programmiersprache gelernt hat, findet vielleicht in der Softwareindustrie einen Job, wer sich intensiv mit Akustik beschäftigt hat, kann z.B. in der Automobilindustrie landen oder wer sich mit der Anatomie des Gehörs und der Perzeption von Sprachschall auskennt in der Hörgeräteentwicklung. Prinzipiell sind hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt und auch die Praxis zeigt, dass Phonetikerinnen und Phonetiker später in zahlreichen und unterschiedlichen Branchen arbeiten.

Fazit

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass man in jedem Fall das studieren sollte, was einem Spaß macht. Alle Menschen, die ich kenne, die diesen Rat befolgt haben und im Studium engagiert und selbstständig gelernt und gearbeitet haben, haben allesamt und unabhängig von ihrer Studienwahl einen interesannten und befriedigenden Job gefunden! Voraussetzung ist nicht, dass man von Anfang an weiß, was man einmal arbeiten möchte, sondern Interesse an der Welt und am Fach sowie eine Portion Engagement innerhalb wie außerhalb der Universität. Allerdings sollte man sich während des Studiums immer wieder die Frage stellen, in welchen Bereichen man sich vorstellen könnte, zu arbeiten und nach Teilbereichen zu suchen, auf die man sich spezialisieren möchte. Es gibt immer Nischen, aber man muss sie aktiv suchen und füllen.

Literatur

Pompino-Marschall, B. (2009): Einführung in die Phonetik. Berlin u.a.: Walter de Gruyter.

Germanistische Linguistik für das bayerische Staatsexamen

Fabian Bross - Germanistische Linguistik für das bayerische Staatsexamen - Linguistik fürs Examen

Wie bereitet man sich auf das Staatsexamen im Fach Deutsch in Linguistik in Bayern vor? Das habe ich mich auch gefragt, als die Prüfungen vor der Türe standen. Da die Antwort auf diese Frage gar nicht so einfach war, habe ich dazu ein Lehrbuch verfasst. Mehr Informationen gibt es hier und hier.

Christoph Draxler über Webexperimente mit Percy

Für alle, die mal ein Online-Experiment machen wollen und vor allem für alle, die mal ein Online-Perzeptionsexperiment machen wollen:

Die Vorteile von Percy liegen auf der Hand:

  • Die Teilnehmerinnen & Teilnehmer müssen nicht ins Labor kommen und können mit verschiedenen Geräten am Experiment teilnehmen (sie müssen aber auch angeben, wo sie sich befinden und welche Art von Ein- und Ausgabegerät sie verwenden)
  • Es gibt schon eine ganze Reihe an vorgefertigten Experiment-Layouts
  • Man braucht keine Programmierkenntnisse
  • Percy wird durch das Bayerische Archiv für Sprachsignale und CLARIN-D kostenlos zur Verfügung gestellt

Eine Liste mit bereits bestehenden Experimenten findet ihr hier: http://webapp.phonetik.uni-muenchen.de/WebExperiment.

Santa’s helpers

Via Langugelog