Category Archives: Dialektologie

Die Identitäre Bewegung und ihre (sprachliche) Konstruktion von Identität

Seit längerem beobachte ich, dass sich die Aufkleber der Identitären Bewegung in München mehren. Genauer sind es Aufkleber der Identitären Bewegung Bayern, gehalten in einheitlichem gelb-schwarzem Design, die zwar nicht in der ganzen Stadt zu finden sind, aber einem doch an dem ein oder anderen Stadtmöbel auffallen. Die Sticker mögen nett anzuschauen sein, ihre Slogans lassen sie allerdings ganz klar sehr weit rechts im politischen Spektrum verorten. Daher sieht auch das Bundesamt für Verfassungsschutz seit 2016 genauer hin (Quelle für beide Zitate hier), da man laut Verfassungsschutzchef Maaßen „Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ sehe:

Die „Identitäre Bewegung“ ist eine Gruppierung mit französischen Wurzeln, die seit 2012 auch in Deutschland aktiv ist. Sie wendet sich gegen „Multikulti-Wahn“, „unkontrollierte Massenzuwanderung“ und den „Verlust der eigenen Identität durch Überfremdung“. Verfassungsschützer in neun Bundesländern – Bremen, Bayern, Hessen, Berlin, Baden-Württemberg, NRW, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen – beobachten die „Identitären“ bereits. […]

„Gruppen wie die ‚Identitäre Bewegung‘ versuchen, ihre Zielgruppe da abzuholen, wo sie steht“, sagte der Verfassungsschutzchef. „Generell versuchen Extremisten, sie mit jugendgerechter Sprache anzusprechen, oftmals mit poppiger Musik.“ Das täten Islamisten ebenso wie Rechtsextremisten. „Das ist keine betuliche Werbung für die eigene Sache. Die Propaganda soll die Leute emotional ansprechen. Junge Leute sind da in besonderer Weise anfällig. Das ist gefährlich.“

Auch in Bayern steht die Identitäre Bewegung unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, da diese „die Bedeutung von Abstammung und Identität in einer Art und Weise betont, die eine starke Nähe zum biologistischen Denken und der völkischen Ideologie von Rechtsextremen erkennen lässt.“

Genau das ist auch die Botschaft der Identitären Bewegung Bayern auf Youtube: Heimat ist toll, alles Fremde ist schlecht. Im Youtube-Video sind Lederhosen zu sehen und saftige bayerische Wiesen und Felder, starke, kämpfende junge Männer und eben Slogans wie „Heimatliebe ist kein Verbrechen“ oder „Heimat, Freiheit, Tradition“ – ein Spruch, der sich auch auf den oben abgebildeten Stickern wiederfindet. Die Aufkleber zeigen deutlich, in Bayern geht es den Identitären um die Konstruktion einer Tradition in Dirndl und Lederhosn und natürlich auch darum, sich sprachlich mit der Heimat zu identifizieren (oder abzugrenzen), also darum, Dialekt zu sprechen.

„Minga“ heißt es auf dem Sticker rechts unten im Bild, sei identitär. Der Aufkleber ist mein absolutes Lieblingsexemplar in meiner Sammlung rechter Straßenpropaganda, denn er offenbart, welche Art von Identität da bei der Identitären Bewegung Bayern konstruiert wird: „Minga“, das ist der Dialektbegriff für München – nur eben ein Wort, das im Münchnerischen gar nicht vorkommt (und das es vermutlich auch so nie gab). München heißt in der lokalen Mundart eben München. Das Bairische kennt zwar den Ausdruck „Minga“, es handelt sich aber eben nicht um das Bairische, das in München gesprochen wird. Die schrille Münchener Künstlerin Petra Perle beschreibt schreibt dazu in einer Kolumne in der Abendzeitung in aufgeregten Worten:

Ich schwöre bei allen acht Uhren des Oiden Peter: Dieses Unwort bringt kein echter Münchner über seine Lippen. Das sagen nur die aus dem Umland, welche von draußen reinkommen oder schon da sind.

So zeigt sich denn wohl auch, wer hinter dem Aufkleber steckt bzw. wer nicht dahinter steckt: Es war offenbar kein Münchner/keine Münchnerin. Dieser Versuch, sich eine Identität über den Dialekt zu schaffen und sich nach außen hin von allem Fremden abzugrenzen, ist deutlich schiefgegangen.

Ds Totemügerli (es bärndütsches Gschichtli)

Das im Video vorgetragene Gedicht Ds Totemügerli (es bärndütsches Gschichtli) des schweizerischen Kabarettisten Franz Hohler ist ein hervorragendes Beispiel für das Funktionieren der Phonotaktik einer Sprache. Die im Gedicht benutzten Wörter klingen zwar Berndeutsch, da sie genau den Lautregularitäten dieses schweizer Dialekts folgen, sind aber frei erfunden. Viel Spaß!

„labern“ im Kiezdeutschen

In ihrem populärwissenschaftlichen Buch Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht schreibt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese (2012:14) über die von ihr als Dialekt bezeichnete Sprachvariante Kiezdeutsch:

Kiezdeutsch spricht man nicht, weil die eigenen Großeltern irgendwann einmal aus der Türkei eingewandert sind, sondern Kiezdeutsch spricht man mit seinen Freunden, wenn man in einem multiethischen Viertel groß wird, ganz unabhängig davon, ob die Familie aus der Türkei, aus Deutschland oder aus einem anderen Land stammt.

Dass ich diesen Artikel damit beginne, wer Kiezdeutsch spricht und nicht mit einer Definition hat seinen Grund darin, dass Wiese leider keine griffige Definition des Begriffs liefert. Dies spiegelt sich auch auf dem zum Kiezdeutschen angebotenen Infoportal kiezdeutsch.de wider: Der erste Unterpunkt dort lautet „Wer spricht Kiezdeutsch?“ und verfolgt so ebenfalls eine Herangehensweise über die Sprecher.

Screenshot von kiezdeutsch.de

Dies soll hier allerdings nicht als Nachteil gewertet werden (schließlich erläutert Wiese im Rest ihres Buches und an anderen Stellen noch ausführlich die kiezdeutschen Besonderheiten). Was ist denn nun aber Kiezdeutsch? Es handelt sich laut Wiese (2006:6) um eine jugendsprachliche Varietät des Deutschen, die sich von anderen Jugendsprachen darin unterscheidet,

dass sie zum einen einen Hintergrund im ungesteuerten Zweitspracherwerb hat und in Beziehung zu ethnolektalen Varietäten steht (insbesondere zu „Türkendeutsch“, dem Ethnolekt, der sich aus dem Deutsch türkischer Migranten entwickelt hat), zum anderen über solche Ethnolekte jedoch hinausgeht und grammatische Merkmale einer Kontaktsprache aufweist, die sich in multi-ethnischen und multi-lingualen Kontexten entwickelt hat.

Spannend finde ich Wieses Betonung des Multi-Ethnischen, da ich selbst eine in der Innenstadt einer kleineren Großstadt gelegene, von multi-ethnischer Durchmischung gekennzeichnete Schule besucht habe, in der exakt wie von Wiese beschrieben, gesprochen wurde.
Wiese (2006, 2012) konzentriert sich in ihren Ausführungen besonders auf morpho-syntaktische Phänomene, weniger allerdings auf semantische. Hinsichtlich der (lexikalischen) Semantik ist mir dabei vor ein paar Tagen eine (kleine) Besonderheit des Kiezdeutschen aufgefallen: das Verb labern erhält im Kiezdeutschen eine weitere Bedeutung als im Standarddeutschen. Auf duden.de finden sich zwei Bedeutungen von labern:

  1. (abwertend) sich wortreich über oft belanglose Dinge auslassen, viele überflüssige Worte machen
  2. sich zwanglos unterhalten, plaudern

Im Kiezdeutschen erhält labern noch die zusätzliche Bedeutung ‚die Unwahrheit sagen‘. So kann man mit den Sätzen in (1) und (2) problemlos jemanden des Lügens bezichtigen.

(1) Laber nicht!

(2) Der labert doch!

Dies rührt vermutlich aus einer Verkürzung vonWendungen wie Laber keinen Mist her und liegt von der im Duden verzeichneten Bedeutung von labern natürlich auch nicht weit weg.
Eine kurze Suche auf google.de zeigt ebenfalls diese Verwendung. Ein User kommentiert beispielsweise einen Artikel über Kiezdeutsch auf der konservativen Seite jungefreiheit.de, der die Sprecher des Kiezdeutschen nicht gerade gut dastehen lässt mit „Was labert er? […] Alter, er ist voll der häßliche Opfer.“ Dieser Satz lässt sich kaum mit den vom Duden beschriebenen Vorschlägen paraphrasieren, denn weder will der User darauf hinaus, dass der Autor des Artikels übertrieben viele Worte verliert oder dass er plaudert. Vielmehr will er zum Ausdruck bringen, dass er nicht seiner Meinung ist und seine Ausführungen unwahr befindet.

Literatur:

Wiese, H. (2006): „Ich mach dich Messer“: Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache. Linguistische Berichte 207: 245-273.
Wiese, H. (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C.H. Beck.

Isoglossen und Heteroglossen

Mich hat das ja schon immer verwirrt: der Begriff der Isoglosse. In der Linguistik bezeichnet man als  Isoglosse eine Linie in einem Sprachatlas, die zwei Ausprägungen eines sprachlichen Merkmals trennt. Eine der bekanntesten Isoglossen ist z.B. die sogenannte Benrather Linie, benannt nach der Kleinstadt Benrath bei Düsseldorf, die die Aussprache von maken und machen trennt.

Das Wort Isoglosse wurde nach dem Vorbild anderer sogenannter Isolinien gebildet. Isolinien sind Linien, die Punkte auf einer Karte verbinden, die den gleichen Wert aufweisen. So verbinden z.B. Isotherme Linien mit gleicher Temperatur. Aber eine Isoglosse dagegen verbindet keine Linien gleicher Aussprache, sondern trennt verschiedene Aussprachevarianten. Leider wird der Begriff wohl erhalten bleiben, da er sich schon längst eingebürgert hat und Vorschläge zu seiner Ersetzung durch Begriffe wie Heteroglosse (z.B. Sihler 200:260) scheinen verlorene Liebesmüh.

Literatur:

Sihler, A. L. (2000): Language History. An Introduction. Amsterdam & Philadelphia: John Benjamins.

Doppelte Verneinung und negativer Concord

Dieser Artikel beschäftigt sich mit negativem Concord. Im Unterschied zur doppelten Verneinung, bei welcher zwei negative Elemente wieder eine Affirmation bilden. In Satz (1) bilden die beiden Negationsträger einen affirmative Aussage die umschrieben werden kann mit  Du bist hübsch.

(1) Du bist nicht unhässlich.

Allerdings sind diese beiden Sätze nicht gleichbedeutend. Doppelte Verneinung kann z.B. dazu verwendet werden Sprechereinstellungen auszudrücken oder graduelle Unterschiede anzugeben.
Bei einem negativen Concord jedoch handelt es sich um ein Phänomen, bei dem mindestens zwei Negationsträger in einem Satz auftauchen, die Bedeutung des Satzes jedoch nicht affirmativ wird. Die Sätze (2a) und (2b) zeigen, dass dies im amerikanischen Slang (es handelt sich um einen Liedtitel der US-amerikanischen Band Bloodhound Gang) und in verschiedenen deutschen Dialekten (hier Schwäbisch) möglich ist. We don’t need no water bedeutet demnach nicht, dass jemand Wasser braucht, sondern, dass jemand kein Wasser benötigt.

(2)  a. We don’t need no water.
        b. I brauch koi Wasser ned.

Auch in mittelhochdeutschen Texten taucht der negative Concord auf (und wird in der Literatur häufig als pleonastische Verneinung bezeichnet). Diese folgt allerdings gewissen Regeln. Meist besteht sie wie in (3) aus zwei Negationsteilen mit einem Klitikon (Negationspartikel) und einem Negationswort (das Beispiel stammt aus Hartmann von Aue: Iwein. V. 364 ).

(3) ouch enwart da niht vergezzen
        wirn heten alles des die kraft
        daz man dâ heizet wirtschaft

Auch in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) taucht der negative Concord häufig auf (Pfau & Quer 2007:134). Dabei wird in einem Satz ein manuelles Negationswort und eine nichmanuelle Komponente verwendet.

Mittelhochdeutsche Kurzgrammatik (pdf).

Pfau, R. & Quer, J. (2007): On the syntax of negation and modals in Catalan Sign Language and German Sign Language. In: Perniss, P. M., Pfau, R. & Steinbach, M. (Hrsg.): Visible Variation. Comparative Studies on Sign Language Structure. S. 129-161.