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Ein paar terminologische Hinweise zu Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit

Eine Skulptur des tschechischen Künstlers zum Thema Gebärdensprache (Quelle: ŠJů, Creative Commons)

Auf der Webseite von hearZONE, einem Magazin für Hörbehinderte, habe ich gerade diesen Beitrag über das Wort taubstumm gelesen und warum es von vielen Gehörlosen als Beleidigung aufgefasst wird. Das hat mich dazu veranlasst, auch mal ein bisschen war über die Terminologie in diesem Bereich zu schreiben, denn hier gibt es ein paar sehr interessante und schöne Begriffe, die man kennen sollte, wenn man sich mit Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit beschäftigen möchte.

Warum man nicht von „Taubstummheit“ spricht

Die Begriffe taubstumm und Taubstummheit werden heute immer noch häufig von hörenden Menschen verwendet, wenn sie über Gehörlosigkeit sprechen. Diese Wörter implizieren allerdings, dass die bezeichnete Person nicht nur taub ist, sondern auch stumm. Gehörlose sind aber natürlich dazu in der Lage Lautäußerungen zu produzieren. Deswegen werden diese Begriffe häufig als beleidigend empfunden. Auch das Wort taub wird nur noch selten verwendet, man spricht eher von gehörlos. Dies trifft allerdings nicht auf Taubblindheit zu, hier existiert im Deutschen kein anderer Begriff (gehörlos-blind klingt auch seltsam).

Der Unterschied zwischen Kultur und audiologischem Status

Eine sehr schöne terminologische Unterscheidung in Sachen Gehörlosigkeit stammt aus den USA, wo man zwischen Gehörlosigkeit als rein audiologischem Status und Mitgliedern der Gehörlosenkultur unterscheidet. Will man davon sprechen, dass jemand gehörlos ist, schreibt man <deaf> mit kleinem <d>. Will man allerdings anzeigen, dass jemand nicht einfach nur gehörlos ist, sondern sich als Person als Teil der Gehörlosenkultur sieht, schreibt man <Deaf>, also mit großem <D> (Woodward 1972).

Dass es überhaupt eine eigenständige Gehörlosenkultur gibt, ist vielen Hörenden gar nicht klar. Aber die Gehörlosen eines Landes verfügen nicht nur über eine eigene Sprache, nämlich eine Gebärdensprache, sondern sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Poesie, eigene Lieder und eigene Konventionen im Umgang miteinander. Zur Sprache übrigens noch eine Anmerkung: Derzeit sind 138 verschiedene Gebärdensprachen auf der Welt bekannt, die 5.000.000 Sprecherinnen und Sprecher haben. Es ist allerdings zu vermuten, dass es weitaus mehr Gebärdensprachen gibt, die nur noch nicht untersucht worden sind. Hier gibt es eine Liste aller bekannten Gebärdensprachen der Welt.

Noch mehr über Gebärdensprachen

Auch hinsichtlich der Gebärdensprachen gibt es ein paar terminologische Anmerkungen, die ich loswerden möchte. Im Englischen nennt man eine Gebärdensprache sign language. Oft will man dann über Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen schreiben und das klingt dann komisch: sign languages and spoken languages. Deswegen gehen immer mehr Autoren dazu über, nicht mehr von sign languages, sondern von signed languages zu sprechen, denn dann ist die Asymmetrie aufgehoben: signed and spoken languages.

Interessant sind auch die Namen der Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft. Zum Beispiel ist die Lehre von den Lauten einer Sprache die Phonologie. Das griechische Wort phōnḗ bedeutet ‚Laut‘ oder ‚Stimme‘. Wenn man allerdings die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Gebärdensprache untersuchen will, so ist es natürlich etwas blöd, einfach auch von Phonologie zu sprechen. Deswegen hat z.B. William Stokoe (1960), der Pionier der Gebärdensprachenlinguistik, vorgeschlagen von Cherologie (vom griechischen Wort für Hand) zu sprechen.

Allerdings spricht man heute trotzdem von Phonologie. Stokoes Vorschlag hat sich nicht durchgesetzt. Das hat aber einen guten Grund. Man hat den Begriff Cherologie nicht weiter benutzt, weil man betonen wollte, dass die Unterschiede zwischen Laut- und Gebärdensprachen nicht so groß sind, wie man früher immer angenommen hatte. Um zu zeigen, dass Gebärdensprachen, wie Lautsprachen auch, vollständige Sprachen sind, mit denen man alles zum Ausdruck bringen kann, was man mit jeder anderen Sprache auch sagen kann, hat man beschlossen, auch von Phonologie zu sprechen.

Literatur

Stokoe, W. C. (1960): Sign Language Structure: An Outline of the visual communication systems of the American deaf. Buffalo: Department of Anthropology and Linguistics, University of Bualo.

Woodward, J. (1972): Implications for Sociolinguistic Research among the
Deaf. In: Sign Language Studies, 1. S. 1-7.

 

Doppelte Verneinung und negativer Concord

Dieser Artikel beschäftigt sich mit negativem Concord. Im Unterschied zur doppelten Verneinung, bei welcher zwei negative Elemente wieder eine Affirmation bilden. In Satz (1) bilden die beiden Negationsträger einen affirmative Aussage die umschrieben werden kann mit  Du bist hübsch.

(1) Du bist nicht unhässlich.

Allerdings sind diese beiden Sätze nicht gleichbedeutend. Doppelte Verneinung kann z.B. dazu verwendet werden Sprechereinstellungen auszudrücken oder graduelle Unterschiede anzugeben.
Bei einem negativen Concord jedoch handelt es sich um ein Phänomen, bei dem mindestens zwei Negationsträger in einem Satz auftauchen, die Bedeutung des Satzes jedoch nicht affirmativ wird. Die Sätze (2a) und (2b) zeigen, dass dies im amerikanischen Slang (es handelt sich um einen Liedtitel der US-amerikanischen Band Bloodhound Gang) und in verschiedenen deutschen Dialekten (hier Schwäbisch) möglich ist. We don’t need no water bedeutet demnach nicht, dass jemand Wasser braucht, sondern, dass jemand kein Wasser benötigt.

(2)  a. We don’t need no water.
        b. I brauch koi Wasser ned.

Auch in mittelhochdeutschen Texten taucht der negative Concord auf (und wird in der Literatur häufig als pleonastische Verneinung bezeichnet). Diese folgt allerdings gewissen Regeln. Meist besteht sie wie in (3) aus zwei Negationsteilen mit einem Klitikon (Negationspartikel) und einem Negationswort (das Beispiel stammt aus Hartmann von Aue: Iwein. V. 364 ).

(3) ouch enwart da niht vergezzen
        wirn heten alles des die kraft
        daz man dâ heizet wirtschaft

Auch in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) taucht der negative Concord häufig auf (Pfau & Quer 2007:134). Dabei wird in einem Satz ein manuelles Negationswort und eine nichmanuelle Komponente verwendet.

Mittelhochdeutsche Kurzgrammatik (pdf).

Pfau, R. & Quer, J. (2007): On the syntax of negation and modals in Catalan Sign Language and German Sign Language. In: Perniss, P. M., Pfau, R. & Steinbach, M. (Hrsg.): Visible Variation. Comparative Studies on Sign Language Structure. S. 129-161.

Sprachbegleitende Gesten: Kendon (1993)

Adam Kendon, der wohl bekannteste Gestenforscher der Welt, unterteilt in seiner vergleichenden Studie von 1993 Gesten in drei Gruppen, die er gesticulations, emblems und signs nennt.

Gesticulations:
Diese Form der sprachbegleitenden Gesten werden mit Teilen des Gesichts (Mund, Augebrauen, etc.) oder mit den Händen ausgeführt. Sie können nicht in kleinere Einheiten zerlegt werden und übermitteln über den sprachlichen Inhalt einer Äußerung hinaus Informationen. Da sie stark bildhaft und situationsgebunden sind, können sie schlecht „zitiert“ werden.

Emblems:
Emblems (Kendon spricht auch von quotable gestures) sind weitaus weniger an einen bestimmten Kontext gebunden, sie sind konventionalisierte, wortähnliche Gesten, die von einer Gemeinschaft genutzt werden und ganze Sprechakte ersetzen können.

Signs:
Von wirklichen Zeichen (signs) spricht Kendon dann, wenn unter bestimmten Umständen (Gehörlosigkeit, religiöse Gründe, u.a.) Gesten bzw. ein System von Gesten anstelle von gesprochener Sprache verwendet werden. Dabei stehen in einem dreistufigen Prozess zunächst bildhafte Gesten für einen speziellen Referenten und werden dann wiederholt verwendet um schließlich Bezug auf ein gesamtes Konzept zu nehmen (1). Aus sprachökonomischen Gründen werden diese ikonischen Gesten so vereinfacht, dass ihr bildhafter Charakter verloren geht (2). Im letzten Schritt bekommt die Geste eine so eigenständige Bedeutung, dass sie mit anderen Gesten kombiniert werden kann und mit ihnen neue Wörter oder Sätze gebildet werden können (3).

Natürlich muss beachtet werden, dass es sich um eine Vereinfachung und eine Abstraktion handelt. Dennoch kann diese Unterscheidung als Arbeitsgrundlage zur Untersuchung von Gestik oder in der Gebärdensprachenforschung dienen.

Kenden, A. (1993): Human Gesture. In: Gibson, K. R. & Ingold, T. (Hrsg.): Tools, Language and Cognition in Human Evolution. Cambridge: Cambridge University Press. S. 43-62