Category Archives: Phonetik

Das ingressive Ja im Schwedischen

Die Schweden sagen Ja und meinen damit auch ja. Aber nicht in allen Teilen Schwedens. In Nord-Schweden kann man auch ein ingressives Ja bilden. Hat aber natürlich keinen Phonemstatus. Trotzdem interessant.

Pulmonal ingressive Laute gibt es allerdings nicht nur im skandinavischen Raum, wie oft angenommen wird, sondern kommen als Feedback-Marker in vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Welt vor (allerdings habe ich in den Video das Gefühl, dass tatsächlich nicht bei allen die Luft auch in die Lunge gelangt, aber bei den meisten). Hier gibt es eine interessante Seite mit mehr Informationen über ingressive Luftstromprozesse.

Via Phänomene

Orang-Utan produziert sprachähnliche Laute

Orang-Utan im Zoo von Cincinnati (Photo: Kabir Bakie unter CC-Lizenz)

Über die evolutionären Ursprünge von Sprache wird ja gerne spekuliert. Häufig fällt der Blick dabei auch auf die uns nahestehenden Menschenaffen und ihre Fähigkeiten. Immer wieder wurde versucht ihnen eine Gebärdensprache beizubringen, da die Anatomie ihres Vokaltrakts eigentlich nicht wirklich dazu geeignet ist, menschliche Sprachlaute zu produzieren.

Allerdings berichten Forscher in PLOS ONE nun, dass die Orang-Utan-Dame (Pongo pygmaeus) Tilda, die heute im Kölner Zoo lebt, zumindest einige menschenähnliche Laute von sich geben kann. Vermutlich legt sie dieses Verhalten an den Tag, um die Aufmerksamkeit ihrer Pflegerinnen und Pfleger zu erregen, um besser an Nahrung zu gelangen. Die produzierten Laute ähneln den Plosiven /p/, /t/, /k/. Außerdem produziert sie vokalähnliche Lautstrukturen, indem sie dem Mund abwechselnd öffnet und schließt. Über Tildas Herkunft ist nicht genaueres bekannt. Vermutlich wurde sie etwa um 1965 in Borneo geboren und dort zur Unterhaltung von Menschen aufgezogen.

So interessant das Ergebnis sein mag, dass ein Orang-Utan theoretisch dazu in der Lage ist, menschenähnliche Laute zu produzieren, wenn er lange genug mit Menschen zusammenlebt, muss man doch dazu sagen, dass es trotzdem eine Schande ist, diese wunderbaren Tiere in Gefangenschaft zu halten. Auch die Autoren der Studie zeigen mit ihrer Formulierung, dass sich Tilda zunächst in „Privatbesitz“ („she became privately owned“) befand leider nicht viel Sensibilität.

Hier und hier gibt es noch ein bisschen mehr Materiel und hier die Studie.

Was macht man eigentlich mit Phonetik?

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Im Laufe der letzten Jahre, vor allem natürlich während meines Studiums der Phonetik in München, ist sie mir immer wieder gestellt worden, die Frage, was man eigentlich als Phonetiker mal arbeitet. Und ich meine damit nicht nervige Fragen von Verwandten und Bekannten, was Phonetik eigentlich ist. Letztere Frage ist nämlich relativ leicht zu beantworten, erstere nicht. Und die Frage nach den Berufsaussichten für Phonetiker kam eigentlich auch gar nicht so sehr von fachfremden Studierenden oder Berufstätigen, sondern in den allermeisten Fällen von Studieninteressierten. Da diese Frage nun immer und immer wieder auftaucht, habe ich beschlossen, hier einmal eine Antwort zusammenzutragen.

Was ist Phonetik und wo studiert man das?

Die Phonetik, so sage ich immer, wenn ich von einem Laien gefragt werde, ist die Wissenschaft vom Sprechen. Das ist nun nicht ganz falsch, aber auch sicherlich nicht ganz richtig und zudem eine sehr grober Vereinfachung. Eine Vereinfachung ist es vor allem deswegen, weil sich die Phonetik nicht nur mit dem Vorgang des Sprechens, sondern z.B. auch mit der Perzeption, also der Wahrnehmung gesprochener Sprache befasst. Womit sich die Phonetik genau beschäftigt, lässt sich schnell und illustrativ am sogenannten ‚signalphonetischen Band‘ erklären:

Signalphonetisches Band

Das signalphonetische Band (vereinfacht nach Pompino-Marschall 2009)

Dargestellt sind die Stationen, die ein Sprachsignal beim Sprechen durchläuft. Auf der linken Seite beginnt das signalphonetische Band mit dem Zentralnervensystem (ZNS) eines Sprechers, der zunächst plant, etwas zu sagen. Zuerst wird der Sprechprozess geplant, dann werden Signale an die Muskeln gegeben, die Artikulation zu starten. Wir nehmen aber nicht oder nur teilweise wahr, welche Bewegungen ein Gesprächspartner genau ausführt, sondern Sprachschall, der ein akustisches Phänomen darstellt. Die Schallwellen treffen auf unsere Hörorgane, werden dort dekodiert und in mechanische Reize umgewadelt. Bei der Wahrnehmung von Sprache bei einem Hörer spielen nun wieder neuronale Prozesse im Gehirn bzw. im Zentralnervensystem eine Rolle. Die Phonetik beschäftigt sich nun mit allen diesen Stationen, d.h. sie ist eine Wissenschaft, die neurologische, biologische (inkl. anatomische), akustisch-physikalische und psychoakustische Komponenten besitzt. Außerdem gibt es einen immer schneller wachsenden Bereich, der sich mit der Erzeugung und der Verarbeitung gesprochener Sprache mittels Computertechnologien beschäftigt (daher ist es auch sinnvoll, sich während des Studiums Programmier- und Statistikkenntnisse anzueignen).

Ein reines Phonetikstudium ist ist Deutschland an mehreren Universitäten möglich, jedoch nicht so häufig anzutreffen, wie z.B. Linguistik (und das, obwohl die Phonetik insitutionell älter ist als die Sprachwissenschaft). Angeboten wird das Fach z.B. an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der Universität Trier, an der Universität Köln (zusammen mit Sprachwissenschaft) oder in Bonn.

Was macht man mit Phonetik?

Die Frage, welchen Beruf ein Phonetiker einmal ergreift ist nicht ganz leicht zu beantworten. Insgesamt lassen sich drei große Bereiche identifizieren, in welchen eine Phonetikerin/ein Phonetiker später einmal arbeiten kann: 1. fachfremde Bereiche 2. fachnahe Bereiche und 3. fachbezogene Bereiche. Da man nach jedem Studium in fachfremden Bereichen arbeiten kann, werde ich diese in den nachfolgenden Ausführungen auslassen (z.B. Verlag, Radio, usw.). Zu den fachnahen und den fachbezogenen Bereichen gilt ganz grundsätzlich folgende Anmerkung: Es macht Sinn, sich schon früh im Studium zu überlegen, auf welchen Bereich man sich spezialisieren möchte, da es sich bei der Phonetik um eine extrem ausdifferenzierte Wissenschaft  handelt und man sich nicht in allen Teilgebieten gleich gut auskennen kann (bei welcher Wissenschaft kann man das schon).

Die fachbezogenen Tätigkeiten

Je nachdem, auf welchen Teilbereich der Phonetik sie sich spezialisiert haben (technisch, akustisch, experimentell, psychologisch, usw.), stehen den Absolventinnen und Absolventen verschiedene Möglichkeiten offen, wobei es zu bedenken gilt, dass Stellenausschreibungen, die direkt nach Phonetikerinnen und Phonetikern suchen, zwar durchaus zu finden, aber dennoch recht selten sind. Prinzipiell gibt es folgende berufsrelevante Bereiche:

  • Sprachsynthese
  • Spracherkennung
  • Dialogsysteme
  • klinischer Bereich (Phonetiker sind aber keine Logopäden)
  • Sprechtraining (und insgesamt der Bildungs- und Fremdsprachenbereich)
  • Forschung
  • forensische Phonetik (einige wenige Stellen beim Bundes- sowie bei den Landeskriminalämtern)

In keinem dieser Bereich kann man einfach so arbeiten. Man findet natürlich nur einen Job, wenn man sich selbstständig bereits während des Studiums auf einen Teilbereich spezialisiert hat.

Die fachnahen Bereiche

Da es sich bei der Phonetik um eine so vielseitige Wissenschaft handelt, gibt es eine Menge an Arbeitsbereichen, die fachnah sind. Wer im Studium eine Programmiersprache gelernt hat, findet vielleicht in der Softwareindustrie einen Job, wer sich intensiv mit Akustik beschäftigt hat, kann z.B. in der Automobilindustrie landen oder wer sich mit der Anatomie des Gehörs und der Perzeption von Sprachschall auskennt in der Hörgeräteentwicklung. Prinzipiell sind hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt und auch die Praxis zeigt, dass Phonetikerinnen und Phonetiker später in zahlreichen und unterschiedlichen Branchen arbeiten.

Fazit

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass man in jedem Fall das studieren sollte, was einem Spaß macht. Alle Menschen, die ich kenne, die diesen Rat befolgt haben und im Studium engagiert und selbstständig gelernt und gearbeitet haben, haben allesamt und unabhängig von ihrer Studienwahl einen interesannten und befriedigenden Job gefunden! Voraussetzung ist nicht, dass man von Anfang an weiß, was man einmal arbeiten möchte, sondern Interesse an der Welt und am Fach sowie eine Portion Engagement innerhalb wie außerhalb der Universität. Allerdings sollte man sich während des Studiums immer wieder die Frage stellen, in welchen Bereichen man sich vorstellen könnte, zu arbeiten und nach Teilbereichen zu suchen, auf die man sich spezialisieren möchte. Es gibt immer Nischen, aber man muss sie aktiv suchen und füllen.

Literatur

Pompino-Marschall, B. (2009): Einführung in die Phonetik. Berlin u.a.: Walter de Gruyter.

Christoph Draxler über Webexperimente mit Percy

Für alle, die mal ein Online-Experiment machen wollen und vor allem für alle, die mal ein Online-Perzeptionsexperiment machen wollen:

Die Vorteile von Percy liegen auf der Hand:

  • Die Teilnehmerinnen & Teilnehmer müssen nicht ins Labor kommen und können mit verschiedenen Geräten am Experiment teilnehmen (sie müssen aber auch angeben, wo sie sich befinden und welche Art von Ein- und Ausgabegerät sie verwenden)
  • Es gibt schon eine ganze Reihe an vorgefertigten Experiment-Layouts
  • Man braucht keine Programmierkenntnisse
  • Percy wird durch das Bayerische Archiv für Sprachsignale und CLARIN-D kostenlos zur Verfügung gestellt

Eine Liste mit bereits bestehenden Experimenten findet ihr hier: http://webapp.phonetik.uni-muenchen.de/WebExperiment.

Sprachdatenbanken-Workshop in München

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Wer sich für Sprachdatenbanken interessiert, kann sich das hier mal ansehen: einen Workshop zur Erstellung und Verwaltung von Sprachdatenbanken in München. Eine finanzielle Förderung ist auch möglich!

Ds Totemügerli (es bärndütsches Gschichtli)

Das im Video vorgetragene Gedicht Ds Totemügerli (es bärndütsches Gschichtli) des schweizerischen Kabarettisten Franz Hohler ist ein hervorragendes Beispiel für das Funktionieren der Phonotaktik einer Sprache. Die im Gedicht benutzten Wörter klingen zwar Berndeutsch, da sie genau den Lautregularitäten dieses schweizer Dialekts folgen, sind aber frei erfunden. Viel Spaß!

Automatische Segmentierung mit WebMAUS

Ich hatte ja neulich schonmal ein Video mit Florian Schiel, der erklärt, wie so eine automatische Segmentierung mit MAUS (Munich AUtomatic Segmentation) funktioniert. Ich habe dazu jetzt noch ein Video gemacht, in dem ich zeige, wie man WebMAUS benutzt und online eine automatische Segmentierung vornimmt.

Phonem des Jahres 2013

So, wir haben das dieses Jahr das erste mal das Phonem des Jahres (phoneme of the year) gewählt. Zugegeben, eigentlich müsste es Phoneme des Jahres heißen, denn es handelt sich sowohl um einen Vokal als auch um einen Konsonanten.

Der Gewinner dieses Jahres ist in der Kategorie Konsonant der geminierte glottale Verschlusslaut, der z.B. im Maltesischen Phonemstatus hat. In der Kategorie Vokal ist der Sieger das /yː/, das z.B. im Deutschen oder im australischen Englisch vorkommt (cool spricht man z.B. /kyːl/).

Für alle, die es genauer wissen wollen, folgt hier noch ein ausführlicherer Beschreibungstext:

In der Sprachwissenschaft und in der Phonetik werden, im Wesentlichen zurückgehend auf den polnischen Linguisten Jan Baudouin de Courtenay (1845-1929), die einzelnen Sprachlaute einer Sprache als mehr oder weniger abstrakte Kategorien verstanden. Man spricht von den sogenannten Phonemen, die man meist einfach als die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit einer Sprache definiert. Während Wörtern z.B. durch das Wort des Jahres, das Jugendwort des Jahres, das Unwort des Jahres, den Anglizismus des Jahres, das beste eingewanderte oder das schönste bedrohte Wort des Jahres und sogar Sätzen, z.B. mit dem Satz des Jahres, regelmäßig Aufmerksamkeit zukommt, werden die Phoneme häufig vergessen. Aber auch die Kleinen und Abstraken brauchen Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen, brauchen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Denn auch sie sind wichtige und sogar unverzichtbare Elemente in unserer Welt.

Ja, man kann sogar sagen: Phoneme sind die Grundbausteine der menschlichen Zivilisation. Sie sind überlebensnotwendig. Ohne die Phoneme wäre keine menschliche Sprache, kein Verstehen und damit kein Zusammenleben möglich. Wir sehen es als Phonetikerinnen und Phonetiker als unsere Aufgabe an, ein Bewusstsein für die Vielfalt der Phoneme der Sprachen der Welt zu schaffen. Da das Phoneminventar von Lautsprachen wesentlich auf das gleichzeitige Vorhandensein von Vokalen und Konsonanten angewiesen ist, erachten wir es
als notwendig, jeweils einen Konsonanten und einen Vokal des Jahres zu wählen, auch weil letztere zwar von ihrer reinen Anzahl her betrachtet in der Unterzahl, aber dennoch unbedingt notwendig und daher besonders schützenswert sind.

Das Gremium „Phonem des Jahres“ setzt sich aus Studierenden des Faches Phonetik der LMU München zusammen. Jedes Jahr wird durch eine geheime Wahl jeweils ein Konsonant und ein Vokal des Jahres aus den Phonemen der Sprachen der Welt bestimmt und diese Wahl begründet.

Automatische Segmentierung mit WebMAUS

In diesem Video erklärt Florian Schiel vom Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der LMU München, wie man mit dem WebService MAUS (Münchener Automatische Segmentierung) aus einem Audiofile und einem Textfile, das eine orthographische Verschriftung gesprochener Sprache enthält, eine automatische Segmentierung vornehmen kann. Wie das ganz genau funktioniert zeigen wir euch bald mit eigenen Videotutorials. Den Link zum WebService findet ihr hier.

Ein paar Sachen, die ich loswerden will

Ich komme in letzter Zeit leider wegen meiner Staatsexamensvorbereitungen sehr wenig zum Bloggen. Aber ein paar Dinge möchte ich heute dennoch (gebündelt) loswerden:

1. Den Flyer des Projekts CLARIN-D. Das steht für die deutsche Version der Common Language Resources and Technology Infrastrucure.
Das Projekt will den Geistes- und Sozialwissenschaften eine technische Infrastruktur in Sachen Sprachtechnologien und -ressourcen bieten, aber genaueres entnehmt ihr dem Flyer.

2. Ich hab mal auf Duden.de nachgesehen, mit welchen Wörter die Begriffe Mann und Frau auftauchen. Bestimmt ganz interessant für Gender Studies.

3. Auf dem Free Science Blog hab ich ein paar interessante Beiträge gefunden, u.a. von Martin Haspelmath über Open Access in der Linguistik. Sollte ihr euch ansehen!

4. Apropos Open Access in der Linguistik: Die neue Ausgabe unsere multidisziplinären Online-Journals Helikon ist draußen. Ihr findet uns unter www.helikon-online.de. Bis Ende des Jahres könnt ihr da auch übrigens noch Artikel zum Thema „Raum“ einsenden. Artikel zu anderen Themen sind allerdings auch willkommen. Seht einfach mal unseren Call for papers an.

5. Am Rande: Ich bin jetzt auch bei Twitter :)