Das Wort des Tages

Das finde ich sehr, sehr schön: Das Wortschatz-Projekt der Abteilung Automatische Sprachverarbeitung (ASV) der Universität Leipzig extrahiert jeden automatisch Tag die wichtigsten Wörter aus verschiedenen Newsdiensten. Da diese thematisch sortiert sind (z.B. Politiker, Ereignis, Ort, usw.) könnte man das auch als Anlass nehmen, kleine Geschichten zu verfassen :)

Hier entlang zum Wort des Tages: wortschatz.uni-leipzig.de/wort-des-tages/

Minus neun Dezibel

Immer wieder hört man in den Medien von sogenannter ‚Lärmverschmutzung‘, ein Thema, das besonders hinsichtlich unserer Gesundheit und hinsichtlich unserer Umwelt von Bedeutung ist, denn Lärm bedeuted Stress – und das nicht nur für den Menschen, sondern z.B. auch für Meeresbewohner.
Doch auch Stille haben wir Menschen nicht gern, wie sich im Alltag leicht beobachten lässt – wir sprechen mit uns selbst, schalten Radio oder Fernseher an, wenn wir alleine sind oder schlafen mit offenem Fenster. Das alles hat zwar weniger mit Sprachwissenschaft zu tun, die Ergebnisse der Orfield Laboratories haben es mir aber trotzdem so angetan, das ich Sie hier kurz zusammenfassen möchte: Dort wurde ein Raum geschaffen, in welchem 99,9 Prozent allen Schalls absorbiert wird und damit eine Lautstärke von -9 dB herrscht (Dezibel ist ja eine logarithmische Referenzeinheit, die auch negative Werte annehmen kann). Da Menschen nicht nur an Schall gewöhnt sind, sondern wir ihn unter anderem auch zur Orientierung nutzen, ist ein Aufenthalt in einem solchen Raum gar nicht so angenehm, wie man vielleicht vermuten möchte. Länger als eine dreiviertel Stunde hat es wohl noch niemand geschafft, in dem Raum zu bleiben. Siehe auch hier.

Danke an Martin für den Hinweis!

„Weblogs in den Geisteswissenschaften“

Gestern war ich bei der Tagung „Weblogs in den Geisteswissenschaften“ in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Dort wurde das wissenschaftliche Blogportal de.hypotheses.org vorgestellt, eine Plattform, die geisteswissenschaftliche Blogs zusammenbringen will (die dann sogar eine ISSN erhalten und langzeitarchiviert werden). Ich fand das ganze sehr spannend. Noch spannender fand ich allerdings, was Hubertus Kohle, Professor für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität über wissenschaftliches Bloggen gesagt hat. Er rief die Blogger dazu auf „Mut zur Subjektivität“ zu beweisen und sprach davon, dass Blogs frech und polemisch sein sollten. Das finde ich auch! Gerade im Medium Blog hat man die Möglichkeit etwas mit Ideen und Gedanken herumzuspielen und kann diese äußern, auch wenn sie noch nicht ausgegoren sind. Hier sehe ich viel kreatives Potential.

Modalverben und der Google-Übersetzer

Ich bin ja großer Fan des Google-Übersetzungsdienstes. Interessanterweise scheint er Probleme bei der Übersetzung von Deutsch nach Englisch mit den deutschen Modalverben zu haben. Präskriptive Grammatiken schreiben für das Deutsche gerne vor, dass Modalverben mit einem Infinitiv bzw. einer Infinitivphrase gebraucht werden. Aber auch wissenschaftliche Einführungen handhaben das häufig auf diese Weise. So schreiben beispielsweise Graefen & Liedke (2008:148) über Modalverben (MV) bzw. modalähnliche Verben:

Abgesehen von den MV mit reinem Infinitiv haben die anderen Verben gemeinsam, dass sie einen Infinitiv bzw. eine Infinitivphrase mit zu zur Bildung des komplexen Prädikats erfordern.

Im alltäglichen Gebrauch gibt es aber häufig elliptische Verwendungsweisen der Modalverben, wie z.B.:

(1) a. Ich muss zum Supermarkt.
       b. Google kann kein Deutsch.

Während dem Muttersprachler in (1a) klar ist, dass man zum Supermarkt geht, versteht er auch, dass in (1b) natürlich die Beherrschung der Sprache gemeint ist: Google kann kein Deutsch sprechen. Während der Google-Übersetzungsdienst Ich muss zum Einkaufen (zumindest grammatisch) richtig mit ‚I need to shop‘ übersetzt, wird es mit Ich muss zum Supermarkt schon knifflig. Googles Antwort lautet hier ‚I need to supermaket‘. Interessant ist, dass auch die Groß- und Kleinschreibung hier von Bedeutung zu sein scheint. Aus google kann kein deutsch wird ‚google is no German‘, bei Beachtung der Groß- und Kleinschreibung jedoch aus Google kann kein DeutschGoogle can not speak German‘.

Literatur:

Graefen, G. & Liedke, M. (2008): Germanistische Sprachwissenschaft. Deutsch als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache. Tübingen & Basel: A. Francke.

google is no German

„labern“ im Kiezdeutschen

In ihrem populärwissenschaftlichen Buch Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht schreibt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese (2012:14) über die von ihr als Dialekt bezeichnete Sprachvariante Kiezdeutsch:

Kiezdeutsch spricht man nicht, weil die eigenen Großeltern irgendwann einmal aus der Türkei eingewandert sind, sondern Kiezdeutsch spricht man mit seinen Freunden, wenn man in einem multiethischen Viertel groß wird, ganz unabhängig davon, ob die Familie aus der Türkei, aus Deutschland oder aus einem anderen Land stammt.

Dass ich diesen Artikel damit beginne, wer Kiezdeutsch spricht und nicht mit einer Definition hat seinen Grund darin, dass Wiese leider keine griffige Definition des Begriffs liefert. Dies spiegelt sich auch auf dem zum Kiezdeutschen angebotenen Infoportal kiezdeutsch.de wider: Der erste Unterpunkt dort lautet „Wer spricht Kiezdeutsch?“ und verfolgt so ebenfalls eine Herangehensweise über die Sprecher.

Screenshot von kiezdeutsch.de

Dies soll hier allerdings nicht als Nachteil gewertet werden (schließlich erläutert Wiese im Rest ihres Buches und an anderen Stellen noch ausführlich die kiezdeutschen Besonderheiten). Was ist denn nun aber Kiezdeutsch? Es handelt sich laut Wiese (2006:6) um eine jugendsprachliche Varietät des Deutschen, die sich von anderen Jugendsprachen darin unterscheidet,

dass sie zum einen einen Hintergrund im ungesteuerten Zweitspracherwerb hat und in Beziehung zu ethnolektalen Varietäten steht (insbesondere zu „Türkendeutsch“, dem Ethnolekt, der sich aus dem Deutsch türkischer Migranten entwickelt hat), zum anderen über solche Ethnolekte jedoch hinausgeht und grammatische Merkmale einer Kontaktsprache aufweist, die sich in multi-ethnischen und multi-lingualen Kontexten entwickelt hat.

Spannend finde ich Wieses Betonung des Multi-Ethnischen, da ich selbst eine in der Innenstadt einer kleineren Großstadt gelegene, von multi-ethnischer Durchmischung gekennzeichnete Schule besucht habe, in der exakt wie von Wiese beschrieben, gesprochen wurde.
Wiese (2006, 2012) konzentriert sich in ihren Ausführungen besonders auf morpho-syntaktische Phänomene, weniger allerdings auf semantische. Hinsichtlich der (lexikalischen) Semantik ist mir dabei vor ein paar Tagen eine (kleine) Besonderheit des Kiezdeutschen aufgefallen: das Verb labern erhält im Kiezdeutschen eine weitere Bedeutung als im Standarddeutschen. Auf duden.de finden sich zwei Bedeutungen von labern:

  1. (abwertend) sich wortreich über oft belanglose Dinge auslassen, viele überflüssige Worte machen
  2. sich zwanglos unterhalten, plaudern

Im Kiezdeutschen erhält labern noch die zusätzliche Bedeutung ‚die Unwahrheit sagen‘. So kann man mit den Sätzen in (1) und (2) problemlos jemanden des Lügens bezichtigen.

(1) Laber nicht!

(2) Der labert doch!

Dies rührt vermutlich aus einer Verkürzung vonWendungen wie Laber keinen Mist her und liegt von der im Duden verzeichneten Bedeutung von labern natürlich auch nicht weit weg.
Eine kurze Suche auf google.de zeigt ebenfalls diese Verwendung. Ein User kommentiert beispielsweise einen Artikel über Kiezdeutsch auf der konservativen Seite jungefreiheit.de, der die Sprecher des Kiezdeutschen nicht gerade gut dastehen lässt mit „Was labert er? [...] Alter, er ist voll der häßliche Opfer.“ Dieser Satz lässt sich kaum mit den vom Duden beschriebenen Vorschlägen paraphrasieren, denn weder will der User darauf hinaus, dass der Autor des Artikels übertrieben viele Worte verliert oder dass er plaudert. Vielmehr will er zum Ausdruck bringen, dass er nicht seiner Meinung ist und seine Ausführungen unwahr befindet.

Literatur:

Wiese, H. (2006): „Ich mach dich Messer“: Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache. Linguistische Berichte 207: 245-273.

Wiese, H. (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C.H. Beck.

 

Response Time Box

Heute habe ich das erste Mal eine sogenannte „Response Time Box“ gesehen. Man verwendet sie statt der Tastatur oder der Maus bei Experimenten und sie wird mit einem USB-Anschnluss mit dem Computer verbunden. Ich wusste ja, dass die Reaktionszeitmessung der Computertastatur verzögert ist und nicht unbedingt genau funktioniert, dachte aber, dass das nicht allzu viel ausmacht, da die Ungenauigkeit ja für alle Versuchspersonen dieselbe ist. Bedacht hatte ich allerdings nicht, dass Experimente ja des öfteren an verschiedenen Rechner ausgeführt werden. Dann bietet sich so eine Box an. Für ca. 250 € schien mir die Verarbeitungsqualität allerdings etwas ungenügend, funktionieren tut es trotzdem. Entwickelt wurde das Gerät an der University of Southern California und zwar am LOBES (Laboratory of Brain Processes).
Hier die Beschreibung des Herstellers, warum man so eine Box brauchen könnte:

Computer keyboard and mouse can be used to record response time to an event, such as visual or auditory stimulus. But you can get only the time when computer code reads an event, such as key press, not the time the event happens. Many things can affect the time difference between key press and event read, such as hardware sampling interval, debouncing interval, operating system, programming software, and user code etc. The variability makes the regular keyboard and mouse unusable for high-accuracy response time experiments. Our device avoids all of above problems, and will give you accurate time of an event.

Die Beschreibung stammt von: http://lobes.usc.edu/RTbox/

Das Web übersetzen mit Luis von Ahn


Luis von Ahn, Informatik-Professor an der Carnegie Mellon University ist sozusagen der Erfinder des CAPTCHAs. Jetzt will er mit seinem Projekt Duolingo dabei helfen, das Web zugänglicher zu machen. Dabei sollen einerseits Texte von Usern mittels gemeinsamen Wissens übersetzt werden, andererseits sollen die User dabei eine Fremdsprache lernen. Ich finde die Idee wirklich bewundernswert! Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bezweifle ich allerdings, dass es möglich ist auf diese Weise einen hohen Kompetenzgrad in einer Sprache zu erlangen. Sprache ist zu tief mit unserer Umwelt und mit Handlungen verwoben, obendrein ist sie ein soziales Phänomen, sodass ein bloßes Übersetzen von Texten keine nachhaltigen Lerneffekte erzielen sollte. Ist fast schon ein bisschen so, wie im Chinesischen Zimmer sitzen, wenn man nur übersetzt. Aber nur fast, man kann ja schon auf die Bedeutung der Symbole zurückgreifen.
Man kennt das ja aus dem Lateinunterricht. Man hat zwar eine passive Kompetenz, d.h. man kann zwar mit etwas Mühe die Texte übersetzen, unterhalten kann man sich deswegen aktiv auf Latein noch lange nicht.
Ähnliche Projekte, mittels „social tagging“ wissenschaftliche Erkenntnisse zu erzielen – und das wird mit Duolingo bestimmt ebenfalls getan – geht man auch an der Ludwig-Maximilians-Universität München (meiner Heimatuniversität). Dort arbeiten Sprachwissenschaftler, Computerlinguisten, Informatiker und Kunsthistoriker gemeinsam an sogenannten GWAPs („games with a purpose“), also Spielen mit wissenschaftlichem Zweck. Ein Beispiel dafür ist ARTigo, ein kunsthistorisches Spiel, bei dem der User Bilder und Künstler kennenlernt und gleichzeitig mittels sogenanntem „social image tagging“ dabei hilft eine Kunstsuchmaschine zu entwickeln.

Isoglossen und Heteroglossen

Mich hat das ja schon immer verwirrt: der Begriff der Isoglosse. In der Linguistik bezeichnet man als  Isoglosse eine Linie in einem Sprachatlas, die zwei Ausprägungen eines sprachlichen Merkmals trennt. Eine der bekanntesten Isoglossen ist z.B. die sogenannte Benrather Linie, benannt nach der Kleinstadt Benrath bei Düsseldorf, die die Aussprache von maken und machen trennt.

Das Wort Isoglosse wurde nach dem Vorbild anderer sogenannter Isolinien gebildet. Isolinien sind Linien, die Punkte auf einer Karte verbinden, die den gleichen Wert aufweisen. So verbinden z.B. Isotherme Linien mit gleicher Temperatur. Aber eine Isoglosse dagegen verbindet keine Linien gleicher Aussprache, sondern trennt verschiedene Aussprachevarianten. Leider wird der Begriff wohl erhalten bleiben, da er sich schon längst eingebürgert hat und Vorschläge zu seiner Ersetzung durch Begriffe wie Heteroglosse (z.B. Sihler 200:260) scheinen verlorene Liebesmüh.

Literatur:

Sihler, A. L. (2000): Language History. An Introduction. Amsterdam & Philadelphia: John Benjamins.

Topik, Kommentar, Thema und Rhema

Da oft allgemeine Verwirrung über die Begriffspaare Topik – Kommentar und Thema – Rhema herrscht, hier ein kurzer Beitrag zum Thema  „Topik, was ist das eigentlich?“

Am Beginn der Topik-Forschung stehen die Sprachwissenschaftler Hermann Paul (1846-1921) und Georg von der Gabelentz (1840-1893) [1]. Von der Gabelentz geht, in einem 1869 [2] in der Zeitschrift Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft erschienen Artikel vom Begriffspaar psychologisches Subjekt – psychologisches Prädikat aus:

Was bezweckt man nun, indem man zu einem Andern etwas spricht? Man will dadruch einen Gedanken in ihm erwecken. Ich glaube, hierzu gehört ein Doppeltes: erstens, daß man des Andern Aufmerksamkeit (sein Denken) auf etwas hinleite, zweitens, daß man ihn über dieses Etwas das und das denken lasse; und ich nenne das, woran, worüber ich den Angeredeten denken lassen will, das psychologische Subjekt, das, was er darüber denken soll, das psychologische Prädikat. (von der Gabelentz 1869:378)

In seinem Berühmt gewordenen Buch Prinzipien der Sprachgeschichte von 1880 schreibt Hermann Paul (1920:124 [1880]) ähnliches:

Das psychologische Subjekt ist die zuerst in dem Bewusstsein des Sprechenden, Denkenden vorhandene Vorstellungsmasse, an die sich eine zweite, das psychologische Prädikat anschliesst.

Paul unterscheidet geschickt zwischen grammatischem und psychologischem Subjekt bzw. Prädikat. Meist fallen diese Kategorien zusammen, aber es gibt auch Ausnahmen. So existieren im Deutschen durchaus Sätze ohne grammatisches, aber mit psychologischem Subjekt, wie Satz (1) belegt.

(1) Mich friert.

Was von der Gabelentz und Paul als psychologisches Subjekt bezeichnen, nennt man heute Topik, sein psychologisches Prädikat kennt man heute als Kommentar (engl. topic und comment). Unter einem Topik versteht man grob gesagt das, worum es in einem Satz oder einem Diskurs geht. Van Kuppevelt (1994:4629) führt zu den Begriffen aus:

The notions presuppose that a discourse unit U, a sentence or (part of) a discourse, has the property of being, in some sense, directed at a restricted set of entities and not at all entities that have come up in U.

Beim Topik dieses Diskurses U handelt es sich also um dieses eingegrenzte Menge an Entitäten. Um sie geht es in dem Diskurs (oder Teildiskurs oder Satz). Der Kommentar ist dann das, worum es geht. Allerdings besteht keine Einigkeit darüber, ob es sich beim Topik nun um einen Teil des Satzes handelt oder um etwas worauf mittels eines Teiles eines Satzes referiert wird.

Thema und Rhema

Die Begriffe Thema und Rhema beschreiben, was in einem Satz als bekannte Information vorausgesetzt wird und welche Information neu hinzugefügt werden soll. Betrachten wir die van Kuppevelt (1994:4630) entnommenen Sätze in (2).

(2) a. (Who hit Bill?)
JOHN hit Bill.

b. (What did John do to Bill?)
John HIT Bill.

c. (Who did John hit?)
John hit BILL.

Die in Majuskeln wiedergegebenen Wörter in den Sätzen sind jeweils betont. In Satz (2a) ist somit Bill, in Satz (2b) hit und in Satz (2c) Bill jeweils die neue Information (also das Rhema). Allerdings haben die Sätze alle dasselbe Topik, in allen Sätzen geht es um John.

Topik-Tests

Van Kuppevelt (1994:4631) nennt vier Tests, von welchen drei nur auf Nominalphrasen (NP) angewandt werden können. Beim sogennanten fronting test handelt es sich nicht nur um eine einfache Topikalisierung, also eine Verschiebung einer Phrase in die linke Satzperipherie, sondern um einen Test, bei dem ein unmarkierter Satz, der eine NP enthält S<NP1> nach dem Schema „Was NP1 betrifft, S<NP1>“ paraphrasiert wird. So lässt sich der Satz „Erik trinkt eine Flasche Wein.“ paraphrasieren als „Was Erik betrifft, Erik trinkt eine Flasche Wein.“ und Erik so als Topik ermitteln.
Beim about-context test wird ein Satz S<NP1> paraphrasiert mit „Sie/Er sagte über NP1, dass S<NP1>“. Wenn also Alice den Satz „Erik trinkt eine Flasche Wein.“ äußert, dann würde die Umschreibung etwa „Alice sagte über Erik, dass er eine Flasche Wein trinkt.“ Wiederum wurde Erik als Topik ermittelt.
Beim about-questions test wird nicht paraphrasiert, sondern eine Frage nach dem Schema „Was ist mit NP1?“ erzeugt.
Der vierte und bekannteste Test, der question test arbeitet mit mehreren W-Fragen, auf welche der Satz S<NP1> eine direkte Antwort sein kann. Die Konstituenten des Satzes, die in allen Fragen auftaucht sollte nun das Topik sein.
Da alle Test Lücken aufweisen, ist es sinnvoll, immer mehrere Tests durchzuführen.

Fehlende Einheitlichkeit

Leider besteht hinsichtlich der Terminologie keine Einheitlichkeit (van Kuppevelt 1994:4629). Dies führt dazu, dass Sie sich beim Lesen wissenschaftlicher Literatur immer vergewissern sollten, welche Definitionen die Autorin/der Autor zu Grunde legt bzw. sollten Sie beim Schreiben darauf achten, dass immer präzise klar machen sollten, worauf genau sie Bezug nehmen.

Literatur:

Paul, H. (1920 [1880]): Prinzipien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer.

van Kuppevelt, J. (1994): Topic and Comment. In: Asher, R. E. & Simpson, J. M. Y. (Hrsg.): The encyclopedia of language and linguistics, Vol. 9. Oxford u.a.: Pergamon Press, S. 4629-4633.

von der Gabelentz, H. G. (1869): Ideen zu einer vergleichenden Syntax: Wort- und Satzstellung. In: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 6, S. 376-384.

Anmerkung:

[1] Die englische Wikipedia gibt an, dass eine Topik-Kommentar-Unterscheidung bereits 1844 von Henri Weil getroffen wurde. Leider konnte ich das nicht recherchieren. Für Hinweise bin ich jedoch dankbar!

[2] Es scheint sich eingeschlichen zu haben den Artikel auf 1868 zu datieren. Korrekt ist jedoch 1869.

Versuch einer (Teil-)Antwort auf „Why Ambiguity?“ von Ariel Cohen

Zusammenfassung von Cohens Frage:

In einem der „40 to 60 puzzles for Krifka“ stellt Ariel Cohen die Frage, warum es in allen Sprachen der Welt Amibguität gibt. Und tatsächlich, wie Cohen auch richtig bemerkt, gibt es kaum einen Satz in einer Sprache, der nicht ambig ist. Auch kommt er zu dem Schluss, dass Menschen zwar über Mechanismen verfügen Amibguitäten aufzulösen, dies aber nicht erklärt, warum es in allen Sprachen der Welt Ambiguität gibt. Weiter denkt er darüber nach, ob die Ambiguität der Sprachen vielleicht auf deren Komplexität her rührt und führt an, dass etwa Programmiersprachen dazu entwickelt wurden nicht-ambig zu sein.

Bemerkenswert ist auch seine sprachökomische Argumentation hinsichtlich Hörer und Sprecher. Während es für den Hörer ideal wäre, würde es keine Ambiguitäten geben, da so weniger Missverständnisse auftreten würden, wäre es für den Sprecher von Vorteil, wenn seine Sprache maximal ambig wäre, „so that one word would mean everything.“ Sein Beispiel kid, das sowohl child, als auch young goat bedeuten kann, zeigt allerdings, dass, obwohl es im Englischen ein Wort gibt, das beides bedeuten kann, das Wort child nicht einfach verschwindet. Das bedeutet, dass Ambiguität nicht dazu führt, dass es weniger Ausdrücke in einer Sprache gibt, sondern im Gegenteil mehr. „Quite the contrary, in fact: languages tend to be redundant, i.e. use several expressions to express the same meaning.“

Cohen fasst seine Frage so zusammen: „We seem to be forced to the conclusion that there is some pressure on languages to be ambigous: there is some advantage to using an ambigous language.“

Überlegungen zu einer (Teil-)Antwort:

Zunächst möchte ich darauf hinweise, dass nicht nur (lautsprachliche) Kommunikation von Ambiguität betroffen ist, wie wir etwa von Kippbildern wissen. Die folgende Abbildung zeigt etwa ein Kippbild aus Joseph Jastrows Aufsatz The minds eye. Einerseits kann man darin eine Ente sehen oder auch einen Hasen. Diese Illusion würde allerdings verschwinden, würde man den Kopf der Ente auf einen Entenkörper montieren und in einen See neben andere Enten setzen würde. Genauso würde man keine Ente mehr sehen, würde man den Hasenkopf auf einen Hasenkörper setzen und auf einer Wiese neben anderen Hasen plazieren.

Jastrows „duck-rabbit illusion“
(http://en.wikipedia.org/wiki/File:Duck-Rabbit_illusion.jpg)

Da es sich bei Sätzen nicht um einzelne Zeichen handelt, die uns jeden Tag begegnen, können wir deren exakte Bedeutung nicht kennen. Und das müssen wir auch nicht, denn Sätze tauchen in natürlichen Sprachen so gut wie nie ohne Kontext auf (im Gegensatz zu den meisten linguistischen Beispielsätzen!). Es ist nur schwer vorstellbar, dass jemand auf der Straße zu ihnen kommt und ihnen mitteilt, dass John ein Kind hat. Handelt es sich dagegen um ein tatsächliches Gespräch dann gibt es in diesem Fall mehrere Möglichkeiten: John ist der Vater eines Kindes (Sohn oder Tochter) oder John betreut ein Kind (Junge oder Mädchen). Wir müssen aber davon ausgehen, dass ein common ground (Stalnaker 1974), also ein Wissen besteht, von dem die Sprecherin ausgeht, dass es die Hörerin besitzt. Und nur aufgrund dieses common ground wird sie eine Äußerung machen. Ein Missverständnis entsteht diesen Überlegungen zufolge also nicht daraus, dass der von ihr geäußerte Satz ambig ist, sondern daraus, dass sie eine falsche Annahme macht und die Hörerin eine Rückfrage stellen muss.

Dass es sich bei der „Debatte über Jugendkriminalität im Bundestag“, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 17.01.2008 bespricht nicht um Jugendliche geht, die im Bundestag kriminell sind, ergibt sich aus unserem Weltwissen. Auch der vielziterte Satz I saw the man with the binoculars ist nur in Isolation ambig. Oder anders gesagt: Der Hauptquell der Ambiguität in natürlichen Sprachen ist Dekontextualisierung. Und genau das ist der Grund, warum künstliche Sprachen (wie Programmiersprachen) nicht ambig sind: Sie haben keine Verknüpfung mit der uns umgebenden Welt und müssen dementsprechend nicht interpretiert werden.

Dass Sprachen dazu tendieren redundant zu sein, wie es Cohen anführt, sehe ich auch so. Dies auf Ausdrücke anzuwenden, die die gleiche Bedeutung haben, halte ich für schwierig. Gibt es tatsächlich so viele Wörter, die das gleiche bedeuten? Selbst bei den wenigen als prototypisch zu wertenden Beispielen wie Zündholz vs. Streichholz und Apfelsine vs. Orange werden, je nachdem welches Wort man verwendet, gewisse Unterschiede festzustellen sein (sagen Sie mal einem Österreicher, Sie hätten gerne eine Apfelsine). So würde ich z.B. von einem Zündholz sprechen, wenn ich eine Geschichte schreiben würde, die in einem alten Herrenhaus spielt, aber nicht, wenn ich auf der Straße jemanden um Feuer bitte. Und wenn ich eine Orange verkaufen wollte, würde ich sie als Apfelsine anpreisen. Dennoch handelt es sich um strikte Synonymie (beim Zündholzfall wohl um zwei Wörter aus unterschiedlichen Zeiten, beim Apfelsinenfall um einen regionalen Unterschied). Aber viele Fälle lassen sich nicht finden. Schon bei Zimmer vs. Gemach und erst recht bei Pferd vs. Klepper fällt auf, dass es deutliche Unterschiede in der Bedeutung (sei es stilistisch oder wertend) gibt und dies lässt sich sprachökonomisch gut erklären.

Literatur:

Cohen, Ariel (2006): Why Ambiguity. http://www.zas.gwz-berlin.de/fileadmin/material/40-60-puzzles-for-krifka/pdf/cohen.pdf, zuletzt eingesehen am 11.7.2011.

Jastrow, J. (1899): The mind’s eye. In: Popular Science Monthly, 54, S. 299-312.

Stalnaker, R. (1974): Pragmatic presuppositions. In: Munitz, M. K. & Unger, P. K. (Hrsg.): Semantics and philosophy. New York: New York Univeristy Press, S. 197-213.