Die Großschreibung der Nomen in der Grundschule

Das Internet ist voll von Druckvorlagen und Materialen für Lehrerinnen und Lehrer. Beworben werden diese unter anderem auch von auf die Schule spezialisierten Influencerinnen und Influencern in sozialen Medien. Ich habe mich ein bisschen nach solchen Materialen auf Instagram umgesehen und war ehrlich gesagt ziemlich schockiert. Ich verstehe ja, dass man gerade in der Grundschule eine didaktische Reduktion vornehmen muss, aber viele der auf den Arbeits- und Merkblättern dargestellten Regeln, die ich gesehen habe, waren entweder nicht hilfreich oder sogar einfach grob falsch. Und das betrifft nicht nur einen kleinen Teil der Seiten, die ich mir angesehen habe, sondern wirklich so gut wie alle.

Ein einfaches Beispiel ist die Großschreibung der Substantive. Hier werden wahlweise drei oder vier Regeln eingeführt, nämlich die „Wahrnehmungsprobe“, die „Artikelprobe“, die „Mehrzahlprobe“ und manchmal noch die „Adjektivprobe“ (die allerdings tatsächlich sehr selten war). Sehen wir uns das im Einzelnen kurz an.

Die Wahrnehmungsprobe: Kann man es sehen oder anfassen? Dann ist es ein Nomen.

Die Artikelprobe: Kannst du einen Artikel vor das Wort stellen? Dann ist es ein Nomen.

Die Mehrzahlprobe: Kannst du das Wort in der Einzahl und in der Mehrzahl verwenden? Dann ist es ein Nomen.

Die Adjektivprobe: Kannst du das Wort mit einem Adjektiv näher beschreiben? Dann ist es ein Nomen.

Eine der schön illustrierten Merkkarten, die ich gesehen habe, hatte noch zwei schöne Beispielsätze, die in etwa so aussahen:

(1) Die große Katze trinkt Milch.
(2) Die großen Katzen trinken auch Milch.

Diese Sätze hat offenbar ein erwachsener Mensch geschrieben, der intuitiv wusste, dass es sich bei Katze um ein Nomen handelt, das großgeschrieben wird. Sehen wir uns den Satz in (1) aus Sicht eines Kindes an, das diesen Satz schreiben will und sich fragt, welche Wörter man großschreibt: Die schreibt man groß, es steht schließlich am Satzanfang. Was ist mit große? Man kann sehen, ob etwas groß ist oder klein, die Wahrnehmungsprobe sagt also, dass es sich um ein Nomen handelt. Die Artikelprobe ist auch positiv, denn es steht ja tatsächlich ein Artikel vor große. Der Satz in (2) zeigt, dass sich das Wort auch in den Plural setzen lässt und sogar die Adjektivprobe, die eigentlich die beste dieser Proben ist, sagt uns, dass man vor große ohne weiteres ein Adjektiv setzen kann (die schöne große Katze). Alle diese Proben versagen. Und tatsächlich ist die Substantivgroßschreibung einer der Bereiche, in dem die meisten Rechtschreibfehler gemacht werden – und das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.

Ich verstehe die Motivation der Wahrnehmungsprobe. Sie macht Nomen so schön anschaulich! Aber die Bedeutung hat in einer Wortartendefinition überhaupt nichts verloren. Doch genau dort setzen alle Materialien, die ich gesehen haben, an. Präpositionen wurden durch die Bank als Wörter defininiert, die anzeigen, wo etwas ist (oder in welchem Verhältnis zwei Gegenstände zueinander stehen). Das ist absoluter Blödsinn! Die Sätze in (3) enthalten alle eine Präpositionen, die alle nichts mit einem räumlichen Verhältnis zu tun haben.

(3) a. Ich bin sauer auf den Nachbarn.
    b. Er ärgert sich über die Katze.
    c. Ich entschuldige mich für mein Verhalten.
    d. Ich kämpfe für eine bessere Schule.

Präpositionen sind eine nicht-flektierbare Wortart, deren Vertreter den Kasus der folgenden Nominalgruppe bestimmen (regieren). Mehr nicht. Zu sagen, Präpositionen würden ein räumliches Verhältnis angeben, ist keine didaktische Reduktion, sondern einfach nur falsch und hilft den Kindern nicht weiter.

Kommen wir aber zurück zu den Nomen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was ist ein Nomen? Mit der Bedeutung hat das ganz bestimmt nichts zu tun, wie sich leicht zeigen lässt. Handelt es sich bei trinken um ein Nomen? Die Antwort auf diese Frage ist: „Keine Ahnung!“ Ob es sich bei trinken um ein Nomen oder ein Verb handelt, hängt vom Kontext ab (Verb: Jeder Mensch muss trinken. Nomen: Das Trinken von Wein ist eine tolle Sache). Es kommt also auf die Stellung des Worts im Satz bzw. seine Funktion im Satz an. Da könnte die Artikelprobe ins Spiel kommen, aber wie wir gesehen haben, können zwischen Artikel und Nomen auch noch Adjektive stehen. Das hilft also auch nur bedingt weiter. Neben der Distribution im Satz spielen auch morphosyntaktische Eigenschaften bei der Bestimmung von Wortarten eine Rolle. Die Idee mit der Mehrzahlprobe ist daher eigentlich gar nicht schlecht. Das Problem ist allerdings, dass attributive Adjektive im Deutschen mit den Nomen, die sie modifizieren, kongruieren. Sie stehen also auch im Singular oder im Plural.

In der Literatur werden Nomen häufig als die Köpfe von erweiterbaren Nominalphrasen charakterisiert. Erweiterbar sind sie durch Adjektive. Kurzum bedeutet das, dass zwischen Artikel und Nomen beliebig viele Adjektive treten können. In manchen didaktischen Ansätzen werden Nomen daher über Treppengedichte eingeführt (Röber-Siekmeyer 1999):

Mit solchen beliebig erweiterbaren Gedichten versteht man relativ schnell, was ein Nomen (und was ein attributives Adjektiv) ist. Dabei handelt es sich um eine sinnvolle didaktische Reduktion, die die richtige Regel einführt. Natürlich gibt es dann noch einige Ausnahmen von dieser Regel (im Allgemeinen schreibt man beispielsweise groß, man kann aber kein Adjektiv zwischen im und Allgemeinen setzen), aber diese werden dann später als Sonderfälle eingeführt, die man sich einfach merken muss.

Literatur

Röber-Siekmeyer, Christa (1999). Ein anderer Weg zur Groß- und Kleinschreibung. Leipzig, Stuttgart & Düsseldorf: Klett.

Wie sexistisch ist das Schwäbische?

Okay, dieser Post hat einen reißerischen Titel, zugegeben. Und ich muss auch gleich vorausschicken, dass die Daten (und deren Interpretation), auf denen dieser Post basiert wirklich mit absoluter Vorsicht zu genießen sind. Und es geht eigentlich gar nicht sooo sehr ums Schwäbische. Okay, es geht auch ums Schwäbische, aber auch ums Bairische und Fränkische.

Also gut, worum geht es? Es gibt wohl vermutlich in jeder Sprache Schimpfwörter. Gleiches gilt natürlich für Dialekte. Im Internet gibt es zahlreiche und teils sehr große Sammlungen solcher Schimpfwörter. Nun verwendet man Schimpfwörter vornehmlich, um Personen zu bezeichnen (z. B. Idiot), aber viele solcher Schimpfwörter sind auf bestimmte Personengruppen festgelegt. Manche Schimpfwörter kann man nur für Männer verwenden (z. B. Hurensohn), manche nur für Frauen (z. B. Schlampe). Andere dagegen sind neutral (z. B. Arsch). Daneben gibt es solche, die man allgemein für Kinder verwenden kann oder nur für Jungen oder nur für Mädchen. Es fällt gar nicht so leicht, Beispiele für solche Schimpfwörter exklusiv für Kinder zu finden. Hosenscheißer ist vielleicht ein Beispiel.

Dialekte haben, zumindest subjektiv betrachtet, eine besonders große Bandbreite an solchen Ausdrücken. Beim Nachdenken über solche Schimpfwörter im Schwäbischen ist mir aufgefallen, dass es scheinbar überproportional viele Schimpfwörter gibt, die sich nur auf Frauen beziehen. Das wollte ich quantifizieren. Dafür habe ich im Internet verfügbare Schimpfwortlisten genommen und zwar schwäbische Schimpfwörter [1], bairische Schimpfwörter [2] und fränkische Schimpfwörter [3]. Und hier kommt schon das erste Caveat. Die verwendeten Sammlungen mögen zwar relativ umfangreich sein, ein möglicher Bias in den Daten muss sich aber nicht notwendigerweise auf den Dialekt zurückführen lassen, sind diese Listen doch von Menschen erstellt worden, die selbst einem Bias unterliegen können, der eben in diesen Menschen liegt. Es stellt sich also die Frage, wie repräsentativ diese Wortlisten für den jeweiligen Dialekt sind. Dann wurden aus diesen Listen alle Wörter gefiltert, die Menschen bezeichnen können und diese – basierend auf den auf den Webseiten angegebenen Bedeutungen – kategorisiert. Dabei sind übrigens sicherlich auch einige Fehler passiert, das Ganze ist also vermutlich eher eine Approximation (aber das hier ist auch keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Blog-Post). Solche Fehler basieren vielleicht auch auf den auf den Webseiten angegebenen Bedeutungen. In der schwäbischen Wortliste findet sich beispielsweise der Eintrag Bohnaschdang, der angeblich verwendet wird, um eine „dünne Frau“ zu bezeichnen. Meine schwäbische Intuition sagt, dass ich auch einen Mann so bezeichnen kann, aber vielleicht geht das anderen ja nicht so.

Insgesamt blieben 615 schwäbische Schimpfwörter übrig, 165 bairische und 226 fränkische. Das zeigt klar, dass für das Schwäbische klar die längste Liste vorliegt, was sicherlich auch eine Verzerrung darstellen könnte. Oder die Baiern und die Franken schimpfen nicht so viel oder sind nicht so kreativ beim Schimpfen, was allerdings wenig plausibel erscheint. Die Kategorisierung erfolgte danach, ob die Wörter nur für Männer verwendet werden können, nur für Frauen, für Erwachsene im Allgemeinen, nur für Kinder, nur für Jungen oder nur für Mädchen. Ein weiteres Manko sollte ich gleich auch noch erwähnen: Ein Vergleich zum Standarddeutschen wäre natürlich auch noch sinnvoll. Aber diese Arbeit kann sich dann ja jemand anders mal noch machen. Kommen wir also endlich zu den Resultaten (in Prozent um der besseren Vergleichbarkeit Willen):

Schimpfwörter im Schwäbischen

Schimpfwörter im Bairischen
Schimpfwörter im Fränkischen

Okay, was fällt also auf? Zunächst einmal fällt auf, dass sich das Fränkische und das Bairische ziemlich ähnlich sind, was ich persönlich nicht überraschend finde. In allen drei Dialeken gibt es im zahlenmäßigen Vergleich nur wenige Schimpfwörter, die sich nur auf Kinder beziehen und kaum welche, die sich nur für Jungen oder nur für Mädchen eignen. Und: In allen drei Dialekten überwiegen die „neutralen“ Schimpfwörter, also diejenigen, die sowohl Männer als auch Frauen bezeichnen können. Aber: In allen drei Dialekten gibt es mehr Schimpfwörter, die nur Frauen bezeichnen (im Schwäbischen etwa dauba Desch oder Besa), als solche, die nur Männer bezeichnen (im Schwäbischen etwa Lombakerle). Meine Intuition scheint also bestätigt. Im Bairischen und im Fränkischen gibt es ungefährt doppelt so viele Schimpfwörter, die nur Frauen bezeichnen können als solche, die nur Männer bezeichnen. Im Schwäbischen ist die Situation noch extremer: Nur etwa sechs Prozent der Schimpfwörter können nur auf Männer angewandt werden, aber Schimpfwörter, die nur Frauen bezeichnen machen fast 20 Prozent aller Schimpfwörter in der Liste aus (man muss aber wieder im Hinterkopf behalten, dass man die Dialekte aufgrund der Datenbasis wahrscheinlich nur eingeschränkt vergleichen kann).

Es wäre wie erwähnt wünschenswert, das Ganze noch mit dem Schimpfwort-Vokabular des Standarddeutschen zu vergleichen (und vermutlich auch insgesamt die Datenbasis auszuweiten und die Daten vielleicht auch nochmals genauer mit Erstsprachen-Sprecherinnen und -Sprechern der jeweiligen Dialekte abzugleichen). Aber ich denke, das Grundmuster ist klar: In den hier untersuchten Dialekten ist die sprachliche Abwertung von Frauen deutlich überrepräsentiert.

Schimpfwort-Quellen:

[1] https://www.schwaebisch-schwaetza.de/schwaebische_schimpfworte.php?psbOq5lvZg==#a

[2] https://www.sprachschach.de/bayerische-schimpfwoerter/

[3] https://www.freizeit-in-und-um-fuerth.de/fraenkisch-bayerische-schimpfwoerter—-dialekt-von-a—z.html

Kontrastive Fokusreduplikation

Bei der kontrastiven Fokusreduplikation handelt es sich um ein Reduplikationsphänomen, bei dem, einfach gesprochen, ein Wort verdoppelt wird. Eine der beiden Kopien, im Deutschen oder im Englischen die erste der beiden, wird fokussiert. Semantisch gesehen wird die Konstruktion meist benutzt, um eine prototypische Bedeutung zu erzeugen, wobei diese prototypische Bedeutung auch kontextabhänig sein kann. Ein Beispiel findet sich in (1).

  1. Ich will KAFFEE-Kaffee und nicht diese Instantbrühe!

Im Deutschen sind es vor allem Substantive, die redupliziert werden, Beispiele mit Adjektiven, Adverben und Verben lassen sich jedoch auch finden. Ein Beispiel für ein Adjektiv findet sich in (2).

  1. Ich fahre ein gelbes Auto, also ein GELBES-gelbes Auto, das siehst du sofort.

Auffällig ist, dass wir im Bereich der Adjektive meist keinen prototypischen Bedeutungsbeitrag beobachten können, sondern eher eine Intensivierung.

Die resultierende Struktur wird manchmal auch als „identical constituent compound“ bezeichnet (siehe z.B. Finkbeiner 2014). Wie der Name andeutet wird hier angenommen, dass es sich um einen Wortbildungsprozess, genauer um Komposition handelt. Eine alternative Analyse geht davon aus, dass die Struktur durch Kopfbewegung entsteht (Ghomeshi et al. 2004). Ein Blick ins Englische zeigt jedoch, dass auch größere Einheiten redupliziert werden können, was dieser Annahme widerspricht (ein Beispiel aus Ghomeshi et al. ist beispielsweise Do you LIKE-HIM-like-him?). In einem gerade erschienenen Paper (Bross & Fraser 2020) argumentieren wir allerdings auch gegen eine Analyse als Komposition.

Eine Komposita-Analyse sagt vorher, dass sich Strukturen wie in (1) wie Substantive verhalten sollten. Und teilweise stimmt das auch. Ein Koordinationstest etwa zeigt, dass es sich um eine DP handelt:

  1. Du machst [DP den Basmatireis] und ich [DP den REIS-Reis].

Auffällig ist allerdings, dass die kontrastive Fokusreduplikation keine weitere Modifikation, z.B. durch ein Adjektiv, zulässt:

  1. *Ich will schwarzen KAFFEE-Kaffee.

Erklären ließe sich dieser Befund durch die Annahme, dass sich die betonte Kopie von Kaffee in einer Position befindet, in der sich normalerweise Adjektive befinden. Man könnte also beispielweise annehmen, dass sich die komplette NP Kaffee in diese Position bewegt, wobei die ursprüngliche Kopie nicht gelöscht wird.

Literatur

Bross, Fabian, & Fraser, Katherine (2020). Contrastive focus reduplication and the modification puzzle. Glossa: A Journal of General Linguistics, 5(1), 47.

Ghomeshi, Jila, Ray Jackendoff, Nicole Rosen & Kevin Russell. 2004. Contrastive focus reduplication in English (the salad-salad paper). Natural Language & Linguistic Theory 22. 307–357.

Finkbeiner, Rita. 2014. Identical constituent compounds in German. Word Structure 7(2).

Where can I submit a squib (and what is a squib)?

Recently someone asked which linguistic journals publish squibs. I really liked this question as I really like squibs so I decided to start a collection. But first: What is a squib?

A squib is a short article describing a unexpected property of language, a phenomenon that defies analysis, or some problem that cannot be solved in current frameworks. Crucially, there is no need to present an analysis or solution to the problem. The term dates back (or was at least popularized), as so many terms in linguistics, by John R. “Haj” Ross.

In the following I list (in random order) peer-reviewed journals which do publish squibs or squib-like articles and their definition of a squib. Feel free to comment if you know another journal accepting squibs.

  • Linguistic Inquiry (famous for their squibs): The editors request that Squibs and Discussion manuscripts be limited to 12 pages (guidelines as above). Manuscripts accepted as Squibs will not be required to propose a solution to problems they address as long as their relevance to theoretical issues is made clear.
  • Semantics and Pragmatics (journal affiliated with the Linguistic Society of America; open access): Squibs have a target length of 2–8 journal pages (including references, appendices, and footnotes), and should be no more than 10 journal pages (less than 4,000 words of main text). As in the tradition established by Linguistic Inquiry, “manuscripts accepted as Squibs will not be required to propose a solution to problems they address as long as their relevance to theoretical issues is made clear” (http://www.mitpressjournals.org/page/sub/ling).
  • Glossa (open access): Squibs are short notes (5,000 words max.) that make a scintillating point by calling attention to a theoretically unexpected observation about language without the need for a developed analysis or solution.
  • Syntax (called Remarks): Remarks are short articles that facilitate a fast review process. Remarks can, for example, point out theoretically challenging observations without necessarily developing a solution, provide additional support for an established point, or react critically to a specific paper or a particular line of analysis. They are restricted to 30 double-spaced manuscript pages.
  • Snippets (an open access journal only devoted to squib-like articles): We will publish notes that contribute to the study of syntax and semantics in generative grammar. The notes are to be brief, self-contained and explicit.
  • Natural Language & Linguistic Theory (does not accept squibs in the narrow sense, but): short articles, with a maximum length of 15 single-spaced manuscript pages.
  • Journal of Linguistics: A NOTES AND DISCUSSION contribution is appropriate in particular for comments on articles published earlier in JL and for squibs.
  • Sign Language & Linguistics: The submission guidlines do not explicitly mention squibs, but they do publish them.
  • Canadian Journal of Linguistics: Squib manuscripts should be no more than 12 double-spaced A4 or US letter pages long. Squibs are short commentaries that bring attention to a new data set or explore a specific theoretical or methodological point.
  • Linguistic Typology: Squibs (very short and often humorous pieces on a very specific topic intended to encourage debate).
  • Computational Linguistics (open access): This category is reserved for very short articles that constitute more than programmatic versions of regular papers. Squibs should possess at least one of the following attributes: a) unexpectedness, as for example a demonstration that a commonly accepted idea or method is flawed; b) genuine novelty, as for example thus-far unnoticed language data that challenges current methods; and c) being targeted to a large segment of our readership. Papers about language resources may be acceptable provided the relevant resources are truly novel and of general interest.

Die Identitäre Bewegung und ihre (sprachliche) Konstruktion von Identität

Seit längerem beobachte ich, dass sich die Aufkleber der Identitären Bewegung in München mehren. Genauer sind es Aufkleber der Identitären Bewegung Bayern, gehalten in einheitlichem gelb-schwarzem Design, die zwar nicht in der ganzen Stadt zu finden sind, aber einem doch an dem ein oder anderen Stadtmöbel auffallen. Die Sticker mögen nett anzuschauen sein, ihre Slogans lassen sie allerdings ganz klar sehr weit rechts im politischen Spektrum verorten. Daher sieht auch das Bundesamt für Verfassungsschutz seit 2016 genauer hin (Quelle für beide Zitate hier), da man laut Verfassungsschutzchef Maaßen „Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ sehe:

Die „Identitäre Bewegung“ ist eine Gruppierung mit französischen Wurzeln, die seit 2012 auch in Deutschland aktiv ist. Sie wendet sich gegen „Multikulti-Wahn“, „unkontrollierte Massenzuwanderung“ und den „Verlust der eigenen Identität durch Überfremdung“. Verfassungsschützer in neun Bundesländern – Bremen, Bayern, Hessen, Berlin, Baden-Württemberg, NRW, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen – beobachten die „Identitären“ bereits. […]

„Gruppen wie die ‚Identitäre Bewegung‘ versuchen, ihre Zielgruppe da abzuholen, wo sie steht“, sagte der Verfassungsschutzchef. „Generell versuchen Extremisten, sie mit jugendgerechter Sprache anzusprechen, oftmals mit poppiger Musik.“ Das täten Islamisten ebenso wie Rechtsextremisten. „Das ist keine betuliche Werbung für die eigene Sache. Die Propaganda soll die Leute emotional ansprechen. Junge Leute sind da in besonderer Weise anfällig. Das ist gefährlich.“

Auch in Bayern steht die Identitäre Bewegung unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, da diese „die Bedeutung von Abstammung und Identität in einer Art und Weise betont, die eine starke Nähe zum biologistischen Denken und der völkischen Ideologie von Rechtsextremen erkennen lässt.“

Genau das ist auch die Botschaft der Identitären Bewegung Bayern auf Youtube: Heimat ist toll, alles Fremde ist schlecht. Im Youtube-Video sind Lederhosen zu sehen und saftige bayerische Wiesen und Felder, starke, kämpfende junge Männer und eben Slogans wie „Heimatliebe ist kein Verbrechen“ oder „Heimat, Freiheit, Tradition“ – ein Spruch, der sich auch auf den oben abgebildeten Stickern wiederfindet. Die Aufkleber zeigen deutlich, in Bayern geht es den Identitären um die Konstruktion einer Tradition in Dirndl und Lederhosn und natürlich auch darum, sich sprachlich mit der Heimat zu identifizieren (oder abzugrenzen), also darum, Dialekt zu sprechen.

„Minga“ heißt es auf dem Sticker rechts unten im Bild, sei identitär. Der Aufkleber ist mein absolutes Lieblingsexemplar in meiner Sammlung rechter Straßenpropaganda, denn er offenbart, welche Art von Identität da bei der Identitären Bewegung Bayern konstruiert wird: „Minga“, das ist der Dialektbegriff für München – nur eben ein Wort, das im Münchnerischen gar nicht vorkommt (und das es vermutlich auch so nie gab). München heißt in der lokalen Mundart eben München. Das Bairische kennt zwar den Ausdruck „Minga“, es handelt sich aber eben nicht um das Bairische, das in München gesprochen wird. Die schrille Münchener Künstlerin Petra Perle beschreibt schreibt dazu in einer Kolumne in der Abendzeitung in aufgeregten Worten:

Ich schwöre bei allen acht Uhren des Oiden Peter: Dieses Unwort bringt kein echter Münchner über seine Lippen. Das sagen nur die aus dem Umland, welche von draußen reinkommen oder schon da sind.

So zeigt sich denn wohl auch, wer hinter dem Aufkleber steckt bzw. wer nicht dahinter steckt: Es war offenbar kein Münchner/keine Münchnerin. Dieser Versuch, sich eine Identität über den Dialekt zu schaffen und sich nach außen hin von allem Fremden abzugrenzen, ist deutlich schiefgegangen.

Tipps zum wissenschaftlichen Schreiben

In letzter Zeit posten immer mehr Facebook-Gruppen, die viele Studierende erreichen wollen, folgende Liste in verschiedenen Variationen:

  1. Vermeide Alliterationen. Auf jeden Fall!
  2. Meide Phraseologismen wie die Pest!
  3. Vermeide das kaufmännische Und & Abkürzungen, etc.
  4. Parenthesen – egal wie relevant sie scheinen mögen – sind überflüssig.
  5. Das Setzen von Apostrophen is‘ nicht notwendig!
  6. Man soll niemals generalisieren.
  7. Vermeide Zitate. Wie Ralph Waldo Emerson gesagt hat: „I hate quotations. Tell me what you know.“
  8. Vergleiche sind genauso schlecht wie Klischees.
  9. Sei nicht redundant, vermeide Überflüssige.
  10. Umgangssprache ist laim.
  11. Sei mehr oder weniger spezifisch!
  12. Untertreibungen sind immer das beste!
  13. Übertreibung ist eine Millionen mal schlechter als Untertreibung.
  14. Einwortsätze? Streichen!
  15. Das Passiv soll nicht benutzt werden.
  16. Wer braucht schon rhetorische Fragen?
  17. Versuche immer zu beenden, was …

Mal ganz abgesehen davon, dass Stil etwas höchst subjektives ist: Das Interessante dabei ist, dass alle diese Facebook-Seiten Studierenden beim wissenschaftlichen Arbeiten helfen wollen, sich aber keiner, wirklich keiner die Mühe macht, die Quelle dieser Hinweise herauszusuchen (eine einfache Google-Suche hätte ja gereicht). Das mag pedantisch sein, aber irgendwie nervt mich das. Die ursprüngliche Liste wurde 1986 unter dem Titel How to Write Good in der Juniausgabe des Reader’s Digest veröffentlicht und stammt von Frank L. Visco  (der Artikel erschien anonym, erst später wurde bekannt, dass er die Liste erstellt hatte).

Wie Lingua zu Glossa wird

Das Editoren-Team des Linguistik-Journals Lingua ist geschlossen zurückgetreten, weil man sich mit dem Verlag nicht auf eine Open-Access-Lösung einigen konnte. Das Journal war bisher im Verlag Elsevier erschienen und die wollten natürlich Geld verdienen. Nachfolgen wird der Zeitschrift ein Projekt namens Glossa, das als Open-Acces-Modell geplant ist. Das neue Journal wird also kostenlos im Netz auffindbar sein, trotzdem auch im Druck erscheinen. Außerdem sollen Autorinnen und Autoren keine Publikationsgebühren bezahlen. Klingt also wirklich traumhaft.

Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der Tatsache, dass Samstag ist, schreibe ich keinen großen Text mehr dazu und verweise nur auf folgende Artikel:

Netzpolitik.org über das Verhalten des Verlags

Artikel auf independent.co.uk

Artikel auf e-book-news.de

Artikel auf chronicle.com

Facebookseite der neuen Zeitschrift (hier gibt es auch aktuelle Infos)

 

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen e.V.

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Am Freitag tagte die Gesellschaft für bedrohte Sprachen bei uns in Stuttgart, was mich auf die Idee gebracht hat, diese hier einmal vorzustellen:

Bedrohte Sprachen

Genauso wie Pflanzen und Tiere sind auch im Zuge der weiter zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung der Welt auch viele Kulturen und Sprachen vom Aussterben bedroht. Bis zu 90% der knapp 7000 derzeit noch gesprochenen Sprachen könnten innerhalb des 21. Jahrhunderts verschwinden. Die Gründe für dieses dramatische Verschwinden von Sprachen liegen in der Verfolgung oder Unterdrückung von Minderheiten in vielen Gegenden der Welt sowie der rasant fortschreitenden Angleichung der Lebensverhältnisse auf der ganzen Welt. Fast überall, wo Menschen traditionell mehrsprachig waren, wird zunehmend nur noch die eine National- und Regionalsprache verwendet.

Sprachen sind nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch ganz wesentlich für das Gemeinschaftsleben (Stichtwort Identität). Sie sind das wichtigste Medium für die soziale und kulturelle Überlieferung einer Sprachgemeinschaft. Deshalb geht Sprachverlust oft auch mit Kulturverlust und sozialer Marginalisierung einher.

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen (GBS) hat sich zum Ziel gesetzt, den Gebrauch, den Erhalt und die Dokumentation bedrohter Sprachen und Dialekte zu fördern. Weitere Info unter http://www.uni-koeln.de/gbs/. Dort gibt es auch eine ausführliche Informationsbroschüre zum Thema (http://www.uni-koeln.de/gbs/Broschure.pdf). Die GBS lebt natürlich von ihren Mitglieder und Mitglied werden kann man hier.

Und wer noch mehr über sterbende Sprachen wissen will und warum sie für die Linguistik von unschätzbarem Wert sind, dem empfehle ich Nicholas Evans Buch Dying Words.

Reduplikation im Deutschen?

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Im Linguisten-Forum habe ich gerade einen schönen Beitrag über die Wörter wortwörtlich und tagtäglich, ihren Wortbildungstyp und ihre Bedeutung gelesen. Kein Wunder, es handelt sich wirklich um zwei wunderbare und sehr interessante Wörter, die zu einem seltenen und heute im Deutschen nicht mehr produktiven Wortbildungstyp zu gehören scheinen, der aber in den Sprachen der Welt insgesamt gar nicht so selten ist: der Reduplikation. Wir kennen hiervon nur noch einige Überbleibsel, wie z.B. Kuddelmuddel (das fällt hier ein bisschen raus, es erinnert schon fast an einen anderen Wortbildungstyp, der Reduplikationen mit bildet, wie er in verschiedenen Sprachen, wie dem Jiddischen, amerikanisch-englischen Slangs, dem Mongolischen oder teilweise auch im Kiezdeutschen vorkommt; man spricht von Echowörtern) oder Singsang (ersteres von ndd. koddeln, nhd.  ‚waschen‘). Auffällig an diesem Wortbildungstyp ist

  1. Wir können die Wörter, zumindest, solange wir sie etymologisch zurückverfolgen können, in Bedeutungsbestandteile zerlegen. Popo oder Wauwau gehört also ebenso nicht zu dieser Klasse, wie auch Entlehnungen wie Hokuspokus oder Picknick (sie sind erst mal Entlehnungen)
  2. Es handelt sich nicht um eine vollständige Reduplikation, sondern eher um eine Reim- oder Ablautbildung

Sobald wir wissen, dass es sich um eine Reduplikation handelt, wissen wir eigentlich auch schon, was die Wörter bedeuten. Reduplikationen dienen eigentlich immer dem gleichen Zweck. Sie kommen entweder zur Pluralmarkierung oder zur Intensivierung zum Einsatz, sind also recht ikonisch. So heißt Yama auf japanisch ‚Berg‘, Yamayama ‚Gebirge‘ oder lamaz auf georgisch ‚hübsch‘, lamazlamaz ‚sehr hübsch‘. Solche Intensivierungen können auch aspektuelle Eigenschaften betreffen. Wenn ich tagtäglich zur Arbeit gehe, dann schein sich das auf eine ständige Wiederholung zu beziehen, von der es keine Ausnahmen gibt. Und wenn jemand wortwörtlich etwas sagt, hat er es ganz genau so gesagt und nicht anders.

Wir müssen übrigens gar nicht weit fahren, um eine Sprache zu finden, in der die Reduplikation noch produktiv verwendet wird. Im Prinzip müssen wir gar nicht fahren, denn es handelt sich um die Deutsche Gebärdensprache.

Flüchtlingen beim Deutsch-Lernen helfen: Linguistik hilft!

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Viele meiner Freunde und Bekannten haben in den letzten Wochen gesagt, dass sie sich gerne in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen. Darunter waren auch einige, die gerne Deutsch-Kurse anbieten wollten (über die herausragende Bedeutung des Deutsch-Lernens für die Integration muss ich hier sicherlich keine großen Worte verlieren). Laien, die Deutsch unterrichten, stehen jedoch vor dem Problem, dass sie zwar Deutsch können, jedoch häufig nur wenig bis gar keine Erfahrung mitbringen. Im Netz gibt es schon vereinzelt Materialien, die hier Abhilfe schaffen wollen (siehe die Links unten). Da ich selbst nicht die Zeit habe, einen Kurs anzubieten, habe ich mir überlegt, was ich tun kann und kam auf die Idee, selbst solche Materialen im Netz anzubieten.Was könnte einem linguistisch nicht geschulten Deutsch-Lehrer/-in mehr helfen, als etwas sprachwissenschaftliches Hintergrundwissen zu haben? Ich arbeite zwar nicht im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF), interessiere mich jedoch sehr für das deutsche Schriftsystem und den Schriftspracherwerb. Also habe ich beschlossen, eine kurze (vierteilige) Videoreihe zu produzieren, die Menschen helfen soll, die anderen Menschen helfen wollen, Lesen und Schreiben zu lernen. Sicherlich ist das alles nicht vollständig und ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das alles wirklich so verständlich erkläre, wie es sein sollte. Der eigentliche Sinn der Videos ist aber auch ein anderer. Es ist zwar sicherlich nicht möglich, aus Laien im Sauseschritt, DaF-Lehrer/-innen zu machen. Aber ein Bewusstsein für den Aufbau des Deutschen hilft sicher enorm.

Der eigentlich Sinn der Videos ist aber folgender: Ich möchte Linguistinnen und Linguisten sowie Experten aus dem Bereich DaF dazu animieren, ebenfalls Lernmaterialien online bereit zu stellen. Egal ob Videos, Texte, Übungen, etc. Dazu darf man natürlich auch gerne, das oben gezeigte Linguistik-hilft!-Logo zu benutzen (schreibt mir einfach eine kurze Mail). Natürlich, und das gebe ich gerne zu, ist eine solche Aktion auch von einem gewissen Eigennutz geprägt, denn sie zeigt auf, dass die Sprachwissenschaft nicht im Elfenbeinturm sitzt, sondern auch eine konkrete Anwendung finden kann. So kann man dem Vorurteil entgegenwirken, Linguistik sei unnütz.

Das erste der vier Videos beschäftigt sich mit der Lautstruktur des Deutschen, das zweite mit der Silbe (allerdings wird das zweite Video deutlich kürzer, da ich das meiste, was ich zu Silbe sagen wollte, im ersten Video schon verraten habe). Das dritte mit den Schreibprinzipien und das vierte mit der größten Fehlerquelle im Bereich der deutschen Rechtschreibung, nämlich mit der Groß- und Kleinschreibung. Ich hoffe, es wird nicht zu lange dauern, die nächsten Videos hochzuladen. Hier das erste Video (das wiederum aus mehreren Teilen besteht):

 

Links:

Blogger-fuer-Flüchtlinge