Tipps zum wissenschaftlichen Schreiben

In letzter Zeit posten immer mehr Facebook-Gruppen, die viele Studierende erreichen wollen, folgende Liste in verschiedenen Variationen:

  1. Vermeide Alliterationen. Auf jeden Fall!
  2. Meide Phraseologismen wie die Pest!
  3. Vermeide das kaufmännische Und & Abkürzungen, etc.
  4. Parenthesen – egal wie relevant sie scheinen mögen – sind überflüssig.
  5. Das Setzen von Apostrophen is‘ nicht notwendig!
  6. Man soll niemals generalisieren.
  7. Vermeide Zitate. Wie Ralph Waldo Emerson gesagt hat: „I hate quotations. Tell me what you know.“
  8. Vergleiche sind genauso schlecht wie Klischees.
  9. Sei nicht redundant, vermeide Überflüssige.
  10. Umgangssprache ist laim.
  11. Sei mehr oder weniger spezifisch!
  12. Untertreibungen sind immer das beste!
  13. Übertreibung ist eine Millionen mal schlechter als Untertreibung.
  14. Einwortsätze? Streichen!
  15. Das Passiv soll nicht benutzt werden.
  16. Wer braucht schon rhetorische Fragen?
  17. Versuche immer zu beenden, was …

Mal ganz abgesehen davon, dass Stil etwas höchst subjektives ist: Das Interessante dabei ist, dass alle diese Facebook-Seiten Studierenden beim wissenschaftlichen Arbeiten helfen wollen, sich aber keiner, wirklich keiner die Mühe macht, die Quelle dieser Hinweise herauszusuchen (eine einfache Google-Suche hätte ja gereicht). Das mag pedantisch sein, aber irgendwie nervt mich das. Die ursprüngliche Liste wurde 1986 unter dem Titel How to Write Good in der Juniausgabe des Reader’s Digest veröffentlicht und stammt von Frank L. Visco  (der Artikel erschien anonym, erst später wurde bekannt, dass er die Liste erstellt hatte).

Wie Lingua zu Glossa wird

Das Editoren-Team des Linguistik-Journals Lingua ist geschlossen zurückgetreten, weil man sich mit dem Verlag nicht auf eine Open-Access-Lösung einigen konnte. Das Journal war bisher im Verlag Elsevier erschienen und die wollten natürlich Geld verdienen. Nachfolgen wird der Zeitschrift ein Projekt namens Glossa, das als Open-Acces-Modell geplant ist. Das neue Journal wird also kostenlos im Netz auffindbar sein, trotzdem auch im Druck erscheinen. Außerdem sollen Autorinnen und Autoren keine Publikationsgebühren bezahlen. Klingt also wirklich traumhaft.

Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der Tatsache, dass Samstag ist, schreibe ich keinen großen Text mehr dazu und verweise nur auf folgende Artikel:

Netzpolitik.org über das Verhalten des Verlags

Artikel auf independent.co.uk

Artikel auf e-book-news.de

Artikel auf chronicle.com

Facebookseite der neuen Zeitschrift (hier gibt es auch aktuelle Infos)

 

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen e.V.

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Am Freitag tagte die Gesellschaft für bedrohte Sprachen bei uns in Stuttgart, was mich auf die Idee gebracht hat, diese hier einmal vorzustellen:

Bedrohte Sprachen

Genauso wie Pflanzen und Tiere sind auch im Zuge der weiter zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung der Welt auch viele Kulturen und Sprachen vom Aussterben bedroht. Bis zu 90% der knapp 7000 derzeit noch gesprochenen Sprachen könnten innerhalb des 21. Jahrhunderts verschwinden. Die Gründe für dieses dramatische Verschwinden von Sprachen liegen in der Verfolgung oder Unterdrückung von Minderheiten in vielen Gegenden der Welt sowie der rasant fortschreitenden Angleichung der Lebensverhältnisse auf der ganzen Welt. Fast überall, wo Menschen traditionell mehrsprachig waren, wird zunehmend nur noch die eine National- und Regionalsprache verwendet.

Sprachen sind nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch ganz wesentlich für das Gemeinschaftsleben (Stichtwort Identität). Sie sind das wichtigste Medium für die soziale und kulturelle Überlieferung einer Sprachgemeinschaft. Deshalb geht Sprachverlust oft auch mit Kulturverlust und sozialer Marginalisierung einher.

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen (GBS) hat sich zum Ziel gesetzt, den Gebrauch, den Erhalt und die Dokumentation bedrohter Sprachen und Dialekte zu fördern. Weitere Info unter http://www.uni-koeln.de/gbs/. Dort gibt es auch eine ausführliche Informationsbroschüre zum Thema (http://www.uni-koeln.de/gbs/Broschure.pdf). Die GBS lebt natürlich von ihren Mitglieder und Mitglied werden kann man hier.

Und wer noch mehr über sterbende Sprachen wissen will und warum sie für die Linguistik von unschätzbarem Wert sind, dem empfehle ich Nicholas Evans Buch Dying Words.

Reduplikation im Deutschen?

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Tagtäglich stehe ich in aller Hergottsfrühe auf und gehe zur Arbeit.

Im Linguisten-Forum habe ich gerade einen schönen Beitrag über die Wörter wortwörtlich und tagtäglich, ihren Wortbildungstyp und ihre Bedeutung gelesen. Kein Wunder, es handelt sich wirklich um zwei wunderbare und sehr interessante Wörter, die zu einem seltenen und heute im Deutschen nicht mehr produktiven Wortbildungstyp zu gehören scheinen, der aber in den Sprachen der Welt insgesamt gar nicht so selten ist: der Reduplikation. Wir kennen hiervon nur noch einige Überbleibsel, wie z.B. Kuddelmuddel (das fällt hier ein bisschen raus, es erinnert schon fast an einen anderen Wortbildungstyp, der Reduplikationen mit bildet, wie er in verschiedenen Sprachen, wie dem Jiddischen, amerikanisch-englischen Slangs, dem Mongolischen oder teilweise auch im Kiezdeutschen vorkommt; man spricht von Echowörtern) oder Singsang (ersteres von ndd. koddeln, nhd.  ‚waschen‘). Auffällig an diesem Wortbildungstyp ist

  1. Wir können die Wörter, zumindest, solange wir sie etymologisch zurückverfolgen können, in Bedeutungsbestandteile zerlegen. Popo oder Wauwau gehört also ebenso nicht zu dieser Klasse, wie auch Entlehnungen wie Hokuspokus oder Picknick (sie sind erst mal Entlehnungen)
  2. Es handelt sich nicht um eine vollständige Reduplikation, sondern eher um eine Reim- oder Ablautbildung

Sobald wir wissen, dass es sich um eine Reduplikation handelt, wissen wir eigentlich auch schon, was die Wörter bedeuten. Reduplikationen dienen eigentlich immer dem gleichen Zweck. Sie kommen entweder zur Pluralmarkierung oder zur Intensivierung zum Einsatz, sind also recht ikonisch. So heißt Yama auf japanisch ‚Berg‘, Yamayama ‚Gebirge‘ oder lamaz auf georgisch ‚hübsch‘, lamazlamaz ‚sehr hübsch‘. Solche Intensivierungen können auch aspektuelle Eigenschaften betreffen. Wenn ich tagtäglich zur Arbeit gehe, dann schein sich das auf eine ständige Wiederholung zu beziehen, von der es keine Ausnahmen gibt. Und wenn jemand wortwörtlich etwas sagt, hat er es ganz genau so gesagt und nicht anders.

Wir müssen übrigens gar nicht weit fahren, um eine Sprache zu finden, in der die Reduplikation noch produktiv verwendet wird. Im Prinzip müssen wir gar nicht fahren, denn es handelt sich um die Deutsche Gebärdensprache.

Flüchtlingen beim Deutsch-Lernen helfen: Linguistik hilft!

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Viele meiner Freunde und Bekannten haben in den letzten Wochen gesagt, dass sie sich gerne in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen. Darunter waren auch einige, die gerne Deutsch-Kurse anbieten wollten (über die herausragende Bedeutung des Deutsch-Lernens für die Integration muss ich hier sicherlich keine großen Worte verlieren). Laien, die Deutsch unterrichten, stehen jedoch vor dem Problem, dass sie zwar Deutsch können, jedoch häufig nur wenig bis gar keine Erfahrung mitbringen. Im Netz gibt es schon vereinzelt Materialien, die hier Abhilfe schaffen wollen (siehe die Links unten). Da ich selbst nicht die Zeit habe, einen Kurs anzubieten, habe ich mir überlegt, was ich tun kann und kam auf die Idee, selbst solche Materialen im Netz anzubieten.Was könnte einem linguistisch nicht geschulten Deutsch-Lehrer/-in mehr helfen, als etwas sprachwissenschaftliches Hintergrundwissen zu haben? Ich arbeite zwar nicht im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF), interessiere mich jedoch sehr für das deutsche Schriftsystem und den Schriftspracherwerb. Also habe ich beschlossen, eine kurze (vierteilige) Videoreihe zu produzieren, die Menschen helfen soll, die anderen Menschen helfen wollen, Lesen und Schreiben zu lernen. Sicherlich ist das alles nicht vollständig und ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob ich das alles wirklich so verständlich erkläre, wie es sein sollte. Der eigentliche Sinn der Videos ist aber auch ein anderer. Es ist zwar sicherlich nicht möglich, aus Laien im Sauseschritt, DaF-Lehrer/-innen zu machen. Aber ein Bewusstsein für den Aufbau des Deutschen hilft sicher enorm.

Der eigentlich Sinn der Videos ist aber folgender: Ich möchte Linguistinnen und Linguisten sowie Experten aus dem Bereich DaF dazu animieren, ebenfalls Lernmaterialien online bereit zu stellen. Egal ob Videos, Texte, Übungen, etc. Dazu darf man natürlich auch gerne, das oben gezeigte Linguistik-hilft!-Logo zu benutzen (schreibt mir einfach eine kurze Mail). Natürlich, und das gebe ich gerne zu, ist eine solche Aktion auch von einem gewissen Eigennutz geprägt, denn sie zeigt auf, dass die Sprachwissenschaft nicht im Elfenbeinturm sitzt, sondern auch eine konkrete Anwendung finden kann. So kann man dem Vorurteil entgegenwirken, Linguistik sei unnütz.

Das erste der vier Videos beschäftigt sich mit der Lautstruktur des Deutschen, das zweite mit der Silbe (allerdings wird das zweite Video deutlich kürzer, da ich das meiste, was ich zu Silbe sagen wollte, im ersten Video schon verraten habe). Das dritte mit den Schreibprinzipien und das vierte mit der größten Fehlerquelle im Bereich der deutschen Rechtschreibung, nämlich mit der Groß- und Kleinschreibung. Ich hoffe, es wird nicht zu lange dauern, die nächsten Videos hochzuladen. Hier das erste Video (das wiederum aus mehreren Teilen besteht):

 

Links:

Blogger-fuer-Flüchtlinge

Experimente und Statistik in der Psychologie und Linguistik

Es sind aufregende Zeiten. Wirklich! Gerade musste das Reproducibility Project der University of Virginia feststellen, dass sie über 60 Prozent von 100 psychologischen Experimenten aus drei hochrangigen Journals nicht replizieren konnten (siehe auch den Artikel in Science dazu). Was bedeutet das für die experimentelle Forschung, die ja auch in der Linguistik keine unerhebliche Rolle mehr spielt?

Exkurs: Replizierbarkeit versus Reproduzierbarkeit

Als Replikation bezeichnet man die Wiederholung eines Experiments unter gleichen Voraussetzungen und denselben Stimuli und (hoffentliche) den gleichen Ergebnissen. Daher ist eine lückenlose Dokumentation bei Experimenten äußerst wichtig. Eine Reproduktion dagegen ist eine annähernde Wiederholung eines Experiments, die dasselbe Phänomen untersuchen will. Dafür werden vergleichbare Daten durch vergleichbare Verfahrensweisen gewonnen:  „Reproduzierbarkeit von Ergebnissen weist darauf hin, dass das Phänomen, das man untersucht, existiert“ (Felix Golcher & Anke Lüdeling).

 

Bei der lückenlosen Dokumentation von Experimenten hapert es leider sehr häufig, sodass es oft wirklich schwierig ist, ein Experiment wirklich zu replizieren. Oder erinnert sich jemand daran, mal in einem Paper wirkliche alle Stimuli abgedruckt gesehen zu haben? Natürlich gibt es hier mittlerweile auch Datenbanken, die versuchen das nachzuholen und in den Naturwissenschaften gibt es sogar Videojournals, die Videos von Experimenten bereithalten. Aber selbst, wenn wir eine vollständige Dokumentation hätten, wäre es oft wohl schwer möglich, ein Experiment exakt zu replizieren. Irgendetwas wird immer anders sein. Daher führt auch die Psychologieprofessorin Lisa Feldman Barrett in einem Artikel in der New York Times aus, dass es ganz logisch sei, dass sich Experimente (egal ob psychologisch oder naturwissenschaftlich) nicht immer replizieren lassen, weil zu viele Kontextfaktoren eine Rolle spielten. Vielmehr glaubt sie, dass das zum Wesen der Wissenschaft gehöre. Eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler, der oder dem es nicht gelingt, ein Experiment zu wiederholen, sollten sich daher fragen, warum dies nicht der Fall ist, anstatt nur festzustellen, dass dies so ist. Und sie hat natürlich nicht unrecht, wenn sie schreibt:

Science is not a body of facts that emerge, like an orderly string of light bulbs, to illuminate a linear path to universal truth. Rather, science (to paraphrase Henry Gee, an editor at Nature) is a method to quantify doubt about a hypothesis, and to find the contexts in which a phenomenon is likely. Failure to replicate is not a bug; it is a feature. It is what leads us along the path — the wonderfully twisty path — of scientific discovery.

Allerdings muss man sich dennoch die Frage gefallen lassen, ob die experimentelle Forschung in der Psychologie und verwandten Fächern in einer Krise steckt – auch wenn Feldman das abstreitet. Die Diskussion um p-hacking, also einer Vorgehensweise, bei der alles getan wird, um ein statistisch signifikantes Ergebnis zu erhalten, ist nicht neu. Auch nicht neu, wenn auch nicht so bekannt wie p-hacking  ist das sogenannte HARKing (Hypothesizing After the Results are Known), bei dem zu den nicht zur Hypothese passenden Resultate einfach eine neue Hypothese erfunden wird (eine Praxis, die es dringend einzudämmen gilt!). Rolf Zwaan hat diese Entwicklungen auf seinem Blog letztes Jahr in einer Geschichte über eine Stadt namen Psytown auf den Punkt gebracht:

Something needs to change in Psytown. The people need to know what’s right and what’s wrong. Maybe they need to get together to devise a system of rules. Or maybe a new sheriff needs to ride into town and lay down the law.

Neue Standards sollten also her, Wissenschaftler aufhören, Signifikanzen hinterherzulaufen. Wobei eigentlich das Problem ist, dass ein Experiment ohne signifikante Ergebnisse einfach kaum zu publizieren ist und Wissenschaftler/-innen nun mal immer an ihre Karriere und den nächsten Vertrag denken müssen. Also brauchen sie signifikante Ergebnisse, Standards hin oder her. Wir brauchen schlicht ein Umdenken, was genau Wissenschaft ausmacht und mehr Projekte, wie das Journal of Unsolved Questions, das (peer-reviewed) Nullergebnisse publiziert.

Gleichzeit geriet jedoch dennoch der klassische Nullhypothesentest (NHST) in Verruf. Und das geschah aus dem gleichen Grund, wie der, der zu Beginn dieses Artikels angeführt wurde: Nämlich aus der Feststellung heraus, dass die Ergebnisse vieler wissenschaftlicher Studien nicht replizierbar sind. Ursprünglich ging es jedoch nicht um die Psychologie, sondern um die Medizin. Dennoch kamen diese Ergebnisse schnell in der Psychologie an und führten zur Forderung: Do not trust any p value! Dieser Satz ist nur einer von 25 Vorschlägen von Geoff Cumming, der dazu auffordert, das p-hacking endlich sein zu lassen und stattdessen auf seine New Statistics zu vertrauen.

Exkurs: Die Auswirkungen der Kritik am NHST
Die beiden Journals Psychological Science und das Journal of Research in Personality haben beide schnell auf solche Kritik reagiert, die New Statistics verpflichtend eingeführt und den klassischen p-Wert in die Verbannung geschickt. Das ist insofern interessant, weil Psychological Science das einflussreichste Journal der Psychologie überhaupt ist. Kürzlich zog dann auch das Basic and Applied Social Psychology nach und ging dabei sogar noch einen Schritt weiter: klassisches NHST wird nicht mehr akzeptiert, genauso wenig Konfidenzintervalle, Bayesianische Statistik wird zwar akzeptiert, ist jedoch auch nicht unbedingt willkommen.

 

Dazu sei gleich angemerkt, dass die New Statistics natürlich keine neue Statistik ist, sondern nur die Aufforderung, schon lange bekannte Methoden, endlich zum Standard zu erheben. Neben der Verwendung von Konfidenzintervallen und der Verbannung von NHST geht es Cumming aber auch darum, möglichst viele Replikationen durchzuführen. Und das wäre wirklich grandios! Vor allem für die Linguistik! Immer wieder fällt mir auf, dass bei vielen Ergebnissen der Sprachwissenschaft, die durch Experimente gewonnen oder durch solche belegt wurden, immer und immer wieder nur eine einzige Quelle angegeben wird (am besten eine aus den 1960er oder 1970er Jahren mit drei Probanden – um es mal überspitzt zu sagen). Wir brauchen dringend eine Kultur der Replikation und Reproduktion (das klingt jetzt nicht so, wie es gemeint ist). Aber das wird natürlich nicht einfach werden, denn das Ansehen von Replikationsstudien ist extrem gering, für das Erklimmen der wissenschaftlichen Karriereleiter sind sie nicht gerade die beste Wahl. Um es einmal vorsichtig zu sagen. Und zitiert werden sie garantiert auch nicht so häufig. Und die Anzahl der Zitate ist nun mal eine harte Währung.

Was wir aber mindestens ebenso dringend brauchen, ist eine Verankerung von statistischen Seminaren extrem früh in unseren Studienplänen. Ich schließe mich da nicht aus, wenn ich sage, dass es vielen Linguistinnen und Linguisten an statistischem Wissen mangelt. Das Wissen, das vermittelt werden muss, besteht nicht nur aus dem klassischen NHST, sondern wir brauchen weitaus mehr. Wir brauchen auch mehr als New Statistics, denn auch die steht massiv in der Kritik (ich empfehle folgende Links: hier, hier und hier noch eine Verteidigung der klassischen Methode). Wir brauchen auch Bayesianische Statistik und ein allgemeines Umdenken, dass es uns ermöglicht auch Nullresultate zu veröffentlichen. Und ich muss zugeben, dass die meisten meiner letzten Experimente genau das produziert haben. Aber darüber schreibe ich bald mehr.

Update: Links

Ich habe beschlossen, hier noch ein paar interessante Links zum Thema zu sammeln:

Die Wortstellung in den Sprachen der Welt

Word Order

Inspiriert von @eddersko

Das ingressive Ja im Schwedischen

Die Schweden sagen Ja und meinen damit auch ja. Aber nicht in allen Teilen Schwedens. In Nord-Schweden kann man auch ein ingressives Ja bilden. Hat aber natürlich keinen Phonemstatus. Trotzdem interessant.

Pulmonal ingressive Laute gibt es allerdings nicht nur im skandinavischen Raum, wie oft angenommen wird, sondern kommen als Feedback-Marker in vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Welt vor (allerdings habe ich in den Video das Gefühl, dass tatsächlich nicht bei allen die Luft auch in die Lunge gelangt, aber bei den meisten). Hier gibt es eine interessante Seite mit mehr Informationen über ingressive Luftstromprozesse.

Via Phänomene

Orang-Utan produziert sprachähnliche Laute

Orang-Utan im Zoo von Cincinnati (Photo: Kabir Bakie unter CC-Lizenz)

Über die evolutionären Ursprünge von Sprache wird ja gerne spekuliert. Häufig fällt der Blick dabei auch auf die uns nahestehenden Menschenaffen und ihre Fähigkeiten. Immer wieder wurde versucht ihnen eine Gebärdensprache beizubringen, da die Anatomie ihres Vokaltrakts eigentlich nicht wirklich dazu geeignet ist, menschliche Sprachlaute zu produzieren.

Allerdings berichten Forscher in PLOS ONE nun, dass die Orang-Utan-Dame (Pongo pygmaeus) Tilda, die heute im Kölner Zoo lebt, zumindest einige menschenähnliche Laute von sich geben kann. Vermutlich legt sie dieses Verhalten an den Tag, um die Aufmerksamkeit ihrer Pflegerinnen und Pfleger zu erregen, um besser an Nahrung zu gelangen. Die produzierten Laute ähneln den Plosiven /p/, /t/, /k/. Außerdem produziert sie vokalähnliche Lautstrukturen, indem sie dem Mund abwechselnd öffnet und schließt. Über Tildas Herkunft ist nicht genaueres bekannt. Vermutlich wurde sie etwa um 1965 in Borneo geboren und dort zur Unterhaltung von Menschen aufgezogen.

So interessant das Ergebnis sein mag, dass ein Orang-Utan theoretisch dazu in der Lage ist, menschenähnliche Laute zu produzieren, wenn er lange genug mit Menschen zusammenlebt, muss man doch dazu sagen, dass es trotzdem eine Schande ist, diese wunderbaren Tiere in Gefangenschaft zu halten. Auch die Autoren der Studie zeigen mit ihrer Formulierung, dass sich Tilda zunächst in „Privatbesitz“ („she became privately owned“) befand leider nicht viel Sensibilität.

Hier und hier gibt es noch ein bisschen mehr Materiel und hier die Studie.

Phonem des Jahres 2014

Jede Sprache baut auf einem Prinzip auf, das man als „zweifache Gliederung“ oder „doppelte Artikulation“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass wir beim Sprechen aus Einzellauten, die für sich genommen keine Bedeutung haben, größere Einheiten aufbauen, die eine Bedeutung haben. So haben weder ein m noch ein a in Isolation gesprochen eine Bedeutung. Kombinieren wir diese Laute jedoch zu [mama], ergibt sich ein Wort, das wir verstehen können.

In der Sprachwissenschaft und in der Phonetik fasst man solche Laute zu Gruppen zusammen, um von Einzeläußerungen abstrahieren zu können. Man spricht von Phonemen. So gibt es prinzipiell unendlich viele verschiedene Möglichkeiten, ein a zu artikulieren, deshalb fasst man alle diese as zur Gruppe /a/ zusammen. Wie viele solcher Phoneme es in einer Sprache gibt, ist sehr unterschiedlich. Manche Sprachen, wie das Rotokas, das auf Neuginea gesprochen wird, haben nur 11 solcher Phoneme. Das Deutsche etwa 40. Bis zu 141 verschiedener Phoneme kann es in einer Sprache geben, wie etwa im !Xũ, einer Sprache, die unter anderem in Namibia gesprochen wird. Immer muss es jedoch Vokale und Konsonanten geben, weswegen es bei der Wahl zum Phonem des Jahres jeweils diese beiden Kategorien gibt.

Die Phoneme des letzten Jahres waren in der Kategorie Vokal das /yː/, wie es im Deutschen oder im australischen Englisch vorkommt, und in der Kategorie Konsonant der geminierte glottale Verschlusslaut /ʔː/, der z.B. im Maltesischen Verwendung findet. Anhören kann man sich die Phoneme der Sprachen der Welt hier.

Der Vokal und der Konsonant des Jahres werden jedes Jahr durch Studierende, Mitarbeiter und Assoziierte des Instituts für Phonetik und Sprachverarbeitung der Universität München gewählt. Nominierungsberechtigt sind Studierende und Mitarbeiter sprachwissenschaftlicher und verwandter Fächer weltweit. Vorgeschlagen werden darf jeweils ein Konsonant und ein Vokal. Dazu muss jeweils mindestens eine Sprache genannt werden, in welcher der nominierte Vokal oder Konsonant Phonemstatus hat sowie eine Begründung geliefert werden, warum man das Phonem vorschlägt.

Vokal des Jahres 2014 ist das /ɵ/, das einem griechischen Theta sehr ähnlich sieht und z.B. im Kantonesischen vorkommt. Die Jury entschied sich vor allem deswegen für diesen Vokal, da in der Begründung angegeben wurde, dass man so seine Solidarität mit den Studierendenprotesten in Hongkong zum Ausdruck bringen könne.

Konsonant des Jahres 2014 ist das /N/, also der uvulare stimmhafte Nasal, der z.B. Teil des japanischen Sprachsystems ist. Die Jury überzeugte hier die humoristische Begründung, dass jeder diesen Laut kennt, da er international häufig zum Ausdruck des Genusses oder bei Grunzgeräuschen vorkommt.