Category Archives: Akustik

Das ingressive Ja im Schwedischen

Die Schweden sagen Ja und meinen damit auch ja. Aber nicht in allen Teilen Schwedens. In Nord-Schweden kann man auch ein ingressives Ja bilden. Hat aber natürlich keinen Phonemstatus. Trotzdem interessant.

Pulmonal ingressive Laute gibt es allerdings nicht nur im skandinavischen Raum, wie oft angenommen wird, sondern kommen als Feedback-Marker in vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Welt vor (allerdings habe ich in den Video das Gefühl, dass tatsächlich nicht bei allen die Luft auch in die Lunge gelangt, aber bei den meisten). Hier gibt es eine interessante Seite mit mehr Informationen über ingressive Luftstromprozesse.

Via Phänomene

Was macht man eigentlich mit Phonetik?

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Im Laufe der letzten Jahre, vor allem natürlich während meines Studiums der Phonetik in München, ist sie mir immer wieder gestellt worden, die Frage, was man eigentlich als Phonetiker mal arbeitet. Und ich meine damit nicht nervige Fragen von Verwandten und Bekannten, was Phonetik eigentlich ist. Letztere Frage ist nämlich relativ leicht zu beantworten, erstere nicht. Und die Frage nach den Berufsaussichten für Phonetiker kam eigentlich auch gar nicht so sehr von fachfremden Studierenden oder Berufstätigen, sondern in den allermeisten Fällen von Studieninteressierten. Da diese Frage nun immer und immer wieder auftaucht, habe ich beschlossen, hier einmal eine Antwort zusammenzutragen.

Was ist Phonetik und wo studiert man das?

Die Phonetik, so sage ich immer, wenn ich von einem Laien gefragt werde, ist die Wissenschaft vom Sprechen. Das ist nun nicht ganz falsch, aber auch sicherlich nicht ganz richtig und zudem eine sehr grober Vereinfachung. Eine Vereinfachung ist es vor allem deswegen, weil sich die Phonetik nicht nur mit dem Vorgang des Sprechens, sondern z.B. auch mit der Perzeption, also der Wahrnehmung gesprochener Sprache befasst. Womit sich die Phonetik genau beschäftigt, lässt sich schnell und illustrativ am sogenannten ‚signalphonetischen Band‘ erklären:

Signalphonetisches Band

Das signalphonetische Band (vereinfacht nach Pompino-Marschall 2009)

Dargestellt sind die Stationen, die ein Sprachsignal beim Sprechen durchläuft. Auf der linken Seite beginnt das signalphonetische Band mit dem Zentralnervensystem (ZNS) eines Sprechers, der zunächst plant, etwas zu sagen. Zuerst wird der Sprechprozess geplant, dann werden Signale an die Muskeln gegeben, die Artikulation zu starten. Wir nehmen aber nicht oder nur teilweise wahr, welche Bewegungen ein Gesprächspartner genau ausführt, sondern Sprachschall, der ein akustisches Phänomen darstellt. Die Schallwellen treffen auf unsere Hörorgane, werden dort dekodiert und in mechanische Reize umgewadelt. Bei der Wahrnehmung von Sprache bei einem Hörer spielen nun wieder neuronale Prozesse im Gehirn bzw. im Zentralnervensystem eine Rolle. Die Phonetik beschäftigt sich nun mit allen diesen Stationen, d.h. sie ist eine Wissenschaft, die neurologische, biologische (inkl. anatomische), akustisch-physikalische und psychoakustische Komponenten besitzt. Außerdem gibt es einen immer schneller wachsenden Bereich, der sich mit der Erzeugung und der Verarbeitung gesprochener Sprache mittels Computertechnologien beschäftigt (daher ist es auch sinnvoll, sich während des Studiums Programmier- und Statistikkenntnisse anzueignen).

Ein reines Phonetikstudium ist ist Deutschland an mehreren Universitäten möglich, jedoch nicht so häufig anzutreffen, wie z.B. Linguistik (und das, obwohl die Phonetik insitutionell älter ist als die Sprachwissenschaft). Angeboten wird das Fach z.B. an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der Universität Trier, an der Universität Köln (zusammen mit Sprachwissenschaft) oder in Bonn.

Was macht man mit Phonetik?

Die Frage, welchen Beruf ein Phonetiker einmal ergreift ist nicht ganz leicht zu beantworten. Insgesamt lassen sich drei große Bereiche identifizieren, in welchen eine Phonetikerin/ein Phonetiker später einmal arbeiten kann: 1. fachfremde Bereiche 2. fachnahe Bereiche und 3. fachbezogene Bereiche. Da man nach jedem Studium in fachfremden Bereichen arbeiten kann, werde ich diese in den nachfolgenden Ausführungen auslassen (z.B. Verlag, Radio, usw.). Zu den fachnahen und den fachbezogenen Bereichen gilt ganz grundsätzlich folgende Anmerkung: Es macht Sinn, sich schon früh im Studium zu überlegen, auf welchen Bereich man sich spezialisieren möchte, da es sich bei der Phonetik um eine extrem ausdifferenzierte Wissenschaft  handelt und man sich nicht in allen Teilgebieten gleich gut auskennen kann (bei welcher Wissenschaft kann man das schon).

Die fachbezogenen Tätigkeiten

Je nachdem, auf welchen Teilbereich der Phonetik sie sich spezialisiert haben (technisch, akustisch, experimentell, psychologisch, usw.), stehen den Absolventinnen und Absolventen verschiedene Möglichkeiten offen, wobei es zu bedenken gilt, dass Stellenausschreibungen, die direkt nach Phonetikerinnen und Phonetikern suchen, zwar durchaus zu finden, aber dennoch recht selten sind. Prinzipiell gibt es folgende berufsrelevante Bereiche:

  • Sprachsynthese
  • Spracherkennung
  • Dialogsysteme
  • klinischer Bereich (Phonetiker sind aber keine Logopäden)
  • Sprechtraining (und insgesamt der Bildungs- und Fremdsprachenbereich)
  • Forschung
  • forensische Phonetik (einige wenige Stellen beim Bundes- sowie bei den Landeskriminalämtern)

In keinem dieser Bereich kann man einfach so arbeiten. Man findet natürlich nur einen Job, wenn man sich selbstständig bereits während des Studiums auf einen Teilbereich spezialisiert hat.

Die fachnahen Bereiche

Da es sich bei der Phonetik um eine so vielseitige Wissenschaft handelt, gibt es eine Menge an Arbeitsbereichen, die fachnah sind. Wer im Studium eine Programmiersprache gelernt hat, findet vielleicht in der Softwareindustrie einen Job, wer sich intensiv mit Akustik beschäftigt hat, kann z.B. in der Automobilindustrie landen oder wer sich mit der Anatomie des Gehörs und der Perzeption von Sprachschall auskennt in der Hörgeräteentwicklung. Prinzipiell sind hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt und auch die Praxis zeigt, dass Phonetikerinnen und Phonetiker später in zahlreichen und unterschiedlichen Branchen arbeiten.

Fazit

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass man in jedem Fall das studieren sollte, was einem Spaß macht. Alle Menschen, die ich kenne, die diesen Rat befolgt haben und im Studium engagiert und selbstständig gelernt und gearbeitet haben, haben allesamt und unabhängig von ihrer Studienwahl einen interesannten und befriedigenden Job gefunden! Voraussetzung ist nicht, dass man von Anfang an weiß, was man einmal arbeiten möchte, sondern Interesse an der Welt und am Fach sowie eine Portion Engagement innerhalb wie außerhalb der Universität. Allerdings sollte man sich während des Studiums immer wieder die Frage stellen, in welchen Bereichen man sich vorstellen könnte, zu arbeiten und nach Teilbereichen zu suchen, auf die man sich spezialisieren möchte. Es gibt immer Nischen, aber man muss sie aktiv suchen und füllen.

Literatur

Pompino-Marschall, B. (2009): Einführung in die Phonetik. Berlin u.a.: Walter de Gruyter.

Minus neun Dezibel

Immer wieder hört man in den Medien von sogenannter ‚Lärmverschmutzung‘, ein Thema, das besonders hinsichtlich unserer Gesundheit und hinsichtlich unserer Umwelt von Bedeutung ist, denn Lärm bedeuted Stress – und das nicht nur für den Menschen, sondern z.B. auch für Meeresbewohner.
Doch auch Stille haben wir Menschen nicht gern, wie sich im Alltag leicht beobachten lässt – wir sprechen mit uns selbst, schalten Radio oder Fernseher an, wenn wir alleine sind oder schlafen mit offenem Fenster. Das alles hat zwar weniger mit Sprachwissenschaft zu tun, die Ergebnisse der Orfield Laboratories haben es mir aber trotzdem so angetan, das ich Sie hier kurz zusammenfassen möchte: Dort wurde ein Raum geschaffen, in welchem 99,9 Prozent allen Schalls absorbiert wird und damit eine Lautstärke von -9 dB herrscht (Dezibel ist ja eine logarithmische Referenzeinheit, die auch negative Werte annehmen kann). Da Menschen nicht nur an Schall gewöhnt sind, sondern wir ihn unter anderem auch zur Orientierung nutzen, ist ein Aufenthalt in einem solchen Raum gar nicht so angenehm, wie man vielleicht vermuten möchte. Länger als eine dreiviertel Stunde hat es wohl noch niemand geschafft, in dem Raum zu bleiben. Siehe auch hier.

Danke an Martin für den Hinweis!