{"id":94,"date":"2012-03-05T20:42:51","date_gmt":"2012-03-05T20:42:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=94"},"modified":"2013-01-12T10:11:31","modified_gmt":"2013-01-12T10:11:31","slug":"%e2%80%9elabern%e2%80%9c-im-kiezdeutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=94","title":{"rendered":"\u201elabern\u201c im Kiezdeutschen"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem popul\u00e4rwissenschaftlichen Buch <em>Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht<\/em> schreibt die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese (2012:14) \u00fcber die von ihr als Dialekt bezeichnete Sprachvariante Kiezdeutsch:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Kiezdeutsch spricht man nicht, weil die eigenen Gro\u00dfeltern irgendwann einmal aus der T\u00fcrkei eingewandert sind, sondern Kiezdeutsch spricht man mit seinen Freunden, wenn man in einem multiethischen Viertel gro\u00df wird, ganz unabh\u00e4ngig davon, ob die Familie aus der T\u00fcrkei, aus Deutschland oder aus einem anderen Land stammt.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dass ich diesen Artikel damit beginne, wer Kiezdeutsch spricht und nicht mit einer Definition hat seinen Grund darin, dass Wiese leider keine griffige Definition des Begriffs liefert. Dies spiegelt sich auch auf dem zum Kiezdeutschen angebotenen Infoportal <a title=\"Infoportal Kiezdeutsch\" href=\"http:\/\/www.kiezdeutsch.de\" target=\"_blank\">kiezdeutsch.de<\/a> wider: Der erste Unterpunkt dort lautet\u00a0\u201eWer spricht Kiezdeutsch?\u201c und verfolgt so ebenfalls eine Herangehensweise \u00fcber die Sprecher.<\/p>\n<figure id=\"attachment_95\" aria-describedby=\"caption-attachment-95\" style=\"width: 794px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/kiezdeutsch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-95\" title=\"kiezdeutsch\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/kiezdeutsch.jpg\" width=\"794\" height=\"706\" srcset=\"https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/kiezdeutsch.jpg 794w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/kiezdeutsch-300x266.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 794px) 100vw, 794px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-95\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot von kiezdeutsch.de<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dies soll hier allerdings nicht als Nachteil gewertet werden (schlie\u00dflich erl\u00e4utert Wiese im Rest ihres Buches und an anderen Stellen noch ausf\u00fchrlich die kiezdeutschen Besonderheiten). Was ist denn nun aber Kiezdeutsch? Es handelt sich laut Wiese (2006:6) um eine jugendsprachliche Variet\u00e4t des Deutschen, die sich von anderen Jugendsprachen darin unterscheidet,<\/p>\n<blockquote><p>dass sie zum einen einen Hintergrund im ungesteuerten Zweitspracherwerb hat und in Beziehung zu ethnolektalen Variet\u00e4ten steht (insbesondere zu \u201eT\u00fcrkendeutsch\u201c, dem Ethnolekt, der sich aus dem Deutsch t\u00fcrkischer Migranten entwickelt hat), zum anderen \u00fcber solche Ethnolekte jedoch hinausgeht und grammatische Merkmale einer Kontaktsprache aufweist, die sich in multi-ethnischen und multi-lingualen Kontexten entwickelt hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Spannend finde ich Wieses Betonung des Multi-Ethnischen, da ich selbst eine in der Innenstadt einer kleineren Gro\u00dfstadt gelegene, von multi-ethnischer Durchmischung gekennzeichnete Schule besucht habe, in der exakt wie von Wiese beschrieben, gesprochen wurde.<br \/>\nWiese (2006, 2012) konzentriert sich in ihren Ausf\u00fchrungen besonders auf morpho-syntaktische Ph\u00e4nomene, weniger allerdings auf semantische. Hinsichtlich der (lexikalischen) Semantik ist mir dabei vor ein paar Tagen eine (kleine) Besonderheit des Kiezdeutschen aufgefallen: das Verb<em> labern<\/em> erh\u00e4lt im Kiezdeutschen eine weitere Bedeutung als im Standarddeutschen. Auf <a href=\"http:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/labern\" target=\"_blank\">duden.de<\/a> finden sich zwei Bedeutungen von <em>labern<\/em>:<\/p>\n<ol>\n<li>(abwertend) sich wortreich \u00fcber oft belanglose Dinge auslassen, viele \u00fcberfl\u00fcssige Worte machen<\/li>\n<li>sich zwanglos unterhalten, plaudern<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Kiezdeutschen erh\u00e4lt <em>labern<\/em> noch die zus\u00e4tzliche Bedeutung \u201adie Unwahrheit sagen\u2018. So kann man mit den S\u00e4tzen in (1) und (2) problemlos jemanden des L\u00fcgens bezichtigen.<\/p>\n<p>(1) Laber nicht!<\/p>\n<p>(2) Der labert doch!<\/p>\n<p>Dies r\u00fchrt vermutlich aus einer Verk\u00fcrzung vonWendungen wie <em>Laber keinen Mist<\/em> her und liegt von der im Duden verzeichneten Bedeutung von <em>labern<\/em> nat\u00fcrlich auch nicht weit weg.<br \/>\nEine kurze Suche auf google.de zeigt ebenfalls diese Verwendung. Ein User kommentiert beispielsweise einen Artikel \u00fcber Kiezdeutsch auf der konservativen Seite <a href=\"http:\/\/www.jungefreiheit.de\/Single-News-Display-mit-Komm.154+M5bb06ce82c2.0.html?PHPSESSID=0ae7ce2f222da7b37cdcd95976b2d913\" target=\"_blank\">jungefreiheit.de<\/a>, der die Sprecher des Kiezdeutschen nicht gerade gut dastehen l\u00e4sst mit\u00a0\u201eWas labert er? [&#8230;] Alter, er ist voll der h\u00e4\u00dfliche Opfer.\u201c Dieser Satz l\u00e4sst sich kaum mit den vom Duden beschriebenen Vorschl\u00e4gen paraphrasieren, denn weder will der User darauf hinaus, dass der Autor des Artikels \u00fcbertrieben viele Worte verliert oder dass er plaudert. Vielmehr will er zum Ausdruck bringen, dass er nicht seiner Meinung ist und seine Ausf\u00fchrungen unwahr befindet.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Wiese, H. (2006): <a href=\"http:\/\/www.uni-potsdam.de\/u\/germanistik\/fachgebiete\/geg-spr\/uploads\/Wiese2006_Messer.pdf\" target=\"_blank\">\u201eIch mach dich Messer\u201c:<\/a> Grammatische Produktivit\u00e4t in Kiez-Sprache. <em>Linguistische Berichte<\/em> 207: 245-273.<br \/>\nWiese, H. (2012): <em>Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht<\/em>. M\u00fcnchen: C.H. Beck.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">[amazon-product align=&#8220;center&#8220; alink=&#8220;0000FF&#8220; bordercolor=&#8220;000000&#8243; height=&#8220;240&#8243;]3406630340[\/amazon-product]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem popul\u00e4rwissenschaftlichen Buch Kiezdeutsch. 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