{"id":850,"date":"2023-06-18T14:41:15","date_gmt":"2023-06-18T14:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=850"},"modified":"2023-06-18T14:41:16","modified_gmt":"2023-06-18T14:41:16","slug":"repraesentative-umfrage-zeigt-mehrheit-der-deutschen-fuer-gendersprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=850","title":{"rendered":"Repr\u00e4sentative Umfrage zeigt: Mehrheit der Deutschen f\u00fcr Gendersprache"},"content":{"rendered":"\n<p>Sie finden, der Titel dieses Beitrags klingt nach Clickbait? Ja, das tut er. Und dennoch ist er inhaltlich korrekt, auch wenn man h\u00e4ufig liest, Umfragen w\u00fcrden das Gegenteil zeigen. Warum, ist ganz einfach erkl\u00e4rt \u2013 und diese Erkl\u00e4rung zu verstehen, ist wichtig, um eine sachliche Debatte \u00fcber \u201eGendersprache\u201c zu f\u00fchren. Spoiler: Ich stelle keine neue Umfrage vor, sondern bespreche nur, was \u00e4ltere Umfragen schon gezeigt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem beginnt mit einer ganz einfachen Frage: Was ist eigentlich \u201eGendersprache\u201c? Zun\u00e4chst beinhaltet das Wort den aus dem englischen stammenden Begriff <em>Gender<\/em>, der verwendet wird, um auf das soziale Geschlecht Bezug zu nehmen. Daraus abgeleitet sind die Begriffe <em>Gendersprache <\/em>und (<em>sprachliches<\/em>) <em>gendern<\/em>. Mit dem Verb <em>gendern<\/em> meint man hier: <em>Gendersprache verwenden. <\/em>Synonym werden h\u00e4ufig die Begriffe <em>geschlechterneutrale <\/em>oder <em>geschlechtergerechte Sprache <\/em>verwendet, die ich jedoch etwas kritisch sehe, weil mir nicht klar ist, ob Sprache wirklich (f\u00fcr alle) neutral oder gerecht sein kann. Gabriele Diewald und Anja Steinhauer definieren sprachliches gendern wie folgt: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>\u201eGendern ist, sehr allgemein gesprochen, ein sprachliches Verfahren, um Gleichberechtigung, d. h. die gleiche und faire Behandlung von Frauen und M\u00e4nnern im Sprachgebrauch zu erreichen.\u201c (Diewald &amp; Steinhauer 2017:5)<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p>Die Diskussion um die Gendersprache beginnt meist mit dem generischen Maskulinum, einer Form die ambig ist, also mehrdeutig. Der Ausdruck <em>Lehrer<\/em> im grammatischen Maskulinum kann einerseits \u201am\u00e4nnliche Lehrer\u2018 meinen oder \u201aLehrkr\u00e4fte egal welchen Geschlechts\u2018. Neben dieser Ambiguit\u00e4t (oder vermutlich gerade wegen dieser Ambiguit\u00e4t) gibt es das Ph\u00e4nomen des \u201emale bias\u201c. Wenn Menschen generische Maskulina verarbeiten, denken sie mehrheitlich an m\u00e4nnliche Vertreter des Berufs (eine Zusammenstellung solcher Studien findet sich beispielsweise in Kotthoff &amp; N\u00fcbling 2018). <\/p>\n\n\n\n<p>Gegner der \u201eGendersprache\u201c sind \u00fcblicherweise Verfechterinnen und Verfechter des generischen Maskulinums, die davon ausgehen, dass das generische Maskulinum alle Geschlechter gleicherma\u00dfen repr\u00e4sentiert. Wir k\u00f6nnen jetzt schon festhalten, dass die Verwendung des generischen Maskulinums aus dieser Perspektive auch eine Form des Genderns ist \u2013 das ist aber nicht der Punkt, auf den ich in diesem Beitrag hinaus will.  <\/p>\n\n\n\n<p>Folgen wir das Ansicht, dass das generische Maskulinum, seine Aufgabe schlecht erf\u00fcllt und eben nicht generisch interpretiert wird, kommen wir zu der Folgerung, dass die deutsche Sprache ungerecht ist. Um diese Ungerechtigkeit zu umgehen oder zumindest abzumildern, gibt es verschiedene Vorschl\u00e4ge. Die bekanntesten dieser Vorschl\u00e4ge sind die Verwendung der Paarform (<em>Leherinnen und Lehrer<\/em>), Neutralisierungsstrategien (nominalisierte Partizipien wie <em>Lehrende <\/em>oder andere Neutralformen wie <em>Lehrkr\u00e4fte<\/em>), die Verwendung des Gendersterns (<em>Lehrer*innen<\/em>) oder anderer Symbole (<em>Lehrer:innen<\/em> oder <em>Lehrer_innen<\/em> oder die Verwendung einer Binnenmajuskel: <em>LehrerInnen<\/em>). Alle diese Formen sind Auspr\u00e4gungen von \u201eGendersprache\u201c. Und ich vermute, dass Sie schon wissen, worauf ich jetzt hinaus will. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe an repr\u00e4sentativen Umfragen zum Thema gendersensible Sprache. In solchen Umfragen wird h\u00e4ufig aber gar nicht zwischen den verschiedenen Formen des Genderns differenziert. So fragt etwa <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.infratest-dimap.de\/umfragen-analysen\/bundesweit\/umfragen\/aktuell\/vorbehalte-gegenueber-genderneutraler-sprache\/\" target=\"_blank\">Infratest dimap im Auftrag der Welt am Sonntag<\/a> (siehe auch <a href=\"https:\/\/www.infratest-dimap.de\/umfragen-analysen\/bundesweit\/umfragen\/aktuell\/weiter-vorbehalte-gegen-gendergerechte-sprache\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>):<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>Nun eine Frage zu einer geschlechterneutralen Sprache, also der sogenannten Gendersprache. Daf\u00fcr wird beispielsweise beim sogenannten \u201aBinnen-I\u2018 nicht von W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, sondern in einem Wort von \u201aW\u00e4hlerInnen\u2018 gesprochen, d. h. mit kurzer Pause vor dem \u201ai\u2018. Au\u00dferdem werden beispielsweise aus den Zuh\u00f6rern die Zuh\u00f6renden. Wie stehen Sie zur Nutzung einer solchen Gendersprache in Presse, Radio und Fernsehen sowie bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen?<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p>Insgesamt bleiben die Fragen in solchen Umfragen entweder komplett vage, was eigentlich gemeint ist (z. B. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_85146576\/exklusive-umfrage-so-denken-die-deutschen-ueber-gender-sprache.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>), was vermutlich dazu f\u00fchrt, dass die Menschen an Gendersterne und Sprechpausen denken, oder die Fragen f\u00fchren explizit den Genderstern oder das Binnen-I an (z. B. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/chrismon.evangelisch.de\/artikel\/2023\/53707\/umfrage-was-die-deutschen-vom-gendern-halten\" target=\"_blank\">hier<\/a>, <a href=\"https:\/\/yougov.de\/topics\/lifestyle\/survey-results\/daily\/2023\/03\/07\/5cbaa\/2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> oder <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/deutsche-sprachwelt.de\/2020\/01\/insa-sprachumfrage-2019-20-teil-7-gendersterne-haben-wenige-freunde\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Aufschlussreich sind dagegen zwei Umfragen von 2020 und 2022 von Infratest dimap im Auftrag des WDR, in der nach der Einstellung gegen\u00fcber gendersensibler Sprache in der Berichterstattung gefragt wurde. Gerade die<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.infratest-dimap.de\/umfragen-analysen\/bundesweit\/umfragen\/aktuell\/gendergerechte-sprache\/\" target=\"_blank\"> j\u00fcngere Umfrage<\/a> wurde in den Medien mit Titel wie \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/wdr-politik-deutschland-gendern-gendersternchen-gendergap-schoenenborn-verzichten-umfrage-ergebnis-92074604.html\" target=\"_blank\">WDR-Umfrage zeigt: Mehrheit lehnt Gendern ab<\/a>\u201c besprochen. Tats\u00e4chlich zeigt diese Umfrage jedoch etwas anderes: Die befragten Personen sind nicht mehrheitlich gegen das Gendern, sondern gegen spezifische Formen des Genderns. So befanden 69 Prozent der befragten Personen die Paarform f\u00fcr gut oder sehr gut. Gruppenbezeichnungen wie <em>das Publikum <\/em>statt des generischen Maskulinums bewerteten 63 Prozent mit gut oder sehr gut und Neutralformen wie <em>die Studierenden <\/em>statt des generischen Maskulinums noch 56 Prozent. Den Genderstern oder andere Symbole bzw. Sprechpausen lehnt die Mehrheit der befragten Menschen jedoch ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet also: Die Mehrheit der Menschen ist nicht gegen Gendersprache (hier: Gendersprache in den Medien), sondern nur gegen spezifische Formen der Gendersprache. Und im Umkehrschluss bedeutet das eben, dass die Mehrheit der Deutschen f\u00fcr bestimmte Formen gendersensibler Sprache offen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, was wir daraus mitnehmen sollten, ist zu differenzieren. Wenn die Menschen einen Begriff wie <em>Gendersprache <\/em>h\u00f6ren, denke sie vermutlich in erster Linie an den Genderstern. Es gibt aber verschiedene Formen gendersensibler Sprache, die unterschiedlich stark akzeptiert werden. Und diese Differenzierung sollte auch in der medialen Berichterstattung eine st\u00e4rkere Rolle spielen. Sonst wird es schwierig, einen sachlichen Diskurs zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diewald, Gabriele &amp; Steinhauer, Anja (2017): Richtig gendern. Wie Sie angemessen und verst\u00e4ndlich schreiben. Berlin: Dudenverlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Kotthoff, Helga &amp; N\u00fcbling, Damaris (2018). <em>Genderlinguistik. Eine Einf\u00fchrung in Sprache, Gespr\u00e4ch und Geschlecht<\/em>. T\u00fcbingen: Narr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie finden, der Titel dieses Beitrags klingt nach Clickbait? Ja, das tut er. 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