{"id":711,"date":"2022-09-17T18:37:02","date_gmt":"2022-09-17T18:37:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=711"},"modified":"2022-10-01T19:00:52","modified_gmt":"2022-10-01T19:00:52","slug":"die-grossschreibung-der-nomen-in-der-grundschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=711","title":{"rendered":"Die Gro\u00dfschreibung der Nomen in der Grundschule"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-712\" srcset=\"https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen-800x450.jpg 800w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/nomen.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Internet ist voll von Druckvorlagen und Materialen f\u00fcr Lehrerinnen und Lehrer. Beworben werden diese unter anderem auch von auf die Schule spezialisierten Influencerinnen und Influencern in sozialen Medien. Ich habe mich ein bisschen nach solchen Materialen auf Instagram umgesehen und war ehrlich gesagt ziemlich schockiert. Ich verstehe ja, dass man gerade in der Grundschule eine didaktische Reduktion vornehmen muss, aber viele der auf den Arbeits- und Merkbl\u00e4ttern dargestellten Regeln, die ich gesehen habe, waren entweder nicht hilfreich oder sogar einfach grob falsch. Und das betrifft nicht nur einen kleinen Teil der Seiten, die ich mir angesehen habe, sondern wirklich so gut wie alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein einfaches Beispiel ist die Gro\u00dfschreibung der Substantive. Hier werden wahlweise drei oder vier Regeln eingef\u00fchrt, n\u00e4mlich die \u201eWahrnehmungsprobe\u201c, die \u201eArtikelprobe\u201c, die \u201eMehrzahlprobe\u201c und manchmal noch die \u201eAdjektivprobe\u201c (die allerdings tats\u00e4chlich sehr selten war). Sehen wir uns das im Einzelnen kurz an.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Wahrnehmungsprobe<\/strong>: Kann man es sehen oder anfassen? Dann ist es ein Nomen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Artikelprobe<\/strong>: Kannst du einen Artikel vor das Wort stellen? Dann ist es ein Nomen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Mehrzahlprobe<\/strong>: Kannst du das Wort in der Einzahl und in der Mehrzahl verwenden? Dann ist es ein Nomen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Adjektivprobe<\/strong>: Kannst du das Wort mit einem Adjektiv n\u00e4her beschreiben? Dann ist es ein Nomen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der sch\u00f6n illustrierten Merkkarten, die ich gesehen habe, hatte noch zwei sch\u00f6ne Beispiels\u00e4tze, die in etwa so aussahen:<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>(1) Die gro\u00dfe Katze trinkt Milch.<\/code><\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>(2) Die gro\u00dfen Katzen trinken auch Milch.<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Diese S\u00e4tze hat offenbar ein erwachsener Mensch geschrieben, der intuitiv wusste, dass es sich bei <em>Katze <\/em>um ein Nomen handelt, das gro\u00dfgeschrieben wird. Sehen wir uns den Satz in (1) aus Sicht eines Kindes an, das diesen Satz schreiben will und sich fragt, welche W\u00f6rter man gro\u00dfschreibt: <em>Die<\/em> schreibt man gro\u00df, es steht schlie\u00dflich am Satzanfang. Was ist mit <em>gro\u00dfe<\/em>? Man kann sehen, ob etwas gro\u00df ist oder klein, die Wahrnehmungsprobe sagt also, dass es sich um ein Nomen handelt. Die Artikelprobe ist auch positiv, denn es steht ja tats\u00e4chlich ein Artikel vor <em>gro\u00dfe<\/em>. Der Satz in (2) zeigt, dass sich das Wort auch in den Plural setzen l\u00e4sst und sogar die Adjektivprobe, die eigentlich die beste dieser Proben ist, sagt uns, dass man vor <em>gro\u00dfe <\/em>ohne weiteres ein Adjektiv setzen kann (<em>die sch\u00f6ne gro\u00dfe Katze<\/em>). Alle diese Proben versagen. Und tats\u00e4chlich ist die Substantivgro\u00dfschreibung einer der Bereiche, in dem die meisten Rechtschreibfehler gemacht werden \u2013 und das gilt nicht nur f\u00fcr Kinder, sondern auch f\u00fcr <a href=\"http:\/\/fabianbross.de\/Rechtschreibung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Erwachsene<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe die Motivation der Wahrnehmungsprobe. Sie macht Nomen so sch\u00f6n anschaulich! Aber die Bedeutung hat in einer Wortartendefinition \u00fcberhaupt nichts verloren. Doch genau dort setzen alle Materialien, die ich gesehen haben, an. Pr\u00e4positionen wurden durch die Bank als W\u00f6rter defininiert, die anzeigen, wo etwas ist (oder in welchem Verh\u00e4ltnis zwei Gegenst\u00e4nde zueinander stehen). Das ist absoluter Bl\u00f6dsinn! Die S\u00e4tze in (3) enthalten alle eine Pr\u00e4positionen, die alle nichts mit einem r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnis zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>(3) a. Ich bin sauer <strong>auf <\/strong>den Nachbarn.\n    b. Er \u00e4rgert sich <strong>\u00fcber <\/strong>die Katze.\n    c. Ich entschuldige mich <strong>f\u00fcr <\/strong>mein Verhalten.\n    d. Ich k\u00e4mpfe <strong>f\u00fcr <\/strong>eine bessere Schule.<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4positionen sind eine nicht-flektierbare Wortart, deren Vertreter den Kasus der folgenden Nominalgruppe bestimmen (regieren). Mehr nicht. Zu sagen, Pr\u00e4positionen w\u00fcrden ein r\u00e4umliches Verh\u00e4ltnis angeben, ist keine didaktische Reduktion, sondern einfach nur falsch und hilft den Kindern nicht weiter. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-715\" srcset=\"https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen-800x450.jpg 800w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Praepositionen.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Kommen wir aber zur\u00fcck zu den Nomen. Die Frage, die wir uns stellen m\u00fcssen, lautet: Was ist ein Nomen? Mit der Bedeutung hat das ganz bestimmt nichts zu tun, wie sich leicht zeigen l\u00e4sst. Handelt es sich bei <em>trinken <\/em>um ein Nomen? Die Antwort auf diese Frage ist: \u201eKeine Ahnung!\u201c Ob es sich bei <em>trinken<\/em> um ein Nomen oder ein Verb handelt, h\u00e4ngt vom Kontext ab (Verb: <em>Jeder Mensch muss trinken<\/em>. Nomen: <em>Das Trinken von Wein ist eine tolle Sache<\/em>). Es kommt also auf die Stellung des Worts im Satz bzw. seine Funktion im Satz an. Da k\u00f6nnte die Artikelprobe ins Spiel kommen, aber wie wir gesehen haben, k\u00f6nnen zwischen Artikel und Nomen auch noch Adjektive stehen. Das hilft also auch nur bedingt weiter. Neben der Distribution im Satz spielen auch morphosyntaktische Eigenschaften bei der Bestimmung von Wortarten eine Rolle. Die Idee mit der Mehrzahlprobe ist daher eigentlich gar nicht schlecht. Das Problem ist allerdings, dass attributive Adjektive im Deutschen mit den Nomen, die sie modifizieren, kongruieren. Sie stehen also auch im Singular oder im Plural. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Literatur werden Nomen h\u00e4ufig als die K\u00f6pfe von erweiterbaren Nominalphrasen charakterisiert. Erweiterbar sind sie durch Adjektive. Kurzum bedeutet das, dass zwischen Artikel und Nomen beliebig viele Adjektive treten k\u00f6nnen. In manchen didaktischen Ans\u00e4tzen werden Nomen daher \u00fcber Treppengedichte eingef\u00fchrt (R\u00f6ber-Siekmeyer 1999): <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"362\" src=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-1024x362.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-727\" srcset=\"https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-1024x362.jpg 1024w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-300x106.jpg 300w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-768x272.jpg 768w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-1536x543.jpg 1536w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1-800x283.jpg 800w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Treppengedicht-1.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit solchen beliebig erweiterbaren Gedichten versteht man relativ schnell, was ein Nomen (und was ein attributives Adjektiv) ist. Dabei handelt es sich um eine sinnvolle didaktische Reduktion, die die richtige Regel einf\u00fchrt. Nat\u00fcrlich gibt es dann noch einige Ausnahmen von dieser Regel (<em>im Allgemeinen <\/em>schreibt man beispielsweise gro\u00df, man kann aber kein Adjektiv zwischen <em>im <\/em>und <em>Allgemeinen <\/em>setzen), aber diese werden dann sp\u00e4ter als Sonderf\u00e4lle eingef\u00fchrt, die man sich einfach merken muss. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Literatur<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00f6ber-Siekmeyer, Christa (1999). Ein anderer Weg zur Gro\u00df- und Kleinschreibung. Leipzig, Stuttgart &amp; D\u00fcsseldorf: Klett. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist voll von Druckvorlagen und Materialen f\u00fcr Lehrerinnen und Lehrer. 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