{"id":50,"date":"2011-11-10T19:29:52","date_gmt":"2011-11-10T19:29:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=50"},"modified":"2013-06-11T07:38:56","modified_gmt":"2013-06-11T07:38:56","slug":"topik-kommentar-fokus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=50","title":{"rendered":"Topik, Kommentar, Thema und Rhema"},"content":{"rendered":"<p>Da oft allgemeine Verwirrung \u00fcber die Begriffspaare Topik \u2013 Kommentar und Thema \u2013 Rhema herrscht, hier ein kurzer Beitrag zum Thema\u00a0<em> <\/em>\u201eTopik, was ist das eigentlich?\u201c<\/p>\n<p>Am Beginn der Topik-Forschung stehen die Sprachwissenschaftler Hermann Paul (1846-1921) und Georg von der Gabelentz (1840-1893) [1]. Von der Gabelentz geht, in einem 1869 [2] in der <em>Zeitschrift V\u00f6lkerpsychologie und Sprachwissenschaft<\/em> erschienen Artikel vom Begriffspaar psychologisches Subjekt \u2013 psychologisches Pr\u00e4dikat aus:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Was bezweckt man nun, indem man zu einem Andern etwas spricht? Man will dadruch einen Gedanken in ihm erwecken. Ich glaube, hierzu geh\u00f6rt ein Doppeltes: erstens, da\u00df man des Andern Aufmerksamkeit (sein Denken) auf etwas hinleite, zweitens, da\u00df man ihn \u00fcber dieses Etwas das und das denken lasse; und ich nenne das, woran, wor\u00fcber ich den Angeredeten denken lassen will, das <em>psychologische Subjekt<\/em>, das, was er dar\u00fcber denken soll, das <em>psychologische Pr\u00e4dikat<\/em>. (von der Gabelentz 1869:378)<\/p>\n<p>In seinem Ber\u00fchmt gewordenen Buch <em>Prinzipien der Sprachgeschichte<\/em> von 1880 schreibt Hermann Paul (1920:124 [1880]) \u00e4hnliches:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das psychologische Subjekt ist die zuerst in dem Bewusstsein des Sprechenden, Denkenden vorhandene Vorstellungsmasse, an die sich eine zweite, das psychologische Pr\u00e4dikat anschliesst.<\/p>\n<p>Paul unterscheidet geschickt zwischen grammatischem und psychologischem Subjekt bzw. Pr\u00e4dikat. Meist fallen diese Kategorien zusammen, aber es gibt auch Ausnahmen. So existieren im Deutschen durchaus S\u00e4tze ohne grammatisches, aber mit psychologischem Subjekt, wie Satz (1) belegt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(1) Mich friert.<\/p>\n<p>Was von der Gabelentz und Paul als psychologisches Subjekt bezeichnen, nennt man heute Topik, sein psychologisches Pr\u00e4dikat kennt man heute als Kommentar (engl. <em>topic <\/em>und <em>comment<\/em>). Unter einem Topik versteht man grob gesagt das, worum es in einem Satz oder einem Diskurs geht. Van Kuppevelt (1994:4629) f\u00fchrt zu den Begriffen aus:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">The notions presuppose that a discourse unit U, a sentence or (part of) a discourse, has the property of being, in some sense, directed at a restricted set of entities and not at all entities that have come up in U.<\/p>\n<p>Beim Topik dieses Diskurses U handelt es sich also um dieses eingegrenzte Menge an Entit\u00e4ten. Um sie geht es in dem Diskurs (oder Teildiskurs oder Satz). Der Kommentar ist dann die Aussage, die \u00fcber das Topik gemacht werden soll. Allerdings besteht keine Einigkeit dar\u00fcber, ob es sich beim Topik nun um einen Teil des Satzes handelt oder um etwas worauf mittels eines Teiles eines Satzes referiert wird. Deshalb wird h\u00e4ufig zwischen dem Topikausdruck (engl. <em>topic expresion<\/em>) und dem Topik (der Referent des Topikausdrucks) selbst unterschieden.<\/p>\n<p><strong>Thema und Rhema<\/strong><\/p>\n<p>Die Begriffe Thema und Rhema beschreiben, was in einem Satz als bekannte Information vorausgesetzt wird und welche Information neu hinzugef\u00fcgt werden soll. Betrachten wir die van Kuppevelt (1994:4630) entnommenen S\u00e4tze in (2).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">(2) a. (Who hit Bill?)<br \/>\nJOHN hit Bill.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">b. (What did John do to Bill?)<br \/>\nJohn HIT Bill.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">c. (Who did John hit?)<br \/>\nJohn hit BILL.<\/p>\n<p>Die in Majuskeln wiedergegebenen W\u00f6rter in den S\u00e4tzen sind jeweils betont. In Satz (2a) ist somit <em>Bill<\/em>, in Satz (2b) <em>hit <\/em>und in Satz (2c) <em>Bill <\/em>jeweils die neue Information (also das Rhema). Allerdings haben die S\u00e4tze alle dasselbe Topik, in allen S\u00e4tzen geht es um John.<\/p>\n<p>Thema und Rhema d\u00fcrfen auch nicht mit dem Fokus verwechselt werden. Zwar fallen in den <em>John hit Bill<\/em>-S\u00e4tzen Fokus und Rhema zusammen. Das muss aber nicht der Fall sein.<\/p>\n<p><strong>Topik-Tests<\/strong><\/p>\n<p>Van Kuppevelt (1994:4631) nennt vier Tests, von welchen drei nur auf Nominalphrasen (NP) angewandt werden k\u00f6nnen. Beim sogennanten <strong><em>fronting test<\/em><\/strong> handelt es sich nicht nur um eine einfache Topikalisierung, also eine Verschiebung einer Phrase in die linke Satzperipherie, sondern um einen Test, bei dem ein unmarkierter Satz, der eine NP enth\u00e4lt S&lt;NP<sub>1<\/sub>&gt; nach dem Schema \u201eWas NP<sub>1<\/sub> betrifft, S&lt;NP<sub>1<\/sub>&gt;\u201c paraphrasiert wird. So l\u00e4sst sich der Satz \u201eErik trinkt eine Flasche Wein.\u201c paraphrasieren als \u201eWas Erik betrifft, Erik trinkt eine Flasche Wein.\u201c und Erik so als Topik ermitteln.<br \/>\nBeim <strong><em>about-context test<\/em><\/strong> wird ein Satz S&lt;NP<sub>1<\/sub>&gt; paraphrasiert mit \u201eSie\/Er sagte \u00fcber NP<sub>1<\/sub>, dass S&lt;NP<sub>1<\/sub>&gt;\u201c. Wenn also Alice den Satz \u201eErik trinkt eine Flasche Wein.\u201c \u00e4u\u00dfert, dann w\u00fcrde die Umschreibung etwa \u201eAlice sagte \u00fcber Erik, dass er eine Flasche Wein trinkt.\u201c Wiederum wurde Erik als Topik ermittelt.<br \/>\nBeim <strong><em>about-questions test <\/em><\/strong>wird nicht paraphrasiert, sondern eine Frage nach dem Schema \u201eWas ist mit NP<sub>1<\/sub>?\u201c erzeugt.<br \/>\nDer vierte und bekannteste Test, der<strong><em> question test<\/em><\/strong> arbeitet mit mehreren W-Fragen, auf welche der Satz S&lt;NP<sub>1<\/sub>&gt; eine direkte Antwort sein kann. Die Konstituenten des Satzes, die in allen Fragen auftaucht sollte nun das Topik sein.<br \/>\nDa alle Test L\u00fccken aufweisen, ist es sinnvoll, immer mehrere Tests durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Fehlende Einheitlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Leider besteht hinsichtlich der Terminologie keine Einheitlichkeit (van Kuppevelt 1994:4629). Dies f\u00fchrt dazu, dass Sie sich beim Lesen wissenschaftlicher Literatur immer vergewissern sollten, welche Definitionen die Autorin\/der Autor zu Grunde legt bzw. sollten Sie beim Schreiben darauf achten, dass immer pr\u00e4zise klar machen sollten, worauf genau sie Bezug nehmen.<\/p>\n<p>L<strong>iteratur:<\/strong><\/p>\n<p>Paul, H. (1920 [1880]): Prinzipien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer.<\/p>\n<p>van Kuppevelt, J. (1994): Topic and Comment. In: Asher, R. E. &amp; Simpson, J. M. Y. (Hrsg.): <em>The encyclopedia of language and linguistics<\/em>, Vol. 9. Oxford u.a.: Pergamon Press, S. 4629-4633.<\/p>\n<p>von der Gabelentz, H. G. (1869): Ideen zu einer vergleichenden Syntax: Wort- und Satzstellung. In: Zeitschrift f\u00fcr V\u00f6lkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 6, S. 376-384.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Topic%E2%80%93comment\" target=\"_blank\">englische Wikipedia<\/a> gibt an, dass eine Topik-Kommentar-Unterscheidung bereits 1844 von Henri Weil getroffen wurde. Leider konnte ich das nicht recherchieren. F\u00fcr Hinweise bin ich jedoch dankbar!<\/p>\n<p>[2] Es scheint sich eingeschlichen zu haben den Artikel auf 1868 zu datieren. Korrekt ist jedoch 1869.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ec196c5d93094cf3a0608913d9d1d63d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da oft allgemeine Verwirrung \u00fcber die Begriffspaare Topik \u2013 Kommentar und Thema \u2013 Rhema herrscht, hier ein kurzer Beitrag zum Thema\u00a0 \u201eTopik, was ist das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,29],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions\/52"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}