{"id":476,"date":"2014-09-19T11:48:36","date_gmt":"2014-09-19T11:48:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=476"},"modified":"2015-04-21T07:08:30","modified_gmt":"2015-04-21T07:08:30","slug":"warum-gibt-es-gutes-wetter-wenn-man-seinen-teller-leer-isst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=476","title":{"rendered":"Warum gibt es gutes Wetter, wenn man seinen Teller leer isst?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/33.media.tumblr.com\/d31b2bbfd88e50e60d90f651d2b7a173\/tumblr_nc5tvrnVV21qc4prdo1_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"281\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>+++++++++UPDATE+++++++++<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich habe jetzt doch noch eine vertrauensw\u00fcrdige Quelle gefunden, die ebenfalls die Wieder-Wetter-Theorie vertritt und zwar das Buch <em>Lexikon der sprichw\u00f6rtlichen Redensarten<\/em> von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lutz_R%C3%B6hrich\" target=\"_blank\">Lutz R\u00f6hrich<\/a>. Darin taucht auch der von mir erst bezweifelte Zusammenhang zwischen <em>gut Wetter machen<\/em> und dem leeren Teller wieder auf. Zu eben diesem Stichwort (\u201egut Wetter machen\u201c ) ist da zu lesen: \u201egeneigte Stimmung hervorrufen; daneben aber auch umg. und dem Volksglauben entsprechend: alles aufessen, was vorgesetzt wird. Dieser Volksglaube beruht auf einem sprachl. Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Im Ndd. wurde gesagt, wenn alles aufgegessen w\u00fcrde, g\u00e4be es am n\u00e4chsten Tag wieder etw. Gutes: \u201aGoods wedder\u2018, was im Hd. als \u201agutes Wetter\u2018 gedeutet wurde\u201c (R\u00f6hrich 1994:1722). Die Wendung \u201egut Wetter machen\u201c scheint aus dem Franz\u00f6sischen entlehnt worden zu sein. \u201eAttendre des temps meilleurs\u201c hei\u00dft zwar eigentlich \u201aauf bessere Zeiten warten\u2018, \u201etemps\u201c kann aber eben auch mit \u201eWetter\u201c \u00fcbersetzt werden. Leider f\u00fchrt R\u00f6hrich aber auch nicht weiter aus, wo er das alles her hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>++++++++++++++++++++++++<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/33.media.tumblr.com\/4847a08f0f6a1dc0fd706eacd99843f6\/tumblr_nc5nwzZnge1qc4prdo1_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"496\" height=\"279\" \/><\/strong><\/p>\n<p>Neulich fragte mich eine Freundin eine Du-bist-doch-Sprachwissenschaftler-Frage. Es ging um die Herkunft des Sprichtworts, das besagt, dass es gutes Wetter gibt, wenn man seinen Teller leer isst. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben und mit historischer Phraseologie habe ich mich noch nie befasst. Ausgangspunkt ihrer Frage war eine Herkunftstheorie, die sie geh\u00f6rt hatte und die sich \u00fcber eine Google-Suche auch schnell finden l\u00e4sst. So schreibt der Lauenburger Literaturwissenschaftler Michael Krumm im <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/ratgeber\/wissen\/article113381158\/Iss-deinen-Teller-auf-dann-gibt-es-morgen-gutes-Wetter.html\" target=\"_blank\">Hamburger Abendblatt<\/a> zur Herkunfts des Sprichtworts:<\/p>\n<blockquote><p>Die Variante \u201e&#8217;S gibt gut Wetter, &#8217;s ist alles aufgegessen\u201c befand sich schon um 1870 im \u201eDeutschen Sprichw\u00f6rter- Lexikon\u201c. Die Herkunft der Redewendung beruht aber sehr wahrscheinlich auf einem sprachlichen Missverst\u00e4ndnis. Im niederdeutschen Platt lautet die Aufforderung, alles aufzuessen, damit der Koch auch f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag motiviert ist oder nichts Aufgew\u00e4rmtes auf den Tisch kommt, n\u00e4mlich: \u201eWenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Tats\u00e4chlich soll es sich um eine Art \u201e\u00dcbersetzungsfehler\u201c handeln, denn die niederdeutsche Verschriftung <em>wedder <\/em>kann sowohl f\u00fcr \u201awieder\u2018, was angeblich urspr\u00fcnglich gemeint war, und f\u00fcr \u201aWetter stehen\u2018. F\u00fcr beides finden sich Belege in dem angegeben Lexikon, bei dem es sich wohl um Karl Friedrich Wilhelm Wanders <em>Deutschem Sprichtw\u00f6rter-Lexikon<\/em> handelt (siehe auch Schambach 1858:290). Allerdings habe ich auf die Auflage von 1870 zu\u00e4chst nicht zugreifen k\u00f6nnen. Online gibt es nur den Band von 1867 und da habe ich dazu zun\u00e4chst nichts finden k\u00f6nnen (ist aber ja auch ein anderer Band). Daf\u00fcr findet man zu der Wieder-Wetter-\u00dcbersetzungsfehler-Theorie im Netz und auch in popul\u00e4rwissenschaftlichen B\u00fcchern jede Menge Belege. Allerdings tauchen hier immer wieder die gleichen Formulierungen und insbesondere immer wieder das Wort \u201e\u00dcbersetzungsfehler\u201c auf, was darauf hindeutet, dass hier aus einer Quelle abgeschrieben wurde, die aber leider nie genannt wird. Im Netz wird auch immer wieder behauptet, dass das Sprichwort\u00a0\u00a0\u201eWenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morgen goodes wedder\u201c auch heute noch im niederdeutschen Raum in Verwendung ist. Leider habe ich daf\u00fcr keinen seri\u00f6sen Beleg gefunden. Eine wichtige Anmerkung betrifft sicherlich einen Eintrag aus dem Buch \u201eNiederdeutsche Sprichw\u00f6rter und volkst\u00fcmliche Redensarten\u201c von Rudolf Eckart (1893:103), der gegen die Wieder-Wetter-Theorie spricht: \u201eMichel, ett, dat&#8217;t g\u00f4t Wedde wat!\u201c, also \u201aMichel, iss, dass es gutes Wetter wird!\u2018 Ich denke, die Satzstellung und die Gro\u00dfschreibung belegen eindr\u00fccklich, dass es hier um das Wetter geht. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Den weiteren Beleg f\u00fcr das Sprichtwort in einer Formulierung, die der heutigen Nahe kommt, fand ich in Oskar Weises Buch \u201eUnsere Mundarten. Ihr Werden und ihr Wesen\u201c von 1910. Weise (1910:168) schreibt: \u201e[&#8230;] nach der Ansicht des Volkes, tritt schlechtes Wetter ein, wenn man etwas auf dem Teller liegen l\u00e4sst\u201c und bringt das in Zusammenhang mit der Redewendung \u201egut Wetter machen\u201c. Diese mutma\u00dfliche Verbindung scheint mir allerdings etwas seltsam, aber auch das m\u00fcsste man erst genauer recherchieren.<\/p>\n<p>Sicherlich reicht die Vorstellung eines Zusammenhangs zwischen Aufessen und gutem Wetter aber viel weiter zur\u00fcck. Au\u00dferdem darf man nicht vergessen, dass Sprichw\u00f6rter und Bauernregeln wie \u201eWenn X, dann gibt es gutes\/schlechtes Wetter\u201c im deutschen Sprachraum extrem weit verbreitet sind. Ein Beleg mit etwas anderer Formulierung stammt z.B. vom Schriftsteller Berthold Auerbach, der 1843 in seinen \u201eSchwarzw\u00e4lder Dorfgeschichten\u201c schreibt: \u201eEs gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G&#8217;schirr\u201c, woraufhin Protagonist Nazi (das ist ein Eigenname) seine Suppe so ausl\u00f6ffelt, dass laut seinen Angaben nicht mal mehr eine Wanze im Teller ertrinken k\u00f6nnte. Es ist gut vorstellbar, dass sich das Sprichwort von hier aus schnell verbreitete, denn Auerbach wurde viel rezipiert (obwohl man auch annehmen kann, dass das Sprichtwort schon damals weite Verbreitung fand).<\/p>\n<p>Einen weiteren Beleg f\u00fcr eine \u00e4hnliche Vorstellung habe ich \u00fcbrigens in oben bereits erw\u00e4hntem Sprichw\u00f6rter-Lexikon gefunden, aber in der Auflage von 1873. Allerdings handelt es sich nicht um einen niederdeutschen, sondern um einen ostmitteldeutschen, genauer einen schlesischen Beleg. Da steht: \u201eN\u00eagel mass man aufessen, dass es h\u00eamlich bleibt.\u201c Das klingt ein bisschen kryptisch, hei\u00dft aber so viel wie: Kleine Neigen (das sind vermutlich die \u00dcberreste, die auf dem Teller liegengeblieben sind) muss man aufessen, dass es heimelig bleibt (also sch\u00f6nes Wetter gibt). Man m\u00fcsste wohl noch sehr viel tiefer graben, um dem Ursprung auf die Schliche zu kommen, allerdings erscheint mir die Wieder-Wetter-Theorie nicht mehr ganz so plausibel, wie ich sie am Anfang fand.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Eckart, R. (1893): <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0543782603\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=0543782603&amp;linkCode=as2&amp;tag=sprachblogde-21&amp;linkId=DF6U4CHLPLKKM7VC\" target=\"_blank\"><em>Niederdeutsche Sprichw\u00f6rter und volkst\u00fcmliche Redensarten<\/em><\/a>. Braunschweig: Appelhans &amp; Pfenningstorff.<\/p>\n<p>R\u00f6hrich, L. (1994): <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3451054000\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3451054000&amp;linkCode=as2&amp;tag=sprachblogde-21&amp;linkId=GAEJG2FWSP77BVAE\" target=\"_blank\"><em>Lexikon der sprichw\u00f6rtlichen Redensarten<\/em><\/a>. Band 5: <em>Spie\u00df \u2013<\/em> <em>Zylinder<\/em>. 2. Auflage. Freiburg, Basel &amp; Wien: Herder.<\/p>\n<p>Schambach, F. (1858):\u00a0<em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B005GCD63A\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=B005GCD63A&amp;linkCode=as2&amp;tag=sprachblogde-21&amp;linkId=ANCPVYQWX5YFN4XR\" target=\"_blank\">W\u00f6rterbuch der niederdeutschen Mundart der F\u00fcrstenth\u00fcmer G\u00f6ttingen und Grubenhagen<\/a>. Oder: G\u00f6ttingisch-Grubenhagen&#8217;sches Idiotikon.<\/em> Hannover: Carl R\u00fcmpler.<\/p>\n<p>Wander, K. F. W. (1867): <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B005GCD63A\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=B005GCD63A&amp;linkCode=as2&amp;tag=sprachblogde-21&amp;linkId=WNQP4LR5DICCQS6A\" target=\"_blank\"><em>Deutsches Sprichw\u00f6rter-Lexikon<\/em><\/a>. <em>Ein Hausschatz f\u00fcr das deutsche Volk<\/em>. Leipzig: Brockhaus.<\/p>\n<p>Wiese, O. (1910): <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/395583347X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=395583347X&amp;linkCode=as2&amp;tag=sprachblogde-21&amp;linkId=VGGPW3L7QA7GDYPJ\" target=\"_blank\"><em>Unsere Mundarten, ihr Werden und ihr Wesen<\/em><\/a>. Leipzig &amp; Berlin: Teubner.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/f421292444464731aea4678bff734e65\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>+++++++++UPDATE+++++++++ Ich habe jetzt doch noch eine vertrauensw\u00fcrdige Quelle gefunden, die ebenfalls die Wieder-Wetter-Theorie vertritt und zwar das Buch Lexikon der sprichw\u00f6rtlichen Redensarten von Lutz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-476","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/476","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=476"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/476\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":547,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/476\/revisions\/547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=476"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=476"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=476"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}