{"id":446,"date":"2014-08-30T13:02:34","date_gmt":"2014-08-30T13:02:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=446"},"modified":"2014-09-08T18:23:53","modified_gmt":"2014-09-08T18:23:53","slug":"ein-paar-terminologische-hinweise-zu-gebaerdensprachen-und-gehoerlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=446","title":{"rendered":"Ein paar terminologische Hinweise zu Geb\u00e4rdensprachen und Geh\u00f6rlosigkeit"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 3264px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/43\/Hole%C4%8Dkova%2C_n%C3%A1pis_ve_znakov%C3%A9_%C5%99e%C4%8Di.jpg\" alt=\"\" width=\"3264\" height=\"2448\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Eine Skulptur des tschechischen K\u00fcnstlers zum Thema Geb\u00e4rdensprache (Quelle: <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:%C5%A0J%C5%AF\" target=\"_blank\">\u0160J\u016f<\/a>, <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\" target=\"_blank\">Creative Commons<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf der Webseite von hearZONE, einem Magazin f\u00fcr H\u00f6rbehinderte, habe ich gerade <a href=\"http:\/\/www.hearzone.net\/sprachen\/1825-taubstumm-wor%C3%BCber-sich-h%C3%B6rbehinderte-dermassen-aufregen?utm_content=bufferb5eef&amp;utm_medium=social&amp;utm_source=facebook.com&amp;utm_campaign=buffer\" target=\"_blank\">diesen Beitrag<\/a> \u00fcber das Wort <em>taubstumm<\/em> gelesen und warum es von vielen Geh\u00f6rlosen als Beleidigung aufgefasst wird. Das hat mich dazu veranlasst, auch mal ein bisschen war \u00fcber die Terminologie in diesem Bereich zu schreiben, denn hier gibt es ein paar sehr interessante und sch\u00f6ne Begriffe, die man kennen sollte, wenn man sich mit Geb\u00e4rdensprachen und Geh\u00f6rlosigkeit besch\u00e4ftigen m\u00f6chte.<\/p>\n<h3>Warum man nicht von \u201eTaubstummheit\u201c spricht<\/h3>\n<p>Die Begriffe <em>taubstumm<\/em> und <em>Taubstummheit <\/em>werden heute immer noch h\u00e4ufig von h\u00f6renden Menschen verwendet, wenn sie \u00fcber\u00a0Geh\u00f6rlosigkeit sprechen. Diese W\u00f6rter implizieren allerdings, dass die bezeichnete Person nicht nur taub ist, sondern auch stumm. Geh\u00f6rlose sind aber nat\u00fcrlich dazu in der Lage Laut\u00e4u\u00dferungen zu produzieren. Deswegen werden diese Begriffe h\u00e4ufig als beleidigend empfunden. Auch das Wort <em>taub<\/em> wird nur noch selten verwendet, man spricht eher von <em>geh\u00f6rlos<\/em>. Dies trifft allerdings nicht auf <em>Taubblindheit <\/em>zu, hier existiert im Deutschen kein anderer Begriff (<em>geh\u00f6rlos-blind<\/em> klingt auch seltsam).<\/p>\n<h3>Der Unterschied zwischen Kultur und audiologischem Status<\/h3>\n<p>Eine sehr sch\u00f6ne terminologische Unterscheidung in Sachen Geh\u00f6rlosigkeit stammt aus den USA, wo man zwischen Geh\u00f6rlosigkeit als rein audiologischem Status und Mitgliedern der Geh\u00f6rlosenkultur unterscheidet. Will man davon sprechen, dass jemand geh\u00f6rlos ist, schreibt man &lt;deaf&gt; mit kleinem &lt;d&gt;. Will man allerdings anzeigen, dass jemand nicht einfach nur geh\u00f6rlos ist, sondern sich als Person als Teil der Geh\u00f6rlosenkultur sieht, schreibt man &lt;Deaf&gt;, also mit gro\u00dfem &lt;D&gt; (Woodward 1972).<\/p>\n<p>Dass es \u00fcberhaupt eine eigenst\u00e4ndige Geh\u00f6rlosenkultur gibt, ist vielen H\u00f6renden gar nicht klar. Aber die Geh\u00f6rlosen eines Landes verf\u00fcgen nicht nur \u00fcber eine eigene Sprache, n\u00e4mlich eine Geb\u00e4rdensprache, sondern sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Poesie, eigene Lieder und eigene Konventionen im Umgang miteinander. Zur Sprache \u00fcbrigens noch eine Anmerkung: Derzeit sind 138 verschiedene Geb\u00e4rdensprachen auf der Welt bekannt, die 5.000.000 Sprecherinnen und Sprecher haben. Es ist allerdings zu vermuten, dass es weitaus mehr Geb\u00e4rdensprachen gibt, die nur noch nicht untersucht worden sind. <a href=\"http:\/\/www.ethnologue.com\/subgroups\/deaf-sign-language\" target=\"_blank\">Hier<\/a> gibt es eine Liste aller bekannten Geb\u00e4rdensprachen der Welt.<\/p>\n<h3>Noch mehr \u00fcber Geb\u00e4rdensprachen<\/h3>\n<p>Auch hinsichtlich der Geb\u00e4rdensprachen gibt es ein paar terminologische Anmerkungen, die ich loswerden m\u00f6chte. Im Englischen nennt man eine Geb\u00e4rdensprache <em>sign language<\/em>. Oft will man dann \u00fcber Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Laut- und Geb\u00e4rdensprachen schreiben und das klingt dann komisch: <em>sign languages and spoken languages<\/em>. Deswegen gehen immer mehr Autoren dazu \u00fcber, nicht mehr von <em>sign languages<\/em>, sondern von <em>signed<\/em>\u00a0<em>languages<\/em> zu sprechen, denn dann ist die Asymmetrie aufgehoben: <em>signed and spoken languages.<\/em><\/p>\n<p>Interessant sind auch die Namen der Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft. Zum Beispiel ist die Lehre von den Lauten einer Sprache die <em>Phonologie<\/em>. Das griechische Wort <i>ph\u014dn\u1e17<\/i> bedeutet \u201aLaut\u2018 oder \u201aStimme\u2018. Wenn man allerdings die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Geb\u00e4rdensprache untersuchen will, so ist es nat\u00fcrlich etwas bl\u00f6d, einfach auch von Phonologie zu sprechen. Deswegen hat z.B. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_Stokoe\" target=\"_blank\">William Stokoe<\/a> (1960), der Pionier der Geb\u00e4rdensprachenlinguistik, vorgeschlagen von Cherologie (vom griechischen Wort f\u00fcr Hand) zu sprechen.<\/p>\n<p>Allerdings spricht man heute trotzdem von Phonologie. Stokoes Vorschlag hat sich nicht durchgesetzt. Das hat aber einen guten Grund. Man hat den Begriff Cherologie nicht weiter benutzt, weil man betonen wollte, dass die Unterschiede zwischen Laut- und Geb\u00e4rdensprachen nicht so gro\u00df sind, wie man fr\u00fcher immer angenommen hatte. Um zu zeigen, dass Geb\u00e4rdensprachen, wie Lautsprachen auch, vollst\u00e4ndige Sprachen sind, mit denen man alles zum Ausdruck bringen kann, was man mit jeder anderen Sprache auch sagen kann, hat man beschlossen, auch von Phonologie zu sprechen.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Stokoe, W. C. (1960): <em>Sign Language Structure: An Outline of the visual communication systems of the American deaf<\/em>. Buff\u001balo: Department of Anthropology and Linguistics, University of Bu\u001balo.<\/p>\n<p>Woodward, J. (1972): Implications for Sociolinguistic Research among the<br \/>\nDeaf. In: <em>Sign Language Studies<\/em>, 1. S. 1-7.<br \/>\n \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/91ad155507a046dba15491912381b972\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Webseite von hearZONE, einem Magazin f\u00fcr H\u00f6rbehinderte, habe ich gerade diesen Beitrag \u00fcber das Wort taubstumm gelesen und warum es von vielen Geh\u00f6rlosen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,14],"tags":[],"class_list":["post-446","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-gebardensprache"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/446","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=446"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":457,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}