{"id":37,"date":"2011-07-13T20:40:13","date_gmt":"2011-07-13T20:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=37"},"modified":"2011-07-14T15:07:16","modified_gmt":"2011-07-14T15:07:16","slug":"versuch-einer-teil-antwort-auf-%e2%80%9ewhy-ambiguity%e2%80%9c-von-ariel-cohen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=37","title":{"rendered":"Versuch einer (Teil-)Antwort auf \u201eWhy Ambiguity?\u201c von Ariel Cohen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zusammenfassung von <a href=\"http:\/\/www.zas.gwz-berlin.de\/fileadmin\/material\/40-60-puzzles-for-krifka\/pdf\/cohen.pdf\" target=\"_blank\">Cohens Frage<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p>In einem der \u201e40 to 60 puzzles for Krifka\u201c stellt Ariel Cohen die Frage, warum es in allen Sprachen der Welt Amibguit\u00e4t gibt. Und tats\u00e4chlich, wie Cohen auch richtig bemerkt, gibt es kaum einen Satz in einer Sprache, der nicht ambig ist. Auch kommt er zu dem Schluss, dass Menschen zwar \u00fcber Mechanismen verf\u00fcgen Amibguit\u00e4ten aufzul\u00f6sen, dies aber nicht erkl\u00e4rt, warum es in allen Sprachen der Welt Ambiguit\u00e4t gibt. Weiter denkt er dar\u00fcber nach, ob die Ambiguit\u00e4t der Sprachen vielleicht auf deren Komplexit\u00e4t her r\u00fchrt und f\u00fchrt an, dass etwa Programmiersprachen dazu entwickelt wurden nicht-ambig zu sein.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist auch seine sprach\u00f6komische Argumentation hinsichtlich H\u00f6rer und Sprecher. W\u00e4hrend es f\u00fcr den H\u00f6rer ideal w\u00e4re, w\u00fcrde es keine Ambiguit\u00e4ten geben, da so weniger Missverst\u00e4ndnisse auftreten w\u00fcrden, w\u00e4re es f\u00fcr den Sprecher von Vorteil, wenn seine Sprache maximal ambig w\u00e4re, \u201eso that one word would mean everything.\u201c Sein Beispiel <em>kid<\/em>, das sowohl <em>child<\/em>, als auch <em>young goat<\/em> bedeuten kann, zeigt allerdings, dass, obwohl es im Englischen ein Wort gibt, das beides bedeuten kann, das Wort <em>child <\/em>nicht einfach verschwindet. Das bedeutet, dass Ambiguit\u00e4t nicht dazu f\u00fchrt, dass es weniger Ausdr\u00fccke in einer Sprache gibt, sondern im Gegenteil mehr. \u201eQuite the contrary, in fact: languages tend to be redundant, i.e. use several expressions to express the same meaning.\u201c<\/p>\n<p>Cohen fasst seine Frage so zusammen: \u201eWe seem to be forced to the conclusion that there is some pressure on languages to be ambigous: there is some advantage to using an ambigous language.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00dcberlegungen zu einer (Teil-)Antwort:<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich darauf hinweise, dass nicht nur (lautsprachliche) Kommunikation von Ambiguit\u00e4t betroffen ist, wie wir etwa von Kippbildern wissen. Die folgende Abbildung zeigt etwa ein Kippbild aus Joseph Jastrows Aufsatz <em>The minds eye<\/em>. Einerseits kann man darin eine Ente sehen oder auch einen Hasen. Diese Illusion w\u00fcrde allerdings verschwinden, w\u00fcrde man den Kopf der Ente auf einen Entenk\u00f6rper montieren und in einen See neben andere Enten setzen w\u00fcrde. Genauso w\u00fcrde man keine Ente mehr sehen, w\u00fcrde man den Hasenkopf auf einen Hasenk\u00f6rper setzen und auf einer Wiese neben anderen Hasen plazieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Duck-Rabbit_illusion.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-38\" title=\"Duck-Rabbit_illusion\" src=\"http:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Duck-Rabbit_illusion-300x202.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" srcset=\"https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Duck-Rabbit_illusion-300x202.jpg 300w, https:\/\/www.sprach-blog.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Duck-Rabbit_illusion.jpg 519w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Jastrows \u201educk-rabbit illusion\u201c<br \/>\n(http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Duck-Rabbit_illusion.jpg)<\/p>\n<p>Da  es sich bei S\u00e4tzen nicht um einzelne Zeichen handelt, die uns jeden Tag begegnen, k\u00f6nnen wir deren exakte Bedeutung nicht kennen. Und das m\u00fcssen wir auch nicht, denn S\u00e4tze tauchen in nat\u00fcrlichen Sprachen so gut wie nie ohne Kontext auf (im Gegensatz zu den meisten linguistischen Beispiels\u00e4tzen!). Es ist nur schwer vorstellbar, dass jemand auf der Stra\u00dfe zu ihnen kommt und ihnen mitteilt, dass John ein Kind hat. Handelt es sich dagegen um ein tats\u00e4chliches Gespr\u00e4ch dann gibt es in diesem Fall mehrere  M\u00f6glichkeiten: John ist der Vater eines Kindes (Sohn oder Tochter) oder John betreut ein Kind (Junge oder M\u00e4dchen). Wir m\u00fcssen aber davon ausgehen, dass ein <em>common ground <\/em>(Stalnaker 1974), also ein Wissen besteht, von dem die Sprecherin ausgeht, dass es die H\u00f6rerin besitzt. Und nur aufgrund dieses <em>common ground<\/em> wird sie eine \u00c4u\u00dferung machen. Ein Missverst\u00e4ndnis entsteht diesen \u00dcberlegungen zufolge also nicht daraus, dass der von ihr ge\u00e4u\u00dferte Satz ambig ist, sondern daraus, dass sie eine falsche Annahme macht und die H\u00f6rerin eine R\u00fcckfrage stellen muss.<\/p>\n<p>Dass es sich bei der \u201eDebatte \u00fcber Jugendkriminalit\u00e4t im Bundestag\u201c, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 17.01.2008 bespricht nicht um Jugendliche geht, die im Bundestag kriminell sind, ergibt sich aus unserem Weltwissen. Auch der vielziterte Satz <em>I saw the man with the binoculars<\/em> ist nur in Isolation ambig. Oder anders gesagt: Der Hauptquell der Ambiguit\u00e4t in nat\u00fcrlichen Sprachen ist Dekontextualisierung. Und genau das ist der Grund, warum k\u00fcnstliche Sprachen (wie Programmiersprachen) nicht ambig sind: Sie haben keine Verkn\u00fcpfung mit der uns umgebenden Welt und m\u00fcssen dementsprechend nicht interpretiert werden.<\/p>\n<p>Dass Sprachen dazu tendieren redundant zu sein, wie es Cohen anf\u00fchrt, sehe ich auch so. Dies auf  Ausdr\u00fccke anzuwenden, die die gleiche Bedeutung haben, halte ich f\u00fcr schwierig. Gibt es tats\u00e4chlich so viele W\u00f6rter, die das gleiche bedeuten? Selbst bei den wenigen als prototypisch zu wertenden Beispielen wie Z\u00fcndholz vs. Streichholz und Apfelsine vs. Orange werden, je nachdem welches Wort man verwendet, gewisse Unterschiede festzustellen sein (sagen Sie mal einem \u00d6sterreicher, Sie h\u00e4tten gerne eine Apfelsine). So w\u00fcrde ich z.B. von einem Z\u00fcndholz sprechen, wenn ich eine Geschichte schreiben w\u00fcrde, die in einem alten Herrenhaus spielt, aber nicht, wenn ich auf der Stra\u00dfe jemanden um Feuer bitte. Und wenn ich eine Orange verkaufen wollte, w\u00fcrde ich sie als Apfelsine anpreisen. Dennoch handelt es sich um strikte Synonymie (beim Z\u00fcndholzfall wohl um zwei W\u00f6rter aus unterschiedlichen Zeiten, beim Apfelsinenfall um einen regionalen Unterschied). Aber viele F\u00e4lle lassen sich nicht finden. Schon bei Zimmer vs. Gemach und erst recht bei Pferd vs. Klepper f\u00e4llt auf, dass es deutliche Unterschiede in der Bedeutung (sei es stilistisch oder wertend) gibt und dies l\u00e4sst sich sprach\u00f6konomisch gut erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Cohen, Ariel (2006): Why Ambiguity. <a href=\"http:\/\/www.zas.gwz-berlin.de\/fileadmin\/material\/40-60-puzzles-for-krifka\/pdf\/cohen.pdf\" target=\"_blank\">http:\/\/www.zas.gwz-berlin.de\/fileadmin\/material\/40-60-puzzles-for-krifka\/pdf\/cohen.pdf<\/a>, zuletzt eingesehen am 11.7.2011.<\/p>\n<p>Jastrow, J. (1899): The mind&#8217;s eye. In: Popular Science Monthly, 54, S. 299-312.<\/p>\n<p>Stalnaker, R. (1974): Pragmatic presuppositions. In: Munitz, M. K. &amp; Unger, P. K. (Hrsg.): Semantics and philosophy. New York: New York Univeristy Press, S. 197-213.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/c3a86f2d95954234955805e185ae3806\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung von Cohens Frage: In einem der \u201e40 to 60 puzzles for Krifka\u201c stellt Ariel Cohen die Frage, warum es in allen Sprachen der Welt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28,9],"tags":[],"class_list":["post-37","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ambiguitat","category-semantik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37\/revisions\/40"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}