{"id":290,"date":"2013-01-23T13:47:00","date_gmt":"2013-01-23T13:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=290"},"modified":"2013-01-23T13:52:51","modified_gmt":"2013-01-23T13:52:51","slug":"die-negation-im-mittelhochdeutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=290","title":{"rendered":"Die Negation im Mittelhochdeutschen"},"content":{"rendered":"<p>Mein Staatsexamen steht ja kurz bevor und ich soll heute im Kandidatenkolloquium noch was \u00fcber den Wandel der deutschen Negation erz\u00e4hlen. Daher habe ich mir gedacht, ich k\u00f6nnte das ganze doch gleich auch f\u00fcr dieses Blog aufbereiten. Ich w\u00fcrde ja eigentlich viel lieber \u00fcber aktuellere Themen berichten, aber dazu komme ich erst wieder im Sommer, wenn die Pr\u00fcfungen vorbei sind. Hier also ein bisschen was \u00fcber den Negationswandel.<\/p>\n<h3>Jespersen-Zyklus &#8230; oder auch nicht?<\/h3>\n<p>Immer wieder wird angenommen, die deutsche (Satz-)Negation habe den sogenannten Jespersen-Zyklus durchlaufen. Otto Jespersen hatte n\u00e4mlich in seinem 1917 erschienenen B\u00fcchlein\u00a0<em>Negation in English and other languages (<\/em>eine wirkliche lesenswerte Lekt\u00fcre) beobachtet, dass in einigen Sprachen im Laufe der Zeit der Negationstr\u00e4ger geschw\u00e4cht wird (Stufe I). Um diese Schw\u00e4chung wieder auszugleichen (schlie\u00dflich macht es ja einen enormen Unterschied, ob ein Satz negiert ist oder nicht) wurde die Negation durch die Hinzuf\u00fcgung eines weiteren Negationsausdrucks wieder gest\u00e4rkt (Stufe II). Im Zuge der weiteren Entwicklung wird dann der urspr\u00fcngliche Negationstr\u00e4ger wieder getilgt (Stufe III).<\/p>\n<p>Im Althochdeutschen wurde ein Satz negiert, indem dem finiten Verb der Negationstr\u00e4ger <em>ni<\/em>\u00a0vorangestellt wurde. Siehe dazu das Beispiel in (1), zitiert nach N\u00fcbling (2006:103).<\/p>\n<p>(1) ahd.<em> d\u00ea d\u00e2r trinkit fon thesemo uuazzare thaz ih gibu <strong>ni<\/strong> thurstit zi \u00eauuidu<\/em><br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Wer von dem Wasser trinkt, das ich gebe, den d\u00fcrstet nicht in Ewigkeit<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;(Tatian 87,3)<\/p>\n<p>Schon ab dem Sp\u00e4talthochdeutschen kam es jedoch zu einer Schw\u00e4chung des Negationstr\u00e4gers\u00a0<em>ni<\/em>, was sich in h\u00e4ufigen Klitisierungen wiederspiegelt (z.B. ahd. <em><strong>n<\/strong>indrinnes <\/em>&gt; nhd.\u00a0<em>nicht entrinnest<\/em>). Fast zeitgleich kam es zu einer Negationsverst\u00e4rkung durch Hinzuf\u00fcgung von\u00a0<em>niht,\u00a0<\/em>so dass es zu folgender Struktur kam:<\/p>\n<p>(2)\u00a0<em>ni<\/em> + finites Verb +\u00a0<em>niht<\/em><\/p>\n<p>Es handelt sich dabei also um eine klammernde Mehrfachnegation, wie wir sie auch aus dem Franz\u00f6sischen kennen (z.B. <em>L&#8217;escargot <strong>ne<\/strong> va <strong>pas<\/strong> \u00e1 la piscine<\/em>), die allerdings nur einen einfache Negation zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Ab dem 15. Jahrhundert beginnen die Klitika wieder zu verschwinden, bereits im 17. Jahrhundert finden sie sich nicht mehr. Es bleibt nur noch unser heutiges\u00a0<em>nicht\u00a0<\/em>\u00fcbrig. Vom Mittelhochdeutschen, das neben\u00a0<em>niht<\/em> auch noch die aus dem althochdeutschen\u00a0<em>ni<\/em> entstandenen Negationstr\u00e4ger\u00a0<em>ne<\/em>,\u00a0<em>en<\/em> und\u00a0<em>n\u00a0<\/em>kannte, wird allgemein angenommen, dass es haupts\u00e4chlich mit doppelter Negation als Grundstruktur arbeitete. Dem widerspricht allerdings eine empirische Untersuchung von J\u00e4ger (2008:215ff.), die in mhd. Texten nur in 4 bis 27 Prozent der F\u00e4lle eine doppelte Negation gefunden haben will (ich denke, hier w\u00e4re eine gro\u00dfangelegte Studie vonn\u00f6ten). Fleischer (2011:231) bringt es auf den Punkt (Hervorhebung von mir):<\/p>\n<blockquote><p>Wahrscheinlich wird die doppelte Negation, die ja im Mittelhochdeutschen durchaus vorkommt, als besonders typisch wahrgenommen, weil sie eine im Neuhochdeutschen nicht mehr m\u00f6gliche Struktur darstellt und deshalb im Vergleich zum Neuhochdeutschen besonders \u201aauff\u00e4llig\u2018\u00a0ist. In diesem Zusammenhang zeigt sich der verzerrende Effekt der kritischen Ausgaben mittelhochdeutscher Texte deutlich: <strong>Die Herausgeber \u201aklassischer\u2018 mittelhochdeutscher Texte f\u00fcgten h\u00e4ufig die Negationspartikel en in ihren Ausgaben hinzu<\/strong> [\u2026].<\/p><\/blockquote>\n<p>Scheinbar wurde die doppelte Negation im Deutschen also nicht h\u00e4ufig oder jedenfalls nicht lange gebraucht. Oder in anderen Worten:Die zweite Stufe des Jespersen-Zyklus scheint im Deutschen kaum aufgetreten zu sein.<\/p>\n<h3>Der Negativ exzipierende Satz<\/h3>\n<p>Im Mittelhochdeutschen gibt es S\u00e4tze, die eine Einschr\u00e4nkung eines \u00fcbergeordneten Satzes ausdr\u00fccken, dabei jedoch eine f\u00fcr uns ungew\u00f6hnliche Form annehmen. Diese untergeordneten S\u00e4tze enthalten eine einfache Negation mit\u00a0<em>ne,\u00a0<\/em>sehen aus wie Haupts\u00e4tze und sind konjunktivisch. Klingt kompliziert?\u00a0Hier drei Kennzeichen, die uns einen negativ exzipierenden Satz erkennen lassen (<em>exzipierend<\/em> hei\u00dft einfach \u201aeine Ausnahme bildend\u2018) (nach Hennings 2003:200):<strong><em><br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Der Satz enth\u00e4lt eine einfache Negation mit <em>ne<\/em><\/li>\n<li>Der Satz weist die Wortstellung eines Hauptsatzes auf<\/li>\n<li>Das Verb steht im Konjunktiv<\/li>\n<\/ol>\n<p>Negativ exzipierende S\u00e4tze werden \u00fcbersetzt mit\u00a0<em>es sei denn, dass<\/em> oder mit\u00a0<em>wenn nicht,\u00a0<\/em>wie im nachfolgenden Beispiel dargestellt (aus Hennings 2003:201):<\/p>\n<p>(3) mhd.\u00a0<em>mich enmac getr\u0153sten niemen, si entuoz<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201a<\/em>Mir vermag niemand Hoffnung zu geben, es sei denn, dass sie es tut\u2018<\/p>\n<p>Allerdings kann die Negation mit\u00a0<em>ne<\/em> auch fehlen, wenn sie schon im \u00fcbergeordneten Satz ausgedr\u00fcckt wurde:<\/p>\n<p>(4) mhd.\u00a0<em>ich ensinge niht, ez wolde tagen<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201a<\/em>Ich singe nicht, es sei denn, dass es Tag werden will\u2018<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p><b>Fleischer<\/b>, J. (in Zusammenarbeit mit Oliver Schallert) (2011): <i>Historische Syntax des Deutschen. Eine Einf\u00fchrung<\/i>. T\u00fcbingen: Gunter Narr.<\/p>\n<p><b>Hennings<\/b>, T. (2003): <i>Einf\u00fchrung in das Mittelhochdeutsche<\/i>. 2., durchgesehene und verbesserte Auflage. Berlin &amp; New York: Walter de Gruyter.<\/p>\n<p><b>J\u00e4ger<\/b>, A. (2008): <i>History of German Negation<\/i>. Amsterdam: John Benjamins. (= Linguistics Today, 118).<\/p>\n<p><b>Jespersen<\/b> , O. (1917): <i>Negation in English and other languages<\/i>. Kopenhagen: Andr. Fred. H\u00f8st &amp; Son.<\/p>\n<p><b>N\u00fcbling<\/b> , D. (in Zusammenarbeit mit Dammel, A., Duke, J. &amp; Szczepaniak, R.) (2006): <i>Historische Sprachwissenschaft des Deutschen<\/i>. <i>Eine Einf\u00fchrung in die Prinzipien des Sprachwandels<\/i>. T\u00fcbingen: Gunter Narr.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/c0960526c2ee49dc9e476739115bdc35\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Staatsexamen steht ja kurz bevor und ich soll heute im Kandidatenkolloquium noch was \u00fcber den Wandel der deutschen Negation erz\u00e4hlen. Daher habe ich mir<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58,27,57,55,56],"tags":[59],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/290"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=290"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":293,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions\/293"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}