{"id":196,"date":"2012-12-16T16:29:36","date_gmt":"2012-12-16T16:29:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=196"},"modified":"2013-01-12T10:13:16","modified_gmt":"2013-01-12T10:13:16","slug":"ein-monovokalischer-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprach-blog.de\/?p=196","title":{"rendered":"Ein monovokalischer Roman"},"content":{"rendered":"<p>Am Wochenende war ich auf einer Lesung an meiner <a href=\"http:\/\/www.uni-muenchen.de\/index.html\" target=\"_blank\">Heimatuniversit\u00e4t<\/a>, auf der Reinhard Ammer aus seinem Roman \u201eElfenfeld\u201c gelesen hat. Ammer hat sich \u2013 in die Traditionslinie von Ernst Jandl und Robert Gernhardt stellend \u2013 an einem Roman versucht, der nur den Vokal \u201ee\u201c enth\u00e4lt. Alle anderen Vokale wurden verbannt. Ich dachte mir, es w\u00e4re nett, diesen monovokalischen Roman zum Anlass zu nehmen, um hier kurz aus linguistischer Perspektive die Fragen zu erl\u00e4utern, ob und warum es m\u00f6glich ist im Deutschen eine Geschichte mit nur einem Vokal zu schreiben. Bevor wir das kl\u00e4ren, hier aber ein kurzer Textauszug, den ich auf <a href=\"http:\/\/wil1l8r1a.homepage.t-online.de\/ra.htm\" target=\"_blank\">Ammers Internetseite<\/a> gefunden habe:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #000080; font-family: Verdana; font-size: small;\"><em>Der Flecken Melk beherbergt elf Gesellen, welche Pferde metzgen. Elf beklemmend enge Gehege legen deren letztes Lebenseckchen fest. Neben den Geldschwemmen, welche den elenden Kleppern entpre\u00dft werden, melken jene Metzger erzfrech jedwede pferdefremde Geldqvelle. Es werden Spelzen, denen jeder Wert fehlt, verwendet; es werden enthemmt Hennen nebst Eseln geklemmt; es werden Werte Fremder entwendet! Selbst Menschen werden verschleppt! Es lebe der Mehrwert, hehe! Den Kern des Lebens, denkt jeder der elf Schwerverbrecher, verfehle jedes bedenkenschwere Seelchen, dessen hehres Ehrengewese dem Gelde den ersten Stellenwert verwehre. Wer des Lebens eherne Gesetze kenne, der mehre es, fern jeder bremsenden Bedenken, selbst wenn es Menschen verletze, verbrenne, versehre!<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Blick auf den Text beantwortet die erste Frage, ob es n\u00e4mlich m\u00f6glich ist, eine auf Deutsch verfasste Geschichte mit nur einem Vokal zu schreiben: Es ist leider nicht m\u00f6glich. Oder zumindest w\u00e4re es ein extrem schwieriges Unterfangen. Im Text wird zwar konsequent das Graphem &lt;e&gt; verwendet, gesprochen wird aber nicht immer [e], sondern h\u00e4ufig auch [\u0259], wie z.B. bei <em>Geld<strong>e<\/strong><\/em> oder [\u0250], wie z.B. in <em>Fremd<strong>er<\/strong><\/em>. Das tut der k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t des Werks nat\u00fcrlich keinen Abbruch und nimmt einem auch nicht den Spa\u00df am Lesen! Ist aber aus wissenschaftlicher Perspektive ganz interessant, weil es wieder einmal zeigt, wie sehr wir in unserer schriftzentrierten Kultur auf die Buchstaben fixiert sind. Ein Problem, das in der Linguistik immer wieder auftritt!<\/p>\n<p>Die zweite Frage, n\u00e4mlich warum es m\u00f6glich ist, einen Text, der nur aus so \u00e4hnlichen Vokalen besteht, zu verfassen, erscheint mir nicht unspannend! Denn bei genauer \u00dcberlegung scheint es doch seltsam zu sein, dass eine Sprache es erm\u00f6glicht, mit nur einem Vokal so viel Vokabular zu produzieren. Dabei spielt sicherlich eine Rolle, dass das &lt;e&gt; das h\u00e4ufigste Graphem im Deutschen darstellt. Allerdings muss man sich fragen, warum das so ist. Ich denke, die Frage l\u00e4sst sich mit einem Blick in die deutsche Sprachgeschichte erhellen. Im Althochdeutschen traten n\u00e4mlich in den Nebensilben noch zahlreiche Vokale auf. Im Zuge der sogenannten Nebensilbenabschw\u00e4chung, wurden diese Vokale aber entweder zu einem Schwa-Laut abgeschw\u00e4cht oder fielen aus. Dies hat mit einer Verlagerung des Wortakzents zu tun, der urspr\u00fcnglich frei war und sich im Laufe der Zeit zu einer bis heute erhaltenen Stammbetonung verlagerte. Dies l\u00e4sst sich an den nachfolgenden althochdeutschen und mittelhochdeutschen Beispielen sehen:<\/p>\n<p>ahd. <em>keisur<\/em> &gt; mhd. <em>keiser<br \/>\n<\/em>ahd.<em> geban &gt; <\/em>mhd.<em> geben<\/em><\/p>\n<p>Wie schon gesagt, tut das dem Buch keinen Abbruch und es handelt sich bestimmt um ein nettes Weihnachtsgeschenk \ud83d\ude42 Mich hat das \u00fcbrigens an eines meiner Lieblingsst\u00fccke von Heinz Erhardt erinnert, das ich euch nat\u00fcrlich nicht vorenhalten will:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/GoX8v1DZv9k?feature=player_detailpage\" height=\"277\" width=\"490\" frameborder=\"0\"><\/iframe><br \/>\n<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>[amazon-product align=&#8220;center&#8220; alink=&#8220;0000FF&#8220; bordercolor=&#8220;000000&#8243; height=&#8220;240&#8243;]3937000100[\/amazon-product]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende war ich auf einer Lesung an meiner Heimatuniversit\u00e4t, auf der Reinhard Ammer aus seinem Roman \u201eElfenfeld\u201c gelesen hat. 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